Der Wasserstand des Bodensees ist von höherer Gewalt abhängig - braucht es ein Wehr?

Wassersportler profitieren am Bodensee dieses Jahr vom lang anhaltenden schönen Wetter. Getrübt wird die Freude vom tiefen Wasserstand. An anderen Schweizer Seen schwankt der Pegel dank Regulierung weniger.

Thomas Wunderlin
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Bei der Insel Werd in Eschenz liegt der Seeboden trocken; ein Wehr bei Stein am Rhein hätte das Wasser zurückgehalten. (Bild: Donato Caspari)

Bei der Insel Werd in Eschenz liegt der Seeboden trocken; ein Wehr bei Stein am Rhein hätte das Wasser zurückgehalten. (Bild: Donato Caspari)

Für viele Segler am Bodensee hat die Saison im August statt wie üblich im Oktober geendet. Der tiefe Pegel zwingt sie dazu, ihre Boote vorzeitig auszuwassern. Die lange Trockenheit sorgt bis heute für schönstes Badewetter. Wer sich im See abkühlen will, muss allerdings oft eine breite trocken liegende Uferzone überwinden. Der Pegel liegt an Ober- und Untersee auf einem «aussergewöhnlich niedrigen Niveau», nämlich rund 70 Zentimeter unter dem langjährigen Mittel, wie die Abteilung Wasserbau des Thurgauer Amts für Umwelt am Montag feststellte.

Marco Baumann, Leiter der Abteilung für Wasserbau im Amt für Umwelt. (Bild: Andrea Stalder)

Marco Baumann, Leiter der Abteilung für Wasserbau im Amt für Umwelt. (Bild: Andrea Stalder)

Von den Bodenseeanrainern will dennoch keiner den Wasserstand regulieren; Initiativen in dieser Hinsicht sind nicht bekannt. Die Ermatinger Liegeplatzverwalterin beispielsweise spricht von «höherer Gewalt», gegen die man nichts machen könne. Ebenso werden die periodischen Hochwasser hingenommen, die zu grösseren finanziellen Schäden führen können. Marco Baumann, Leiter der Abteilung Wasserbau, bezeichnet die Pegelschwankungen als «natürlich und darum gut».

Fast alle grösseren Schweizer Seen sind reguliert

Im Unterschied zum Bodensee sind fast alle anderen grösseren Schweizer Seen reguliert. Beispielsweise betrugen die Schwankungen des Zürichsee-Pegels noch Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu zwei Meter. In Ufernähe habe das oft zu Überschwemmungen geführt, heisst es in einem Faktenblatt des Bundesamts für Umwelt (Bafu). 1951 wurde beim Zürcher Platzspitz ein neues Regulierwehr gebaut; der Anlass war der Bau des Lettenkraftwerks. Beseitigt wurden Mühlebauten in der Limmat, die den Ausfluss behindert hatten.

Laut Wolfgang Bollack, Sprecher der Zürcher Baudirektion, hängt der Wasserstand des Zürichsees weiterhin vor allem davon ab, «wie viel oder wie wenig Wasser» hineinfliesst. Man versuche, die natürlichen Schwankung des Seepegels «innerhalb einer gewissen Bandbreite künstlich nachzuempfinden». Das Ziel ist ein Schwankungsbereich von ungefähr 75 Zentimeter im Winter und 25 Zentimeter im Sommer, der aber nicht immer eingehalten werden kann. So verzeichnete auch die Messstation Zürihorn dieses Jahr den tiefsten Stand seit 1951. Aber die Segler haben meistens noch eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Ein Wehr bei Stein am Rhein würde auch den Obersee beeinflussen

Ein Wehr bei Stein am Rhein würde den Ausfluss aus dem Untersee verringern; so würde auch der Pegel des Obersees erhöht. Um den Ausfluss bei Bedarf vergrössern zu können, müsste das Rheinbett ausgebaggert werden. Das ist einer Studie zu entnehmen, die der emeritierte ETH-Professor für Wasserbau, Daniel-Lucas Vischer, im Auftrag des Bundesrats nach dem Hochwasser 1999 erstellte. Damals war der Pegel des Bodensees während 45 Tagen über der Hochwassermarke geblieben.

Gemäss Marco Baumann von der Abteilung Wasserbau handelt es sich bei einer Bodenseeregulierung um einen «Eingriff in ein komplexes System». Man könne nicht einfach Wasser zurückhalten für Zeiten mit wenig Regen oder Wasser ablassen für Zeiten, in denen es viel regnet. Zahlreiche Aspekte und Auswirkungen müssten beachtet werden: Wassergüte, Strömungen, Schifffahrt, Wassernutzung allgemein und Wassernutzung am Rhein, Wirtschaftlichkeit, Tourismus und Anlieger-Interessen, internationale Abkommen, Fischerei, Auswirkungen auf Fauna und Flora.

Im Kanton Thurgau wäre eine Volksabstimmung notwendig

Ausserdem müsste der Thurgau seine Verfassung ändern. Seit einer Volksabstimmung von 1973 sind Kanton und Gemeinden verpflichtet, «die natürlichen Verhältnisse und Gleichgewichte der See- und Flusslandschaft am Bodensee, Untersee und Rhein» zu schützen. Damals ging es darum, den Ausbau der Hochrheinschifffahrt zu verhindern. Baumann sieht «aus heutiger Sicht» auch nicht, wie der Klimawandel zur Neueinschätzung einer Bodenseeregulierung führen könnte.

Die Regulierung des Zürichsees ist laut dem Sprecher der Zürcher Baudirektion «ein eingespieltes System, das man gut kennt und das sich seit vielen Jahren bewährt». Interessengruppen, die eine Änderung wünschen, gebe es keine. Massgebend ist ein Reglement, das die Kantone Zürich, Schwyz, St. Gallen und Aargau 1977 festlegten.

Mehr Wasser um Fische abzukühlen

Gemäss Faktenblatt des Bafu werden durch das Reglement die unterschiedlichen Bedürfnisse von See- und Limmatanliegern sowie von Fischerei, Schifffahrt, Energiegewinnung und Naturschutz am besten vereint. In Notzeiten kann davon abgewichen werden. So wurde laut Bollack im Sommer 2018 aufgrund der hohen Wassertemperaturen etwas mehr Wasser über das Wehr in die Limmat abgeleitet, «denn für die wärmeempfindlichen Fische wurde es dort allmählich eng».

Alle paar Jahre unter Wasser

Im Unterschied zu den andern Schweizer Seen ist der Bodensee nicht reguliert. Natur- und Landschaftsschützer haben sich erfolgreich dagegen gewehrt. Den Schaden haben die Dörfer am Untersee, deren Häuser volllaufen.
Thomas Wunderlin