Maurer nach Weinfelden, Logistiker nach Arbon, Spengler nach St.Gallen: Das Zügeln der Berufe im Thurgau

Der Kanton Thurgau teilt einzelne Berufe anderen Berufsschulen zu. Das bringt auch Sparpotenzial mit sich. An den sieben Berufsfachschulen will man aber festhalten.

Sebastian Keller
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Angehende Thurgauer Logistikerinnen werden künftig in Arbon unterrichtet.

Angehende Thurgauer Logistikerinnen werden künftig in Arbon unterrichtet.

Bild: Chris Iseli / THE

Angehende Maurerinnen drücken künftig in Weinfelden – und nicht mehr in Frauenfeld – die Schulbank, Medizinische Praxisassistenten in Arbon – und nicht mehr in Weinfelden. Das sind zwei Veränderungen im Zuge der Neuzuteilungen der Berufe an die Berufsfachschulen.

Der Auslöser dafür findet sich in den Regierungsrichtlinien 2016 bis 2020: «Der Kanton entwickelt die Berufsfachschulen zu starken Kompetenzzentren mit klaren Profilen im Bereich der beruflichen Grundbildung und der Weiterbildung», heisst es da. Die Neuzuteilung soll in sechs Jahren abgeschlossen sein. «Dabei werden alle bestehenden Schulstandort erhalten», entwarnt der Kanton in einer Mitteilung. Zu Anpassungen kommt es an fünf der sieben Schulen.

Neu im Angebot: Logistiker

Marcel Volkart, Chef des kantonalen Amtes für Berufsbildung und Berufsberatung.

Marcel Volkart, Chef des kantonalen Amtes für Berufsbildung und Berufsberatung.

Bild: Donato Caspari

Wer künftig in einem Thurgauer Lehrbetrieb Dentalassistent oder Logistiker lernt, holt sich das schulische Rüstzeug am Bildungszentrum Arbon. Heute drücken diese Berufsleute in Ausbildung im Kanton St.Gallen oder Zürich die Schulbank. Marcel Volkart, Chef des Amtes für Berufsbildung und Berufsberatung, erklärt:

«Wir haben die Lernendenströme untersucht.»

Und diese hätten gezeigt: Logistiker und Dentalassistent boomen. «Da lohnt es sich, dass wir sie selber anbieten.» Denn: Besuchen Lehrlinge in einem anderen Kanton die Schule, muss der Thurgau dafür aufkommen. Fast 12 Millionen Franken Schulgeld zahlte der Kanton 2019 laut Geschäftsbericht an ausserkantonale Berufsschulen.

Im Fall des Bildungszentrums Arbon geht es auch darum, die Infrastruktur auszuschöpfen. Volkart:

«Derzeit werden zwischen 30 und 40 Prozent des Schulraums nicht genutzt.»

Ein Grund dafür: Die Zahl unter anderem der Polymechaniker-Lernenden ist rückläufig. Künftig werden diese alle wie auch die Konstrukteure nur noch am Bildungszentrum für Technik in Frauenfeld unterrichtet. Damit wird ein weiteres Ziel des Projekts erreicht: Jeder Beruf wird nur noch an einem Standort angeboten. Und: Die einzelnen Schulen sollen sich fokussieren. So wird etwa das Bildungszentrum Arbon zum Kompetenzzentrum für Dienstleistungsberufe.

Gewisse Berufe lagert der Thurgau auch aus. Volkart: «Wenn es pro Jahr nur fünf Lernende sind, lohnt es sich nicht, eine Klasse zu führen.» Deshalb besuchen Spengler und Zierpflanzengärtner künftig die Schule in St.Gallen. Auf der anderen Seite sollen alle Kaufleute am Bildungszentrum für Wirtschaft in Weinfelden beschulet werden. Heute drücken einige in Schaffhausen oder St.Gallen die Schulbank.

Weiterer Arbeitsweg für einige Lehrer

Für eine Handvoll Lehrer ist die Neuorganisation wohl keine freudige Nachricht. «Primär für Lehrpersonen in Arbon, die in der Umgebung wohnen», weiss Volkart. Falls sie sich keinen Umzug oder keinen längeren Arbeitsweg gewärtigen wollen, könnte es sein, dass sie sich einen neuen Job suchen.

Auch wenn Volkart betont, dass es sich nicht um eine Sparvorlage handelt, Einsparungen seien möglich.

«Alleine im kaufmännischen Bereich im fünfstelligen Bereich.»

Weiter entlasten die Optimierung von Klassengrössen sowie die Zusammenlegung von Schulstandorten die Staatskasse. Auch wenn es sich noch nicht exakt beziffern lässt, sagt Marcel Volkart: «Jährlichen ist wohl Sparpotenzial von eine Million Franken denkbar.»

Die Standortwechsel sollen schrittweise vollzogen werden. Beispiel Elektroinstallateure: Wenn sie die Schule in Frauenfeld besuchen, bleibt das bis zu ihrem Lehrabschluss so. Ab einem gewissen Zeitpunkt starten die 1.Lehrjahr-Schüler dann am Bildungszentrum für Bau und Mode in Kreuzlingen.

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