Der Fluch des braunen Pulvers: Ein skurriler Fall am Bezirksgericht Frauenfeld

Eine 26-Jährige und ein 60-Jähriger standen vor dem Bezirksgericht Frauenfeld. Sie schläft ein, er geht am Stock.

Rahel Haag
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Das Bezirksgericht Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Das Bezirksgericht Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Beinahe verpasst die Angeklagte die Urteilsbegründung. Die junge Frau ist am Tisch, den Kopf in die Hände gestützt, eingeschlafen. Gerichtspräsident Rudolf Fuchs spricht sie laut mit ihrem Namen an. Sie blinzelt verschlafen. «Haben Sie das verstanden?», fragt Fuchs. «Ja», sagt sie und nickt langsam.

Darauf, dass seine Mandantin während der Verhandlung einschlafen könnte, hatte ihr Verteidiger in seinem Plädoyer hingewiesen. Der Grund: Sie leidet an einer Form von Narkolepsie, sprich Schlafkrankheit. Der Fall, der am Donnerstag vor dem Bezirksgericht Frauenfeld verhandelt wurde, mutete in vielerlei Hinsicht etwas skurril an.

Insgesamt zwei Kilogramm Heroin abgepackt

Angeklagt war die 26-Jährige gemeinsam mit einem 60-jährigen Mann. Zwischen Januar und März 2016 hat sie dem körperlich Behinderten in seiner Wohnung in Frauenfeld beim Portionieren und Abpacken von Heroin geholfen. Insgesamt zwei Kilogramm des braunen Pulvers. Damals war sie drogenabhängig, bezahlt wurde sie mit Heroin, ab und zu bekam sie Geld. Heute ist sie im Methadonprogramm.

Der Mitangeklagte sitzt hinter ihr. Seit Oktober 2016 befindet er sich im vorzeitigen Strafvollzug. Er hat Mühe mit dem Sprechen und geht am Stock. Er sagt:

«Ich kann rund hundert Meter gehen, dann spüre ich es in der Hüfte.»

Ende September 2014 hatte er einen Schlaganfall erlitten. Schon damals handelte er mit Drogen, von März bis Juli 2014 sass er deswegen in Untersuchungshaft, dann folgte der Schlaganfall. Kurz nach der Reha und obwohl ein Verfahren gegen ihn lief, stieg er wieder in den Drogenhandel ein.

Aufgrund einer halbseitigen Lähmung war er damals auf ein Elektromobil angewiesen – und auf die Hilfe der jungen Frau. Sein elektrisches Fortbewegungsmittel hatten die Ermittler mit einem GPS-Sender ausgestattet. Auf diese Weise entdeckten sie seinen «Bunker» auf dem Gelände der Pasta Premium AG in Frauenfeld. Er hatte angefangen, dort einen Teil des Heroins zu lagern.

Sechs Hunde auf 18 Quadratmetern

Zurück zu ihr: Abgesehen von der Gehilfenschaft zum Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz wurden ihr Freiheitsberaubung und mehrfache Tierquälerei vorgeworfen. Sie habe sechs Hunde in einem 18 Quadratmeter grossen Zimmer gehalten.

Ende Mai 2016 stand das Veterinäramt auf der Matte. Es habe stark nach Ammoniak gerochen, auf dem Boden gab es mehrere Urinpfützen und auf dem Bett einen frischen Haufen Hundekot. Dass sie zu diesem Zeitpunkt zu viele Hunde besessen habe, sei ihr bewusst, sagt die Angeklagte.

«Aber es gab weder Urin noch Kot im Zimmer.»

Der Ammoniakgeruch sei nicht aus ihrem Zimmer gekommen. «Es stank im ganzen Haus», sagt sie.

Eine Woche später hatte sie einen Bekannten gebeten, auf drei ihrer Hunde aufzupassen. Sie wies ihn an, das Zimmer nicht zu verlassen, und schloss die Tür von aussen ab. Bevor sie ging, versprach sie ihm, am nächsten Morgen zurückzukommen. Doch sie kam nicht. Ihr Bekannter wurde tags drauf von einem Nachbarn befreit. In der Zwischenzeit hatte er in eine Flasche uriniert, Essbares stand weder für ihn noch die Hunde zur Verfügung.

Die Angeklagte winkt ab. «Das Schloss an der Tür war defekt, man konnte es auch von innen öffnen», sagt sie. Nicht nur das Schloss sei kaputt gewesen, darüber hinaus habe die Tür ein Loch gehabt, das nur mit Karton abgedeckt gewesen sei. Und im Zimmer habe sich gar noch ein Schlüssel für die Tür befunden. Sie sagt:

«Also wenn man jemanden einsperren möchte, muss man sich schon etwas Besseres einfallen lassen.»

Sie darf sich nichts zu Schulden kommen lassen

Und wie lautet nun das Verdikt? Das Gericht verurteilt den Angeklagten zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von sechs Jahren und drei Monaten. Strafmildernd wirkte sich unter anderem das Geständnis aus, das er schriftlich abgegeben hatte. Die Angeklagte wird vom Vorwurf der Freiheitsberaubung freigesprochen. Gerichtspräsident Fuchs sagt zur Begründung: 

«Der Bekannte war ihr hörig und hat das Zimmer deshalb nicht verlassen.»

Schuldig ist sie dagegen der mehrfachen Tierquälerei und der Gehilfenschaft zum Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Sie wird mit 24 Monaten bedingt bei einer Probezeit von zwei Jahren und einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 30 Franken verurteilt.

Die Angeklagte blinzelt verschlafen. «Sie dürfen sich in der Probezeit nichts zu Schulden kommen lassen», sagt Fuchs mit eindringlicher Stimme. Sie nickt langsam. «Das ist mir bewusst.»