Der Fantasie-Anreger: Hinter den Zeichnungen zu einer möglichen Frauenfelder Zukunft steckt der Zürcher Illustrator Matthias Gnehm

Sie regen die Fantasie an: Im Auftrag der Stadt Frauenfeld hat der Zürcher Illustrator Matthias Gnehm Szenarien gezeichnet. Ein Porträt.

Mathias Frei
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Der Murgbogen mit dem Murg-Auen-Park von Norden (Grosse Allmend) her.

Der Murgbogen mit dem Murg-Auen-Park von Norden (Grosse Allmend) her.

(Bild: PD/Matthias Gnehm)

«Es ist eine Büez.» Das glaubt man Matthias Gnehm aufs Wort. Die Arbeit, die der Zürcher Illustrator zum Murgbogen in Frauenfeld realisiert hat, braucht Vorstellungskraft und dann vor allem Fleiss in Handarbeit, händisch, wie man sagt.

Matthias Gnehm.

Matthias Gnehm.

(Bild: Mathias Frei)

Zuerst sind es Bleistiftzeichnungen, die er hernach koloriert. Am Schluss werden die Illustrationen digitalisiert. Herauskommt eine Zukunft von Frauenfeld. Gnehm zeichnet ein zukünftiges Frauenfeld. Doch halt! Das geht dem 49-jährigen ETH-Architekten zu weit.

«Ich würde eher von Szenarien für eine mögliche Anwendung der Zukunft sprechen.»

So weit wolle er sich dann doch nicht aus dem Fenster lehnen, Frauenfeld zu sagen, wie es in 20, 30 Jahren aussehen werde.

«Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Stadt Frauenfeld nie so aussehen wird, wie ich es gezeichnet habe.»
Vorne die Zeughausstrasse, links der Zeughausbrücke-Kreisel, in der Mitte die mögliche Langdorfer Allee.

Vorne die Zeughausstrasse, links der Zeughausbrücke-Kreisel, in der Mitte die mögliche Langdorfer Allee.

(Bild: PD/Matthias Gnehm)

Vergangenen Oktober war es, als Gnehm erstmals auf den Radars des kommunen Frauenfelders kam. Der Zürcher mit Aargauer Wurzeln war Teil der Murgbogen-Informationsveranstaltung in der Militärsporthalle. Zuerst erblickten 200 interessierte Augenpaare seine visualisierten Interpretationen einer möglichen Zukunft des Murgbogens. Dann nahm Gnehm Wünsche aus dem Publikum auf, fügte sie mit Stift live in seine Illustrationen ein – vom Spiel- zum Sportplatz, von der Murgufer-Bar bis zur Allee.

Autor, Zeichner, Dozent und Szenograf

Matthias Gnehm (*1970) hat an der ETH Zürich das Architekturdiplom erlangt. Seit 1999 ist er als freischaffender Autor und Zeichner von Comics und Graphic Novels sowie als Szenograf tätig. Seit 2017 ist er im Studiengang Architektur an der ZHAW Dozent für Gestalten und Visualisieren. Seit 1992 sind seine Arbeiten an Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen. Er ist vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Werkjahr der Stadt Zürich. Von ihm gibt es über ein Dutzend Graphic Novels und Comics. (ma)
www.matthiasgnehm.ch

Blick nach Norden: vorne Stadtkaserne, Neubauten an der Bahn und Oberes Mätteli.

Blick nach Norden: vorne Stadtkaserne, Neubauten an der Bahn und Oberes Mätteli.

(Bild: PD/Matthias Gnehm)

Bilder helfen der Vorstellungskraft

«Nina Stieger kam auf mich zu», sagt Gnehm. Im Herbst 2018 war der Erstkontakt mit der Projektleiterin für Stadtplanungsschlüsselprojekte beim Amt für Hochbau und Stadtplanung. Danach führten Stieger und Stadtbaumeister Christof Helbling den Zürcher der heutigen Murgbogen-Tour entlang durch die Frauenfelder Innenstadt. «Zuerst ging es um das Gesamtbild. Dann statteten sie mich mit einem riesigen Konvolut an Informationen aus und machten mir klar, was ihnen wichtig ist.» Was Gnehms Illustrationen bewirken sollten: die Fantasie anregen, sich selber eine Zukunft vorstellen. Bilder als Vehikel, als Mittel zum Zweck.

«Es geht nicht um Details, sondern um einen atmosphärischen Eindruck.»
Blick von Südwesten, hinten rechts der Murg-Auen-Park.

Blick von Südwesten, hinten rechts der Murg-Auen-Park.

(Bild: PD/Matthias Gnehm)

Wichtigstes Hilfsmittel war für Gnehm die 3D-Karte von Swisstopo, die alle bestehenden Gebäudevolumen zeigt. «Die Ausformulierung der neuen Gebäudevolumen lag dann an mir», sagt Gnehm. Nicht weniger wichtig war für ihn der stete Austausch mit seinen Auftraggebern. In städtebaulichen Szenarien hat Gnehm grosse Erfahrungen. Seine letzten beiden grösseren Arbeiten beschäftigten sich zum einen mit dem neuen Stadtzürcher Leutschenbach-Quartier im Auftrag der Stadt Zürich, zum anderen mit der Vision einer Airport-City für die Stadt Opfikon/Glattbrugg.

Blick auf das Stadtkasernenareal mit dem Museums-Neubau auf dem Oberen Mätteli.

Blick auf das Stadtkasernenareal mit dem Museums-Neubau auf dem Oberen Mätteli.

(Bild: PD/Matthias Gnehm)

«Hier leben Familien gut»

Gnehm kann sich nicht erinnern, vor Oktober 2018 schon einmal in Frauenfeld gewesen zu sein. Heute kann er sagen, die Stadt zu mögen. Er lebt mit Frau in Kindern dort, wo er arbeitet: in Zürich. Wegziehen will er nicht. Aber in einer anderen möglichen Zukunft könnte es vorstellbar sein, dass die Familie Gnehm in den Thurgau zieht.

«Die Stadt Frauenfeld hat grosse räumliche Qualitäten, hier leben Familien gut.»

Über die Frage, welche mögliche Frauenfelder Zukunft er zeichnete, wenn er komplett freie Hand hätte, sinniert er lange. «Ich würde innere Verdichtung in höchster Vollendung realisieren.» Seine kompromisslose Utopie wäre ein auf die Altstadt fokussierter, höchst verdichteter Stadtraum mit klar ausformulierten Stadt-Land-Grenzen.

Blick von Nordwesten auf das Kurzdorf und den Murgbogen.

Blick von Nordwesten auf das Kurzdorf und den Murgbogen.

(Bild: PD/Matthias Gnehm)
«Früher hatte man ein Einfamilienhüsli mit Garten und zwei Garagenplätzen zum Lebensziel. Das ist heute zum Glück vorbei.»

Matthias Gnehm, Graphic Novel «Salzhunger», 2019, Edition Moderne, Zürich. Vorrätig im Bücherladen Sax, Frauenfeld.

Weitere Infos zum Murgbogen: www.murgbogen.ch

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