Der Kanton Thurgau will ins Elektroauto einsteigen – er muss sich aber sputen

Der Grundlagenbericht «Chancen der Elektromobilität für den Kanton Thurgau» kommt erst 2019 in den Grossen Rat. Trotzdem bereitet der Kanton bereits erste Massnahmen daraus vor. Auch die Wirtschaft investiert fleissig.

Larissa Flammer
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Eine E-Ladestation beim Bahnhof Bischofszell Stadt. (Bild: Donato Caspari)

Eine E-Ladestation beim Bahnhof Bischofszell Stadt. (Bild: Donato Caspari)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Seit Mai dieses Jahres hat die St.Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG (SAK) im Thurgau vier Ladestationen für Elektroautos in Betrieb genommen. Erst vor wenigen Wochen kam diejenige bei der Migros in Müllheim dazu. Doch warum ist es ein Energieversorgungsunternehmen aus den Nachbarkantonen, das im Thurgau die Elektromobilität vorantreibt?

Das Thurgauer Energieunternehmen (EKT AG) verfolgt eine andere Strategie. Die EKT betreibt selber keine öffentlichen E-Ladestationen. Mediensprecherin Martina Kaiser sagt: «Der Fokus liegt in der Entwicklung von individuellen Kundenlösungen.»

Die Prognose zeige, dass die Ladung der Elektrofahrzeuge in 65 Prozent der Fälle zu Hause erfolgen werde und in 30 Prozent am Arbeitsplatz oder anderen wichtigen Aufenthaltsorten. Deshalb sagt Kaiser: «Die EKT sieht ihre Kernkompetenzen im Bereich E-Mobilität im ganzheitlichen Ansatz – also unter Einbezug von dezentraler Energieproduktion, Stromspeicherung und Verbrauchsoptimierung.» Das Unternehmen konzentriere sich nicht auf die Ladeinfrastruktur, sondern auf die Ladeintelligenz.

Bargeldlose Ladestation bei Kartause Ittingen

Auf Anfrage erarbeitet die EKT allerdings durchaus gemeinsam mit Partnern Lösungen. So hat das Unternehmen im September zusammen mit der Kartause Ittingen auf deren Parkplatz die erste Wechselstrom-Ladestation der Schweiz eröffnet, an der bargeldlos bezahlt werden kann.

Die St.Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG dagegen arbeitet mit dem Unternehmen Green Motion zusammen, das Ladesysteme konzipiert und produziert. In der Ostschweiz hat die SAK bisher insgesamt rund 90 Ladestationen installiert, wie Alexandra Asfour, Leiterin E-Mobilität, mitteilt.

Spezialkommission hat zum letzten Mal getagt

Auch der zuständige Thurgauer Regierungsrat Walter Schönholzer und damit der Kanton haben es sich zum Ziel gesetzt, der Elektromobilität den Weg zu ebnen. Im Juni dieses Jahres hat Energiedirektor Schönholzer den Grundlagenbericht «Chancen der Elektromobilität für den Kanton Thurgau» vorgestellt. Der Bericht enthält 15 konkrete Massnahmen, um die Marktdurchdringung der Elektromobilität zu beschleunigen. Regierungsrat Schönholzer sagte:

«Wir wollen bereit sein und uns nicht erst überlegen, was wir machen können, wenn schon alle ein Elektroauto fahren.»

Noch hat sich allerdings das Plenum des Grossen Rats nicht mit dem fertigen Bericht befasst. «Die Spezialkommission, welche den Bericht berät, hat vergangenen Montag zum letzten Mal getagt», sagt Andrea Paoli, Leiter der Abteilung Energie beim Kanton. Der Bericht der Kommission wird Anfang Februar erwartet. «Wir freuen uns auf die Diskussion im Grossen Rat», teilen Paoli und Schönholzer mit.

Der Kanton bleibt bis dahin in Sachen Elektromobilität keineswegs untätig. Der Abteilungsleiter gibt bekannt: «Einzelne Massnahmen befinden sich bereits in Vorbereitung zur Umsetzung.» Details werden Mitte Februar an einer Pressekonferenz bekannt gegeben.

Kanton will analysieren, wo sich Schnellladestation lohnen würden

Dass Private und Unternehmen im Thurgau bereits jetzt fleissig Elektro-Ladestationen in Betrieb nehmen, begrüsst der Kanton, wie Paoli betont. Obwohl eine der Massnahmen im Grundlagenbericht «Planung der Ladeinfrastruktur» heisst.

Walter Schönholzer und Andrea Paoli bei der Vorstellung des Grundlagenberichts. (Bild: PD, Kanton Thurgau)

Walter Schönholzer und Andrea Paoli bei der Vorstellung des Grundlagenberichts. (Bild: PD, Kanton Thurgau)

Der Leiter der Abteilung Energie sagt: «Unsere Massnahme fokussiert auf Schnellladestationen.» Diese seien für Investoren mit hohen Kosten verbunden, so dass sie zwingend an verkehrsmässig optimalen Standorten stehen müssen, damit eine hohe Anzahl Ladevorgänge erzielt werden kann.

«Wir haben ab und zu Anfragen von Investoren, welche wissen wollen, wo sich eine Schnellladestation lohnen würde.»

Noch weiss der Kanton dies nicht. Er will die Situation analysieren und möglichen Investoren eine Entscheidungsgrundlage bieten.

Kanton lässt der EKT die volle unternehmerische Freiheit

Eine weitere Massnahme zielt auf die Eigentümerstrategie des EKT ab. Der Kanton als Besitzer des Energieunternehmens will dieses aber nicht etwa verpflichten, im Thurgau Ladestationen für Elektroautos aufzustellen. In der Strategie soll lediglich festgehalten werden, dass sich das Unternehmen im Bereich Elektromobilität engagieren muss, wie Paoli erklärt. Der Kanton schreibt der EKT also nicht vor, was sie umsetzen soll. «Er lässt ihr die volle unternehmerische Freiheit.»

Wie Martina Kaiser vom EKT sagt, hat sich das Unternehmen bereits vor dem Bericht mit dem Thema Elektromobilität auseinandergesetzt. Wie gross die Nachfrage nach öffentlichen E-Ladestationen sei, werde die Zukunft zeigen. «Die EKT ist überzeugt, dass sie ihren Kunden mit einem ganzheitlichen Ansatz am besten unterstützen und ihnen einen Mehrwert bieten kann.»

Ladestation mit Solarenergie

Die Fenaco-Gruppe betreibt seit Mitte 2017 bei der Landi Matzingen eine solarbetriebene E-Ladestation. Dort können acht Fahrzeuge gleichzeitig ihre Batterien aufladen, an zwei Schnell- und sechs normalen Ladeplätzen. Nach den positiven Erfahrungen dort will die Genossenschaft in einer ersten Phase bis Ende 2021 rund 20 Schnellladestationen in Betrieb nehmen – an Standorten der Fenaco-Töchter Landi und Agrola. Dies teilte das Unternehmen Ende August mit. Fenaco will auch dafür Solarstrom nutzen.

Auch die Frauenfelder Hugelshofer-Gruppe ist Vorreiter in Sachen Elektromobilität in der Ostschweiz. Seit mehr als vier Jahren hat das Logistikunternehmen zu 100 Prozent elektrisch betriebene LKW in seiner Flotte. Dieses Jahr hat die Firma eine Fotovoltaikanlage in Betrieb genommen. Gemäss Medienmitteilung von Anfang Oktober will das Unternehmen dank diesem Schritt «voraussichtlich Ende 2018» auch den ersten Elektro-Sattelschlepper der Schweiz in Betrieb nehmen. (lsf)