«Ich bin dem Tod von der Schippe gesprungen»: Thurgauer Wirt muss nach Hirnschlag aufhören

Ein schwerer Schicksalsschlag hat das Leben von Walter «Lupo» Leuzinger auf den Kopf gestellt. Ein Hirnschlag warf ihn aus der Bahn. Nun hat er wieder Mut gefasst. Sein «Bahnhöfli» bleibt aber geschlossen.

Kurt Lichtensteiger
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Walter Leuzinger steht vor seinem geschlossenen Guntershauser Restaurant Bahnhöfli. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Walter Leuzinger steht vor seinem geschlossenen Guntershauser Restaurant Bahnhöfli. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Was in den vergangenen acht Monaten passiert ist, daran kann sich Walter Leuzinger nur noch bruchstückhaft erinnern. Zu lange lag er im Koma. Deshalb ist er auf die Schilderung seiner Nächsten angewiesen. «Ich stand in der Küche, als die Malerin Karin Reusser, die grad mit Renovierungsarbeiten beschäftigt war, mit Schrecken feststellte, dass mit mir etwas nicht stimmte.»

Die Handwerkerin habe dann die Servicefachangestellte Jasmin geholt. «Die kennt mich nach ihrer zwölfjährigen Tätigkeit am besten.» Guido Müller, Kioskbetreiber am Bichelsee, war ebenfalls zur Stelle. «Er war soeben von seinem halbjährigen Aufenthalt in Laos zurück.» Die sofortige Überführung ins Kantonsspital Frauenfeld war die richtige Massnahme, sagt der 63-Jährige im Rückblick auf das dramatische Geschehen.

Medikamente lösten Allergie aus

Dort wurde ein Hirnschlag diagnostiziert, mit ungewissem Ausgang, wie üblich in derartigen Fällen. Es folgte ein langer Komazustand, mit Aufenthalten in den Spitälern Frauenfeld, Zürich und St. Gallen. Eine medikamentös verursachte Allergie hatte zeitweise den Zustand des Patienten noch verschlimmert.

Die Hiobsbotschaft über das Ereignis verbreitete sich im Umfeld des «Bahnhöfli»-Gastwirts schnell, zumal das Restaurant von einem Tag auf den andern geschlossen wurde. Als noch Teile seiner Möbel und des Inventars entsorgt wurden, ging das Rätselraten um die Zukunft der betroffenen Person und des Restaurants weiter.

Der gewohnte Schalk

Doch «Lupo» rappelte sich auf, wollte nicht so schnell aufgeben. Nach drei Monaten in den Spitälern und fünf Monaten in der Rehaklinik Zihlschlacht ist der Guntershauser wieder zurück. «Ich bin dem Tod von der Schippe gesprungen», sagt er mit gewohntem Schalk in seinem von der Vergangenheit gezeichneten Gesicht. Den Humor hat er jedenfalls nicht verloren, auch sprachlich nichts von seiner früheren Redefreudigkeit eingebüsst. Dass er an Körpergewicht verloren hat, mag er nicht als Nachteil sehen.

Wieder in seinem Umfeld

«Ich bin sehr froh, dass ich wieder zurück bin, das Hirn noch völlig intakt und der Gang ganz ordentlich ist.» Nur die linke Hand macht ihm noch Mühe, doch dank der Therapie zeichnen sich Fortschritte ab. Im Dorfzentrum von Aadorf hat er eine kleine Wohnung beziehen können, wo er selbständig leben, kochen, putzen und die Hygiene selber erledigen kann. «Bekannte Gesichter zu sehen, etwas plaudern und den gedanklichen Austausch zu pflegen, sind meine Highlights.»

Die Beizenfasnacht in Lupo's Bahnhöfli ist legendär. Nun wird sie nicht mehr stattfinden. (Bild: Olaf Kühne, 15. Januar 2013)

Die Beizenfasnacht in Lupo's Bahnhöfli ist legendär. Nun wird sie nicht mehr stattfinden. (Bild: Olaf Kühne, 15. Januar 2013)

Rund 30 Tabletten halten ihn auf dem Damm, doch daran gewöhne man sich. Walter Leuzinger bedauert:

«Gerne würde ich leichtere Arbeiten verrichten, etwa als Küchenhilfe, um meinen Alltag auszufüllen. Am liebsten natürlich zurückkehren ins ‹Bahnhöfli›, doch davon rät mir mein Arzt ab. Selbst nur die Fasnacht dort im kleineren Rahmen durchzuführen, ist obsolet.»

Vermieter verzichtet auf Einhaltung des Vertrages

Zum Schluss des Gesprächs möchte er seiner Tochter Nicole ein Kränzchen winden: «Rührig hat sie sich um mich und den Betrieb bemüht, obschon in der Vergangenheit der Kontakt nicht sehr eng gewesen ist.» Weil kein Vorsorgeauftrag vorhanden war, habe sie es mit Behörden und Ärzten doppelt schwierig gehabt. «Das Ereignis hat uns sogar noch zusammenrücken lassen. Auch meinen langjährigen Serviceangestellten Jasmin und Carmen bin ich dankbar, so wie vielen Freunden und Bekannten für ihre Anteilnahme.»

Und der Vermieter habe fairerweise auf die Einhaltung des noch kürzlich um fünf Jahre verlängerten Vertrages verzichtet. «So bin ich mit einem blauen Auge davon gekommen. Die Zukunft liegt indessen in den Sternen. Ich geniesse einfach das Hier und Jetzt.»