Interview

«Dass ich als Buchhändlerin keine Leben gefährde, beruhigt mich sehr»: Die Bischofszellerin Marion Herzog bewundert Menschen, die in der Medizin oder Pflege arbeiten

Der Coronakrise kann Buchhändlerin Marion Herzog aus Bischofszell im Moment noch nichts Positives abgewinnen: Ihr Geschäft ist geschlossen und der Alltag verzettelt. Im Interview erzählt sie auch von ihrem ersten Traumberuf.

Florian Beer
Drucken
Teilen
Trotz der schwierigen Situation hat Marion Herzog das Lachen nicht verlernt.

Trotz der schwierigen Situation hat Marion Herzog das Lachen nicht verlernt.

Bild: Andrea Stalder

Wie wirkt sich das Coronavirus auf Ihr Geschäft aus?

Sehr negativ. Unsere Buchhandlung ist aufgrund der momentanen Situation geschlossen. Unsere Kunden können aber weiterhin Bücher und Spiele bei uns telefonisch oder online bestellen. Diese werden dann gegen Rechnung nach Hause geliefert oder zu vereinbarten Zeiten bei uns vor dem Laden deponiert. Das ersetzt aber natürlich nicht den sonstigen Betrieb. Die persönliche Beratung fehlt, die unser Geschäft ausmacht. Wir sind aber natürlich dankbar für jede Bestellung!

Zur Person

Marion Herzog ist am 4. Januar 1976 in Luzern zur Welt gekommen. Sie wuchs in der Stadt St.Gallen auf und absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Nach vielen Umwegen arbeitet sie seit acht Jahren in der Buchhandlung «Bücher zum Turm» in Bischofszell, wo sie neben Buchhandlungsangestellten auch Teilinhaberin ist. Marion Herzog ist verheiratet, Mutter einer Tochter und hat zwei Hunde.

Können Sie dieser Situation etwas Positives abgewinnen?

Momentan leider gar nicht. Ich habe normalerweise einen sehr strukturierten Alltag, der mir so gefällt. Aufgrund der jetzigen Situation muss ich nun viele Dinge gleichzeitig erledigen. Eigentlich wollte ich unsere neue Mitarbeiterin einarbeiten, das ist aber momentan auch nicht möglich. Sie erledigt daher die Lieferungen. Wenn diese Krise überstanden ist, kann man im Nachhinein bestimmt sagen, dass wir etwas daraus gelernt haben. Die Menschen unterstützen sich gegenseitig stärker als sonst, was mich sehr freut. Ich hoffe auf die Nachhaltigkeit der Tugenden der letzten paar Wochen, sodass wir gestärkt und vereint aus dieser Krise kommen. Hoffentlich verfallen wir danach nicht wieder in eine egoistische Eigensinnigkeit.

Wie hat diese Krise Ihren Alltag verändert?

Sehr stark. Momentan fehlen mir der Rhythmus und die Struktur. Mein Alltag ist leider sehr verzettelt. Ich muss im Moment funktionieren und kann nichts wirklich fertig machen. Ich hoffe, dass sich die Lage bald wieder beruhigt und normalisiert. Das wird aber bestimmt nicht von heute auf morgen gehen.

Wie beginnen Sie normalerweise Ihren strukturierten Alltag?

Nach dem Aufstehen trinke ich eine Tasse Kaffee und werfe einen Blick in die Zeitung. Das ist ein absolutes Muss! Dieses Morgenritual lasse ich mir auch durch Corona nicht nehmen und probiere, daran festzuhalten. Ohne das geht es nicht.

Was ist das Beste am Beruf der Buchhändlerin?

Der persönliche Kontakt mit den Menschen. Das Lesen ist eigentlich eine sehr einsame Beschäftigung. Wenn aber Menschen mit einem Interesse an Büchern zu uns in den Laden kommen und man sich gegenseitig mit seinen Leseerfahrungen austauschen kann, wird es plötzlich sehr lebendig und spannend. Da kann jeder den anderen inspirieren. Zudem ist jeder Tag anders und es wird nie langweilig.

Was war denn Ihr erster Traumberuf?

