Prozess zum Altstadt-Brand von Steckborn: Beschuldigter konnte Warnhinweis nicht lesen

Erster Tag am Bezirksgericht Frauenfeld zum Altstadtbrand von Steckborn: Beschuldigtes Ehepaar will von der Gefahr eines Lipo-Akkus nichts geahnt haben. Für den Staatsanwalt haben die Beiden fahrlässig gehandelt. Ihr Verschulden sei aber «eher gering».

Ida Sandl
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Grosses Interesse der Medien am Prozess um den Altstadtbrand in Steckborn, der am Montag in Frauenfeld begonnen hat. (Bild: Donato Caspari)

Grosses Interesse der Medien am Prozess um den Altstadtbrand in Steckborn, der am Montag in Frauenfeld begonnen hat. (Bild: Donato Caspari)

Die Warnung auf dem Akku des Modellautos sei nicht auf Holländisch, seiner Muttersprache, aufgedruckt gewesen, sagt der Mann. Er könne nicht gut lesen, pflichtet die Frau bei, Deutsch schon gar nicht. Das Ehepaar, 47 und 48 Jahre alt, stand am Montag vor dem Bezirksgericht Frauenfeld. Fahrlässige Verursachung einer Feuersbrunst wirft die Anklage ihnen vor. Es geht um den verheerenden Altstadtbrand von Steckborn im Dezember 2015, bei dem sechs Häuser zerstört und 30 Menschen obdachlos geworden sind. Der gesamte Sachschaden liegt bei 12 Millionen Franken. Ausgelöst hatte das Feuer ein Lithium-Polymer-Akku, kurz Lipo-Akku, eines Modellautos. Dieser hatte sich beim Aufladen überladen, das führte zur Überhitzung und schliesslich dazu, dass er zu brennen anfing.

Modellauto war erst seit zwei Tagen in der Wohnung

Das Auto hatte der Mann erst zwei Tage vor dem Brand von einem Bekannten erhalten als Gegenleistung für eine Geldschuld. Der Beschuldigte habe die Gebrauchsanleitung nicht gewollt, hatte der Bekannte bei der Befragung ausgesagt. Vor Gericht stritt der Beschuldigte dies ab. Die Bedienungsanleitung sei nie Thema gewesen. Es sei keine dabei gewesen. Der Lipo-Akku sei für ihn wie ein normaler Handy-Akku gewesen. «Ich glaube nicht, dass ich etwas falsch gemacht habe.» Er habe das Ladegerät mit eingelegtem Akku in der Küche zum Aufladen an eine Steckdose angeschlossen. Dann ging er mit dem Hund spazieren. In der Zwischenzeit sei die Frau heimgekommen und habe sich am Modellauto samt Ladegerät genervt. Sie habe es gepackt, ins Ankleidezimmer getragen und dort wieder eingesteckt. Sie habe nicht geahnt, dass ein solcher Akku gefährlich sein könnte, antwortet die Frau auf die Frage von Gerichtspräsident Rudolf Fuchs. «Ich wusste gar nicht, dass es einen Warnhinweis gibt.»

Hund Leon schlug in der Nacht Alarm

Für den Staatsanwalt ist es «fast unmöglich, dass jemand, der am normalen Leben teilnimmt, noch nie von der Gefahr eines Lipo-Akkus gehört hat». Fahrlässige Verursachung einer Feuersbrunst wirft er dem Ehepaar vor. Der Mann hätte nicht einfach gehen und den Akku unbeaufsichtigt lassen dürfen. Als er das Ladegerät im Ankleidezimmer gesehen habe, hätte er es ausstecken müssen. Auf keinen Fall hätte er – wie geschehen – einfach zu Bett gehen dürfen. Um 2.34 Uhr in der Nacht auf Montag schlug Hund Leon Alarm. Die Tochter wachte auf und weckte ihre Eltern. Die Familie musste durchs Fenster evakuiert werden. Leon kam in den Flammen um.

Der Ehemann habe sich der Fahrlässigkeit durch Unterlassung schuldig gemacht. Er habe die Gefahr geschaffen. Die Ehefrau habe pflichtwidrig unvorsichtig gehandelt. Der Schaden ist riesig, doch das strafrechtliche Verschulden gewichtet der Staatsanwalt als eher gering. Im Grunde handle es sich um zuverlässige und pflichtbewusste Menschen –ohne Vorstrafen. Die Strafanträge seien deshalb im unteren Bereich angesiedelt. Eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 30 Franken für den Mann, 10 Tagessätze zu je 30 Franken für die Frau. Dazu kommt eine Busse von 600 Franken für ihn und 300 Franken für sie.

Sieben Geschädigte hatten keine Hausratsversicherung

Rechtsanwalt Daniel Jung vertritt 17 von insgesamt 22 Privatklägern. Seine Mandanten hätten persönliche Sachen unwiederbringlich verloren. Sieben Geschädigte haben keine Hausratsversicherung. «Sie bleiben auf ihrem Schaden sitzen.» Für Jung ist das Ehepaar schuldig, sie hätten sich um nichts gekümmert. Sie seien «vollumfänglich haftbar».

Drei Geschädigte sind beim Prozess anwesend. Auch Walter Strub aus Steckborn. Der 71-Jährige hofft, dass die Beschuldigten zur Rechenschaft gezogen werden. Sein Haus wurde völlig zerstört. Kurz vor Weihnachten seien sie auf der Strasse gestanden: «So etwas kann man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat.»

Das Urteil wird am Dienstag eröffnet.