«Glück ist, wenn du keine Vergangenheit und keine Zukunft hast, sondern im Moment lebst»: Der Inder in Mostindien

Die Suche nach Erleuchtung führte Shashi Kumar durch halb Indien und schlussendlich in den Thurgau. Hier arbeitet er heute als Masseur.

Svenja Rimle
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Shashi Kumar in seinem Garten in Neukirch. (Bild: Andrea Stalder)

Shashi Kumar in seinem Garten in Neukirch. (Bild: Andrea Stalder)

Die Blätter der beiden Linden im Garten der Kumars bewegen sich im Wind. An den Ästen sind Schaukeln und Hängematten befestigt. Auf einer grossen Wiese direkt neben dem Grundstück geniessen ein paar Kühe die Juli-Sonne. Zwei Kinder toben übermütig auf einem Trampolin. Daneben steht Shashi Kumar.

Mit seinen langen dunklen Haaren, die er zum Pferdeschwanz gebunden hat, seinem grauschwarzen Bart und dem kaffeebraunen Teint verleiht er der Thurgauer Idylle einen exotischen Touch. Kumar kommt aus Indien. Dort hat er ein bescheidenes Leben geführt.

Diese Bescheidenheit spürt man auch jetzt. Er wirkt zurückhaltend und fragt sich, warum er von seinem Leben erzählen soll. Ihm ist nicht bewusst, wie besonders sich seine Geschichte in den Ohren eines Schweizers anhört.

Der Mutige

Aufgewachsen ist Kumar im Dorf Tope im indischen Bundesstaat Bihar im Nordosten des Landes. Er ist in einer wohlhabenden Familie gross geworden. «Ich habe gelebt wie ein Prinz», erzählt er. Seine Frau Silvia Niederberger, eine gebürtige Mostinderin, relativiert: Das Leben in Indien auf dem Land in den 70ern sei vergleichbar mit unserem vor 200 Jahren.

Gewohnt hat Kumars Familie in einem Lehmhaus ohne Strom. Mit 14 Jahren verliess er sein Zuhause. Grund dafür war die Begegnung mit einem Sadhu. Im Hinduismus ist das ein Oberbegriff für geachtete Personen, die sich dem spirituellen Leben verschrieben haben. Kumar war beeindruckt von diesem weisen, bärtigen Mann mit seiner bunten Kleidung und dem ernsten Blick. Er wollte so leben wie er: Ohne Besitz, dafür mit Wissen.

So machte sich Shashi Kumar auf den Weg ins Ungewisse. Es brach seiner Mutter schier das Herz, ihn gehen zu lassen. Doch sie liess ihn ziehen. Sie war überzeugt, dass ihr Sohn heil zurückkehren würde, denn eine Mutter spürt so etwas. Kumar ging nach Rishikesh, eine Pilgerstadt am Fusse des Himalaya.

Dort traf er bereits nach kurzer Zeit wieder auf sein Vorbild, den Sadhu. Kumar sah ihn als seinen Guru, verbrachte viel Zeit mit ihm und eignete sich damit medizinisches Wissen an, wie er sagt. Er lernte durch ihn die Massage-Kunst und die verborgenen Kräfte der Pflanzenwelt kennen.

Der Spirituelle

Shashi Kumar wird emotional, wenn er über sein Leben spricht. Die Schüchternheit vom Anfang ist wie weggeblasen. Nach dem Tod seines Gurus war er an verschiedenen Orten in Indien und hat von unterschiedlichen Lehrern gelernt.

In den acht Jahren, bevor er in die Schweiz gekommen ist, lebte er in der Stadt Bodhgaya, was wörtlich «Ort der Erleuchtung» bedeutet. Erleuchtung finden wollen in Indien viele. Auch Kumars heutige Ehefrau Silvia Niederberger. Sie reiste durch Indien und war auf der Suche nach Wahrheit und innerem Frieden. Im Tempel in Bodhgaya lernte sie ihren Shashi kennen.

Das einzige was dieser zu jenem Zeitpunkt besass, waren drei weisse Tücher, mit denen er sich kleidete und ein Kissen. «Immaterielle Dinge waren für mich schon immer wichtiger als materielle», meint er. Während dieser Zeit schlief er nie in einem geschlossenen Raum, sondern draussen unter dem indischen Sternenhimmel.

Zwischen Yoga, Mantra, Meditation und Schweigen haben Shashi Kumar und Silvia Niederberger den inneren Frieden gesucht – gefunden haben sie einander. «Ich wusste einfach, dass er der Vater meiner Kinder wird», sagt sie. Und so zogen sie nach einigen Jahren in Indien zusammen in die Schweiz, um dort ihre Kinder grosszuziehen.

Der Familienmensch

Ihre Kinder sprechen zwar nur wenig Hindi, trotzdem sind indische Traditionen im Familienleben der Kumars allgegenwertig. Fast alles geschieht ohne Zwang. Nur etwas ist dem Inder bei der Erziehung seiner Kinder extrem wichtig: dass sie auf Kuh-Fleisch verzichten, denn die Kuh gilt im Hinduismus als heiliges Tier.

Ansonsten dürfen die Kinder viele Entscheidungen selber treffen, so wie er es damals auch durfte. Gekocht wird regelmässig auf die indische Art. Sein Sohn Satyam (6) schwärmt vom gebratenen Reis seines Vaters, Tochter Luna (3) bevorzugt hingegen das weniger indische Spiegelei. In der Beziehung zu seiner Frau Silvia Niederberger machen sich die kulturellen Differenzen ab und zu bemerkbar.

«Shashi ist der Meinung, dass Stille oft die beste Antwort ist. Und nach diesem Motto lebt er auch. Dadurch ist es manchmal schwierig, mit ihm eine längere Diskussion zu führen», erzählt Silvia Niederberger lachend. In der Schweiz fühlt sich Kumar nicht zu 100 Prozent wohl, das spürt man. Obwohl die Schweizer nett zu ihm sind, wirken die meisten unzufrieden auf ihn. Trotzdem sagt er, dass er glücklich sei:

«Glück ist, wenn du keine Vergangenheit und keine Zukunft hast, sondern im Moment lebst».

Der Heiler

Auf seinem spirituellen Weg lernte Kumar viele traditionelle Heilmethoden. Eine davon ist die Massage. In Indien ist diese Kunst sehr populär. Säuglinge werden vier bis sechs Mal am Tag massiert. Dadurch sollen sie stark, gesund und friedlich werden. In seiner Massage-Praxis in Weinfelden möchte Shashi Kumar anderen Leuten helfen.

Die indische Massage mache den Körper wach und lindere Schmerzen, sagt er. Für seine Dienste hat Kumar in Indien nur so lange Geld genommen, bis er sich sein Essen kaufen konnte. Ab dann arbeitete er jeweils umsonst.

Der Philosoph

Kumar vergleicht das Leben mit einem Bankkonto. Der Kontostand ändert sich mit dem Lebensstil. Mit guten Gedanken und Taten kommt man ins Plus. Dies war auch ein Grund, warum er den spirituellen Weg gewählt hat. Angst vor der Zukunft hat Shashi Kumar nicht.

Laut seiner Philosophie macht es einen Menschen unglücklich, wenn er zu oft an die Vergangenheit oder an die Zukunft denkt. Er lebt im Jetzt. Für ihn steht fest, dass er irgendwann wieder in Indien leben möchte. Was er dort machen will? Ob seine Familie ihn begleitet? Wohin er genau gehen möchte? Das alles weiss Kumar noch nicht. Der Inder in Mostindien lebt eben im Jetzt.