Der Dachs kommt in der Nacht oder wie wild der Thurgau wirklich ist 

Die Volkszählung der Säugetiere findet eine Fortsetzung als Projekt «Wilde Nachbarn Thurgau». Dazu gehören auch Kurse über Fotofallen und den den Meister Grimbart. 

Sebastian Keller
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Von einer Wildtierkamera festgehalten: Eine Dachsfamilie in der Nähe von Erlen. (Bild: PD)

Von einer Wildtierkamera festgehalten: Eine Dachsfamilie in der Nähe von Erlen. (Bild: PD)

Ein Braunbrustigel in Schlatt, ein Rotfuchs in Rickenbach, ein Steinmarder in Romanshorn: Auf über 1400 an der Zahl sind die Wildtier-Beobachtungen aus dem Thurgau angewachsen. Diese haben Freiwillige im Rahmen der nationalen Volkszählung der Säugetiere gemacht. Sie haben Rehe oder Biber in freier Wildbahn fotografiert und die Bilder auf eine Webplattform hochgeladen. Einzelne haben «Beobachtungen» auch physisch dem Naturmuseum in Frauenfeld ausgehändigt. Ein toter Marder etwa. Meldungen konnten auch aufgrund von Trittsiegeln oder anderen Spuren gemacht werden. Diese Beobachtungen werden von Fachleuten verifiziert und fliessen in den neuen nationalen Verbreitungsatlas ein.  

So sieht der Kot eines Dachses aus. (Bild: Sebastian Keller)

So sieht der Kot eines Dachses aus. (Bild: Sebastian Keller)

Dass nicht nur In-flagranti-Beobachtungen zulässig sind, ist in diesem Feld unerlässlich. «Häufig nimmt man Wildtiere nur indirekt wahr», sagt Hannes Geisser, Direktor des Naturmuseums, an einer Medienorientierung in Weinfelden. Etwa über Kot, den sie hinterlassen. Bei diesem Projekt handelt es sich um Citizen Science oder auch Bürgerwissenschaft: Interessierte Laien liefern Daten oder Beobachtungen für die Wissenschaft.

Meister Grimbart erobert die Stadt

Die Beobachtung von Wildtieren ist auch nicht so einfach, weil sie scheu und nachtaktiv sind. Auch wenn der nationale Verbreitungsatlas noch nicht erschienen ist. Erste Tendenzen sind erkennbar. «Der Dachs beginnt den Siedlungsraum zu erobern», sagt Hannes Geisser. So wurden der Meister Grimbart auch in Frauenfeld und Kreuzlingen beobachtet. Die Wildtierbiologin Sandra Gloor vom Verein Stadtnatur bestätigt: «In der Gesamtschweiz ist die Dachspopulation zunehmend.»


Fotofalle und Feldhase

Unter dem Titel «Wilde Nachbarn Thurgau» findet die Volkszählung der Säugetiere eine Fortsetzung im Kanton. Mit verschiedenen Aktionen und Veranstaltungen wollen die involvierten Organisationen das Interesse und die Sensibilität an Wildtieren vor der Haustüre erhöhen. So etwa mit einem Einführungskurs über Säugetierarten am 18. Januar im Naturmuseum Frauenfeld. Am 21. März steht dann die Fotofalle im Fokus eines Kurses im Waldschulzimmer Bärenhölzli bei Kreuzlingen. Am 2. Mai ist ein Kurs in Weinfelden dem Dachs gewidmet. (seb.)
Weitere Informationen: thurgau.wildenachbarn.ch

Selbst in der Stadt Zürich konnten «flächendeckend» Dachse nachgewiesen werden. Der Allesfresser verkehrt selten alleine: «Diese Tiere sind in der Sippe unterwegs», sagt Gloor. Dafür lässt sich auch ein Fotobeweis aus dem Thurgau heranziehen: In der Nähe von Erlen hat eine Wildtierkamera eine Dachsfamilie fotografiert. Doch allzu gemütlich sollte man es den Tieren nicht machen. «Nicht füttern!», rät die Wildtierbiologin.  

Von der Bürgerbeteiligung sind die involvierten Organisationen Naturmuseum Thurgau, WWF Thurgau, Pro Natura Thurgau sowie der Verein Stadtnatur angetan. Dieses Interesse und die Lust am Wilden soll gepflegt werden. «Wir wollen das Netzwerk nicht einfach versanden lassen», sagt Hannes Geisser. Unter dem Titel «Wilde Nachbarn Thurgau» soll deshalb langfristig ein Netzwerk von Naturbeobachtern aufgebaut werden. Diese sollen dabei helfen, wenn es darum geht, Nachweise von ausgewählten Tierarten zu sammeln.

Spuren vom Hasen im Schnee fotografieren

Den Organisationen geht es darum, der Bevölkerung die Tierwelt vor ihrer Haustüre näherzubringen. Deshalb sind Aktionen und Veranstaltungen (siehe Kasten) geplant. Sobald der erste Schnee gefallen ist, sind Interessierten aufgerufen, Spuren von Feldhasen im Schnee zu fotografieren und auf der Webplattform zu dokumentieren.

Mit Fotofallen kann die Präsenz von Wildtieren nachgewiesen werden. (Bild: Sebastian Keller)

Mit Fotofallen kann die Präsenz von Wildtieren nachgewiesen werden. (Bild: Sebastian Keller)

Tim Schoch, Pro Natura Thurgau, erklärt: «Die Spuren von Feldhasen sind einfach zu erkennen.» Weiter im Jahresplan findet sich ein Einführungskurs zum Thema Säugetiere oder ein Kurs zum richtigen Einsatz von Fotofallen. «Uns interessiert auch, was in Gärten vorkommt», sagt Schoch. Deshalb werden die Fotofallen auch ausgeliehen. Dann zeigt sich, ob es immer Nachbars Katze ist, die sich auf dem Rasen versäubert oder ob der Dachs zu Gast war. Generell will die Aktion für die Artenvielfalt vor der Haustüre sensibilisieren. Konkret: Das Wissen über Vorkommen und Verbreitung soll gesteigert werden. Viele Lebensräume seien bedroht.

Über 1400 Beobachtungen wurden per 19. November 2019 gemeldet. (Bild: Printscreen thurgau.wildenachbarn.ch)

Über 1400 Beobachtungen wurden per 19. November 2019 gemeldet. (Bild: Printscreen thurgau.wildenachbarn.ch)

Wer sich – bei schlechtem Wetter etwa – einen Überblick über die Wildheit des Thurgaus verschaffen will, lässt sich auf der Webplattform die 1400 Beobachtungen auf einer Karte darstellen. Dann zeigt sich, dass Eichhörnchen nicht nur in Zezikon vorkommen und Hermeline nicht nur in Hugelshofen.

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Sabrina Bächi