Der Kunstverein Frauenfeld lädt zu Grillgis wundersamem Streifzug durch die Welten ein

«Zwirn mit Hirn»: Posthum zeigt der Kunstverein im Bernerhaus Erich «Grillgi» Weber solo mit seiner textilen Kunst. Seine zeitaufwendigen Arbeiten bestehen aus lauter Bezügen in die Kunst- und Zeitgeschichte.

Mathias Frei
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Beim Kunstverein Frauenfeld.

Beim Kunstverein Frauenfeld.

(Bild: Andrea Stalder)
Erich «Grillgi» Weber (1956 bis 2018).

Erich «Grillgi» Weber (1956 bis 2018).

(Bild: PD/Anton Weibel)

Das Grelle, Überbunte, Überbordende ist zuerst, alles lebt – ineinander, miteinander, nebeneinander. Dann geht man auf die Reise durch die Kulturgeschichte dieser Welt. Ein- und Ausstieg überall möglich, weil Halt auf Verlangen. Mit dem Zügli von religiösen Götzen Asiens oder Südamerika bis zur Popkultur, von Adam und Eva, über die lexikalische Tierwelt bis zu Donald Trump. Was muss das für ein ausserordentlicher Mensch gewesen sein, dieser Erich Weber, 1956 geboren, der sich schon in jungen Jahren den Künstlernamen Grillgi gab und im Jahr 2018 verstarb.

Beim Kunstverein Frauenfeld.

Beim Kunstverein Frauenfeld.

(Bild: Andrea Stalder)

In einem Selbstporträt anlässlich einer Gruppenausstellung beim Kunstverein Frauenfeld 2013 schreibt Weber:

«Als Abkömmling einer langen Reihe von Textilarbeitern ist es eine Art Atavismus, dass ich – mit dem Namen Weber – früher oder später beim Textilen gelandet bin.»
Beim Kunstverein Frauenfeld.

Beim Kunstverein Frauenfeld.

(Bild: Andrea Stalder)

Der Kunstverein Frauenfeld präsentiert Webers Werk in einer ersten Einzelausstellung als posthume Retrospektive. Kuratiert haben sie Anton Weibel und Martha Oehy. Die Schau ist wohl die letzte Gelegenheit, das Gesamtwerk zu sehen. Webers Witwe will zurück nach Thailand. Seine Bilder werden deshalb wohl grossmehrheitlich verkauft.

Beim Kunstverein Frauenfeld.

Beim Kunstverein Frauenfeld.

(Bild: Andrea Stalder)

Am Anfang war «Die grosse Strafarbeit»

Grillgis textile Kunst war aber auch zeitlebens höchst selten zu sehen. 2012 rutschte er mit dem vier Quadratmeter grossen Textilbild «Die grosse Strafarbeit» (Entstehungszeit: zweieinhalb Jahre) per Zufall in die Ausstellung «100'000 Stunden» im Kunstmuseum Thurgau nach. Wie Weibel, Galerist des Kunstvereins, weiss, kannten sich Weber und der damalige Kurator Felix Ackermann aus gemeinsamen Diensttagen. Ein Jahr später folgte die bereits erwähnte Ausstellung in Frauenfeld, zu der Weber zehn Textilbilder beitrug. Für eine erste Einzelausstellung nahm Weibel später wieder Kontakt auf mit Weber. Auf eine Krebserkrankung folgte dann aber der Tod. Weibel sagt:

«Grillgi hatte Mühe, sich von seinen Werken zu trennen. Deshalb hat er kaum verkauft und nahm eben höchst selten an Ausstellungen teil.»
Beim Kunstverein Frauenfeld.

Beim Kunstverein Frauenfeld.

(Bild: Andrea Stalder)

Grillgis Arbeiten sind höchst zeitaufwendig. Seine Techniken verfeinerte respektive erweiterte er mit den Jahren der Beschäftigung. In seinem Zwanzigerjahren begann er mit Stoffresten Bilder zu nähen, vergleichbar mit dem Herstellen von Quilts, wobei seine Motive figurativ waren, nicht ornamental. Die Motive nennt er «Gschichtli». Später malte er seine Bilder mit Garn oder sogar Wolle, indem er damit stickte. Wenn er immer und immer wieder überstach, brachte er sogar leichte Plastizität ins Bild. Grundlage für die Arbeiten bildete ein Trägerstoff, auf dem er skizzierte und sich dann von oben nach unten arbeitete.

Beim Kunstverein Frauenfeld.

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(Bild: Andrea Stalder)

Weber war Autodidakt und lebte zurückgezogen, lange am Untersee, am Schluss im Toggenburg. Aber er war kein Aussenseiter. Weibel sagt, er sei ein belesener Mensch gewesen, das Zeitgeschehen kritisch reflektierend. Seine riesige Bibliothek ist komplett zweiter Hand. Seine Stoffe und Wollen hat er auf Velotouren zum Beispiel in Brockenhäusern und als Restposten zusammengekauft. Auf Flohmärkten hat sich der ausgebildete Kaufmann seinen Lebensunterhalt verdient.

Beim Kunstverein Frauenfeld.

Beim Kunstverein Frauenfeld.

(Bild: Andrea Stalder)

Weber war Wiederverwerter und visueller Vernetzer. Wären seine Bilder ein Hypertext, würden sie aus lauter Verlinkungen in die Zeit- und Kunstgeschichte bestehen. Überall Bezüge in die Welt hinaus. Die Gesichter der Menschen, Tiere und Tiermenschen haben Ausdruck, die Motive sind detailreich. Alles ist dort, wo es sein muss. Wolle in Neonfarben zu verwenden, braucht Mut. Den hatte Grillgi.

Erich «Grillgi» Weber, «Zwirn mit Hirn». Bis 4.Oktober. Sa, 10-12 und 14-17 Uhr, So, 14-17 Uhr. Kunstverein Frauenfeld.

www.kunstverein-frauenfeld.ch

Beim Kunstverein Frauenfeld.

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(Bild: Andrea Stalder)
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