Ich wollte als kleines Mädchen gerne Tierärztin werden. Als ich aber merkte, dass das nicht nur Tierli streicheln ist, sondern auch blutig zur Sache gehen kann, habe ich davon Abstand genommen (lacht). Worte dagegen haben mich schon immer fasziniert. Ich habe zwei ältere Geschwister, die schon fleissig lasen, und ich konnte es damals kaum erwarten, endlich auch lesen zu können. Seitdem haben mich die Bücher nie wieder losgelassen. Bücher sind mehr als bloss ein Zeitvertreib, man kann mit ihnen die Welt erkunden und abtauchen.

In welchem Beruf wären Sie eine Fehlbesetzung?

Ich könnte keinen Beruf ausüben, in dem es auch mal «grusig» wird und der mit viel Verantwortung verbunden ist. Ich bewundere daher Menschen zutiefst, die in der Medizin oder der Pflege arbeiten. Eine Kollegin hat mir mal gesagt, der grösste Fehler, den man als Buchhändlerin machen kann, ist, ein falsches Buch zu bestellen. Dass ich damit keine Leben gefährde, beruhigt mich sehr.

Was machen Sie gerne in der Freizeit?

Natürlich lese ich sehr viel und arbeite gerne in unserem Garten. Wir bauen ab und zu etwas Gemüse an, vor allem aber pflege ich ihn. Mit unseren Hunden gehe ich gerne laufen und erkunde den Bischofsbergerwald. Da kann ich den Kopf abschalten und einfach mal die Stille der Natur geniessen.

Haben Sie ein Lieblingsgericht? Was essen Sie am liebsten?

Ich mag die italienische Küche, am liebsten esse ich Lasagne. Wenn ich selber koche, schmecken laut meiner Tochter meine Omeletten am besten. Momentan übernimmt sie aber den Kochlöffel, weil ich dazu leider keine Zeit habe und sie ihr Studium zu Hause erledigt kann.

Stellen Sie sich vor, Sie veranstalten ein Abendessen und dürfen dazu drei Personen einladen – lebendig oder tot. Wen laden Sie alles ein?

Eine schwierige Frage! Letzte Woche habe ich einen Text von Autor Lukas Bärfuss im «Spiegel» gelesen, in dem er den Umgang der Schweiz mit dem Coronavirus harsch kritisiert. Ich würde mit ihm gerne darüber diskutieren. Dann lade ich Friedrich Dürrenmatt ein, weil ich ihn schon seit meiner Schulzeit beeindruckend finde und er stets eine klare Meinung hatte. Zu guter Letzt lade ich Jim Morrison ein, ein amerikanischer Rockmusiker. Ich mag seine Musik und er ist sicher ein schräger Vogel.

Worauf freuen Sie sich am meisten an einem freien Wochenende?

Zur Abwechslung mal etwas zu lesen (lacht), Zeit für mich alleine zu haben und die Welt rund um mich herum auszublenden. Beim Lesen kann ich am besten aus der Welt verschwinden und in eine andere abtauchen.

Was hören Sie gerne im Auto?

Ich fahre selber kein Auto, daher spiele ich als Beifahrerin gerne den Disc Jokey. Neben Radio laufen oft Klassiker wie die Beatles oder die Rolling Stones. Mit meiner Familie fahren wir gerne auch nach Italien in die Ferien, dann lassen wir italienische Musik laufen, um uns schon mal in Dolce-Vita-Stimmung zu versetzen.

Haben Sie ein Lieblingsbuch oder ein Lieblingsgenre beim Lesen?

Vor vielen Jahren habe ich «Der Schatten des Windes» von Carlos Ruiz Zafón gelesen. Das hat mich damals sprachlich und inhaltlich begeistert. Ansonsten bin ich sehr experimentierfreudig und lese kreuz und quer durch die Weltliteratur. Wenn ich mal richtig abschalten möchte, lese ich einen Krimi. Herrlich!

Welches Buch verkauft sich momentan trotz Krise am besten?

Das Buch «Frau Morgenstein und das Böse» vom Schweizer Schriftsteller Marcel Huwyler. Ein scharfzüngiger und mitreissender Krimi über eine Lehrerin, die Selbstjustiz ausübt. Das klingt sehr blutig, ist aber sehr erfrischend und wir haben bis jetzt nur positive Rückmeldungen erhalten. Eigentlich war eine Dinner-Vorlesung mit dem Autor im Gasthaus Hirschen in Bischofszell geplant, wir mussten das Datum aber leider verschieben. Doch verschoben ist nicht aufgehoben. Hoffentlich ist die Krise bald vorbei.

Mehr zum Thema