«Das Zölibat bleibt ein grosser Risikofaktor»

Die katholische Synode des Kantons Thurgau hat mit ihrer klaren Haltung im Vorfeld der Missbrauchs-Konferenz Staub aufgewirbelt. Ihr Begehren sei im Vatikan eingebracht worden, bilanziert der Präsident der Synode. Doch es bleibe noch viel zu tun.

Silvan Meile
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Dominik Diezi, Präsident der katholischen Synode Thurgau. (Bild: PD)

Dominik Diezi, Präsident der katholischen Synode Thurgau. (Bild: PD)

Die Erklärung hat den Weg nach Rom gefunden. «Aus Sicht der Thurgauer Synode ist es erfreulich, dass unser Diözesanbischof die Anliegen unserer Resolution in Rom eingebracht hat», sagt Synodalpräsident Dominik Diezi in einer Stellungnahme der katholischen Landeskirche Thurgau.

Vom 21. bis 24. Februar fand im Vatikan das weltweite «Bischofstreffen zu Missbrauch und Kindesschutz» in der katholischen Kirche statt. Im Vorfeld dieses Treffens der geistlichen Amtsträger richtete sich das Thurgauer Kirchenparlament mit einer deutlichen Haltung an Bischof Gmür, der die Schweizer Bischofskonferenz im Vatikan vertrat.

Nebst der Forderung nach Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und Unterstützung der Opfer sprachen sich die Thurgauer auch für Kirchenreformen aus: Aufhebung des Pflichtzölibats und Ermöglichung der Frauenordination, ein positives Bild der menschlichen Sexualität entwickeln und die Gewaltenteilung und Machtkontrolle in der Kirche verstärken. So müsse die Kirche wieder glaubwürdig werden.

Ein grosser Risikofaktor ist noch nicht beseitigt

Unter dem Titel «Es bleibt noch viel zu tun» zieht nun der Arboner ein Fazit. «Die Bereitschaft der Bischöfe, alles vorzukehren, um Missbrauchsfälle in Zukunft zu verhindern, erscheint glaubwürdig», sagt Diezi. Positiv zu werten sei, dass die Kirche den Opfern Hilfe zukommen lassen wolle und die Täter als das bezeichnet werden, «was sie sind: schreckliche Verbrecher».

Doch bezüglich Reformen bleibt in der katholischen Kirche noch viel Luft nach oben. «Bei der Beseitigung der strukturellen Ursachen des Missbrauchsskandals kann ich noch keine wirklichen Fortschritte erkennen.»

Machtgefälle zwischen Geistlichen und Gläubigen

Diezi denkt etwa an Machtmissbrauch oder Sexualmoral. Beides müsse überdacht werden. Doch solange die sexuelle Enthaltsamkeit tendenziell höher bewertet werde als ein erfülltes Sexualleben, werde sich am Pflichtzölibat und auch an der Rolle der Frauen in der Kirche wohl nichts ändern. Dadurch bleibe das Machtgefälle zwischen dem zölibatär lebenden Klerus und den gewöhnlichen Gläubigen bestehen.

Etliche der zölibatär lebenden Männer seien mit der freiwillig gewählten Lebensform überfordert. Sie fänden in der Kirche in ihren sexuellen Nöten auch nur bedingt Gesprächspartner. «Das ist ein grosser Risikofaktor, der dringend beseitigt werden sollte.» Einen Lichtblick hat Synodalpräsident Diezi: «Von deutschen Bischöfen gibt es diesbezüglich bemerkenswerte Aussagen», sagt er.

Vielen Katholiken aus der Seele gesprochen

Mit ihrer Resolution hat die Thurgauer Synode der Katholiken viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das Kirchenparlament Basel Land hat das Schreiben und somit die Thurgauer Haltung übernommen. Mit dem Bischof selber habe er ein gutes Gespräch darüber führen können, erklärt Diezi. Und aus der Bevölkerung seien bei ihm nur positive Rückmeldungen eingegangen.

Die klare Haltung der Thurgauer Synode spricht vielen Katholiken aus der Seele. Die darin angesprochenen Themen werden insbesondere bei Kirchenaustritten immer wieder vorgebracht.

Bischof Felix Gmür: «Wir machen das nicht für unser Image»

Bischof Felix Gmür reist mit deutlichen Forderungen der Thurgauer Landeskirche an die Bischofskonferenz in Rom. Er spricht über die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche und davon, mögliche Opfer vor Missbräuchen zu schützen.
Interview: Silvan Meile