Den Thurgau weiterbauen – aber nicht auf der grünen Wiese

Die europäischen Denkmaltage beleuchten in diesem Jahr das Thema Weiterbauen – so auch im Kanton Thurgau. Im Seemseum in Kreuzlingen fand der Auftakt statt.

Emil Keller
Drucken
Teilen
«Für mich heisst Weiterbauen, erst einmal Innehalten»: Giovanni Menghini, kantonaler Denkmalpfleger.

«Für mich heisst Weiterbauen, erst einmal Innehalten»: Giovanni Menghini, kantonaler Denkmalpfleger.

Bilder: Reto Martin
  • Die Denkmaltage finden in 50 europäischen Ländern statt.
  • Die Thurgauer Baudirektorin Carmen Haag appelliert an einen  einen «verantwortungsvollen Umgang mit dem baukulturellen Erbe».
  • Im Seemuseum fand der Auftakt statt. Der kantonale Denkmalpfleger Giovanni Menghini skizzierte neue Ansätze. 

Kein Mikrofon steht auf der Bühne, und doch trägt der Gewölbekeller des Seemuseums den Klang der Rednerstimmen bis in die hintersten Winkel. Die ehemalige Kornschütte im Kreuzlinger Seeburgpark dient heute als Museum und hat im ersten Halbjahr 2019 umfassende Renovationsarbeiten erfahren.

Teil davon waren neben Brandschutzmassnahmen und Liftschacht auch akustische Anpassungen, um für mehr Klangvolumen und die nötige Transparenz im Gewölbekeller aus dem Jahr 1680 zu sorgen. Nun kann der Raum wieder als Musik- und Festsaal dienen – und damit den Museumsbetrieb mitfinanzieren.

Auf freien Flächen bauen, war einmal

Regierungsrätin Carmen Haag.

Regierungsrätin Carmen Haag.

Bild: Reto Martin

Damit ist das Seemuseum eines von vielen Beispiele, wie historisch schützenswerte Gebäude im Thurgau erhalten bleiben und dennoch ihren heutigen Zweck erfüllen können. Eine würdige Kulisse also, unter der Regierungsrätin Carmen Haag die diesjährigen europäischen Denkmaltage im Thurgau eröffnete. Die Thurgauer Baudirektorin sagte:

«Weiterbauen in die Fläche und auf der grünen Wiese, diese Zeiten sind vielerorts vorbei.»

Aufstocken in die Höhe, neu bauen in Lücken – dies bringe mit sich, an Bestehendem anzubauen. Damit spannte sie den Bogen zum Thema Weiterbauen. Doch Bauen im Bestand heisse Rücksicht nehmen auf Bestehendes. «Darum brauchen wir einen verantwortungsvollen Umgang mit dem baukulturellen Erbe», sagte Haag. Nur so könnten individuelle Pläne mit dem Ortsbild als Ganzes in Einklang gebracht werden.

Thomas Niederberger, Kreuzlinger Stadtpräsident.

Thomas Niederberger, Kreuzlinger Stadtpräsident.

Der Kreuzlinger Stadtpräsident Thomas Niederberger gab zu:

«Als ein Mensch, der in die Zukunft schaut, tue ich mich manchmal schwer mit der Denkmalpflege.»

. 211 Objekte sind in Kreuzlingen als schützenswert eingestuft. Für einen Ort ohne Altstadt eine ansehnliche Zahl, gab er zu bedenken.

«Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht mitgestalten.» Dieses Zitat von Helmut Kohl hat den Stadtpräsidenten über die Jahre dennoch inspiriert, sich mit der baulichen Vergangenheit zu befassen. Mittlerweile ist Niederberger überzeugt davon viel für die Zukunft lernen zu können.

Wohnbedarf hat sich verdoppelt

Dass auch zukünftige Bauten Teil der Denkmalpflege sein können und auch sein müssten, dieser Meinung vertrat Giovanni Menghini. Der Leiter der kantonalen Denkmalpflege plädierte dafür, dass seine Abteilung auch in die Ausarbeitung von aktuellen kantonalen Richtplänen miteinbezogen werden soll. «Für mich heisst Weiterbauen, erst einmal Innehalten», sagte Menghini.

Giovanni Menghini, kantonaler Denkmalpfleger.

Giovanni Menghini, kantonaler Denkmalpfleger.

Nur wenn der Bestand an schützenswerten Objekten richtig erfasst ist, sei eine solide Grundlage gegeben, um ein Ortsbild zu erhalten. Eine solche Neuausrichtung der Denkmalpflege koste Zeit und Geld. «Wahrscheinlich hätte dies den Verlust von einigen Objekten zur Folge», bedauerte der Kunsthistoriker. Doch sei dies ein Opfer, das er gewillt ist, in Kauf zu nehmen, um in Zukunft die kantonale Identität zu bewahren.

Gleichzeitig zeigte er auf, dass sich der Bedarf an Wohnfläche pro Kopf von 25 Quadratmeter im Jahr 1960 auf aktuell 51 Quadratmeter verdoppelt hat. Menghini fragte in die versammelte Runde:

«Müssen wir wirklich alle so individualistisch unterwegs sein?»

Neben einem anschliessenden Rundgang durch das Seemuseum gaben auch andere historische Thurgauer Gebäude Einblick in ihren «Weiterbau». So zeigten Denkmalpfleger unter anderem in der Walzmühle in Frauenfeld oder anhand eines Ersatzbaus einer Scheune in Kesswil den baulichen Wandel im Thurgau auf.

Blick in den renovierten Gewölbekeller des Seemuseums.

Blick in den renovierten Gewölbekeller des Seemuseums.

Mehr zum Thema

Europäische Tage des Denkmals stossen auf grosses Interesse

Die 27. Europäischen Tage des Denkmals haben am Wochenende in der Schweiz in einer abgespeckten Version stattgefunden. Schweizweit fanden rund 250 Veranstaltungen zum Thema «Weiterbauen» statt. Von den rund 20'000 Besuchenden stammte fast die Hälfte aus der Romandie.