Der Brennnesselbauer aus dem Thurgau

Auf dem Hof der Familie Maier auf dem Iselisberg dient die Brennnessel aus eigenem Anbau als Kraftquelle für 600 Mutterschafe. Urs Maier ist der grösste Brennnessel-Produzent im Thurgau. Er setzt seit vier Jahren auf diese Nutz- und Heilpflanze.

Hana Mauder Wick
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Urs Maier baut auf zwei Hektaren die «Urtica dioica», die grosse Brennnessel an. (Bild: Donato Caspari)

Urs Maier baut auf zwei Hektaren die «Urtica dioica», die grosse Brennnessel an. (Bild: Donato Caspari)

Urs Maier hat alle Hände voll zu tun. Das schöne Wetter beschert dem Schafmilch-Produzenten viel Arbeit auf dem Hof. Mit Stolz steht er vor einem Feld, auf dem Brennnesseln in Reih und Glied eineinhalb Meter in die Höhe ragen. Tiefes Grün, soweit das Auge reicht: Auf dem Iselisberg baut der Landwirt die «Urtica dioica» an. Ein lateinischer Zungenbrecher, der auf gut Deutsch schlicht «grosse Brennnessel» heisst.

Warum baut ein Schafbauer auf zwei Hektaren Land Brennnesseln an? «Es handelt sich um eines der ältesten Heilkräuter der Welt», erklärt der 43-Jährige. «Ich nutze sie als Futterpflanze.» Im Thurgau ist Urs Maier der grösste Brennnessel-Produzent. Vielleicht sogar einer der grössten der Schweiz. Der Landwirt setzt auf deren inneren Werte wie Eisen, Silicium, Magnesium, Kalzium und den hohen Eiweissgehalt.

Für die Mutterschafe ist das Spezialfutter ein Leckerbissen und Quelle der Kraft für anstrengende Zeiten. Zum Beispiel, wenn ein Lamm zur Welt kommt. «Es wie mit dem Rahmtüpfelchen auf dem Erdbeer-Dessert», sagt Urs Maier. «Aber es ersetzt nicht das Hauptfutter.»
Für dieses «Dessert» muss man die «Urtica dioica» den Tieren erst einmal schmackhaft machen.

Rohmaterial wird zu Pellets verarbeitet

Dreimal jährlich ist Erntezeit. Das Rohmaterial wird in einem speziellen Verfahren zerkleinert, getrocknet und zu Pellets gepresst. 18 Tonnen produziert der Betrieb im Jahr. Rund 80 Prozent verbrauchen die eigenen Schafe. Dafür brüht man einen «Tee für Tiere» auf.

Das bewährte Rezept lautet: «Fünf Kilo Pellets mit heissem Wasser übergiessen. Die Mischung einen halben Tag ziehen lassen. Dann den so entstandenen Sud unter das übliche Futter mischen.» 30 Kilo Pellets braucht der 43-Jährige für eine einmalige Fütterung des gesamten Stalls. Die Idee, Brennnesseln selbst anzubauen, die hatte der gebürtige Uesslinger schon lange im Hinterkopf.

«Als ich noch ein kleiner Bub war, schickte mich meine Grossmutter oft aus, um Brennnesseln für unsere Hühner zu holen.»

Damals schon stellte er eine Verbindung zwischen dem Kraut und der Eierqualität her.» Mit 23 übernahm er den Hof der Eltern. Der Tradition verbunden aber immer offen für Neues: Dafür steckt der dreifache Familienvater den einen oder anderen kritischen Blick über den Zaun weg. «Am Anfang fragten mich die Leute, ob ich eine Bewilligung für all das habe», schmunzelt er. Heute ist der Brennnessel-Anbau im Aufwind.

Mähnen nur von Hand mit der Sense

«Ich startete vor vier Jahren mit Setzlingen im Wert von 10000 Franken, viel Energie und keinerlei Erfahrung», erzählt Urs Maier. Stundenlange Lektüre und der eine oder andere schwierige Moment gehörten dazu. «Ein Fachmann erklärte mir, die Pflanze lasse sich nur von Hand mit der Sense mähen», erinnert sich der Landwirt. «Ich schaute über mein riesiges Feld und fühlte mich schon etwas verzweifelt.»

Einige Zeit und gescheiterte Versuche später erntet Urs Maier seine Felder erfolgreich mit der Maschine ab. Eine Frage der Erfahrung und des Fingerspitzengefühls. Zum Jäten setzt der Landwirt auf Spezialisten aus dem eigenen Haus – oder besser: dem eigenen Stall. «Meine Schafe fressen das Unkraut auf den Feldern. Die Setzlinge rühren sie nicht an.»
Denn die Natur hat da so ihre Tricks und Kniffs.

«Es sind die sogenannten Brennhaare, die bei der Berührung Schmerzen auslösen», erzählt der Fachmann.

«Erst wenn man die Pflanze trocknet oder mit Wasser übergiesst, lösen sich diese ab.»

Dann aber entfaltet die Heil- und Nutzpflanze ihre Qualität. Ob es wirkt? «Darüber kann ich keine Studien vorlegen», sagt Urs Maier. Aber Entzündungen am Euter seien selten geworden. «Und seit einem Jahr musste ich keinem meiner Tiere mehr Antibiotika verabreichen.»