Das Theaterstück «Die Nachtbraut» über Texte von Francis Giauque kommt nach Frauenfeld

Wenn ein Dichter aufschreit: Vom kurzen Leben eines verzweifelten Dichters erzählt am Mittwoch ein Theaterstück in der Kantonsbibliothek in Frauenfeld.

Dieter Langhart
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Philippe (Fabian Guggisberg) und Anne (Mia Lüscher) in «Die Nachtbraut».

Philippe (Fabian Guggisberg) und Anne (Mia Lüscher) in «Die Nachtbraut».

Bild: PD/Severin Nowacki

Ein Mann, eine Frau: Die perfekte Konstellation für die Bühne, denn hier wird vom Leben und von der Liebe erzählt. Er heisst Philippe, sie heisst Anne, eine Zufallsbekanntschaft; Schauplatz ist erst Valencia, dann eine psychiatrische Klinik. Philippe ist Dichter und Sonnyboy, doch eine Hautkrankheit verunstaltet sein Gesicht. Er schreibt gegen alles Angepasste an, er leidet am Leben, stürzt wieder und wieder ab, hört irgendwann auf, «ein normaler Mensch zu sein».

Charles Linsmayer und «HuberReprinted»

Markus Keller, Theaterregisseur und Leiter des Theaters an der Effingerstrasse in Bern, hat das Zweipersonenstück «Nachtbraut» geschrieben, basierend auf Prosatexten des Westschweizer Schriftstellers Francis Giauque. In der Deutschschweiz bekannt gemacht hat den «poète maudit» Publizisten Charles Linsmayer vor einem Jahr mit dem Buch «Die Glut der Schwermut im Schattenraum der Nacht» in der Reihe «Reprinted by Huber»; er wird auch in die Vorstellung einführen.

Adolf Muschg hat bei den Hottinger Literaturgesprächen gesagt:

Adolf Muschg, Schriftsteller.

Adolf Muschg, Schriftsteller.

Bild: Keystone/
Gaetan Bally
«Wie kann man in einem Land mit einem solchen Dichter leben und ihn nicht kennen.»

Ein Freund hat Giauque in Valencia eine Stelle als Sprachlehrer vermittelt. Bald bricht er zusammen, kehrt zurück, landet in der psychiatrischen Klinik Yverdon, die ausgerechnet «Bellevue» heisst. Francis Giauques Leidensgeschichte zwischen Schreibdrang und Irrenhäusern beginnt hier, und sie endet 1965 im Neuenburger See. Vermutlich Selbstmord, denn der Dichter, Sohn des Posthalters von Prêles oberhalb des Sees, sah den Tod als letztes mögliches Glück nach der zerbrochenen Liebe zur Malerin Emilienne Farny. Er hinterliess ein schmales Werk, Gedichte und einige Erzählungen. Doch ein Theaterstück hat Giauque nie geschrieben.

Freie Collage aus Texten von Francis Giauque

Markus Kellers Dramatisierung setzt nicht Giauques Lebensgeschichte um, sondern ist eine freie Collage aus seinen Texten rund um die Erzählung «Anne». In Valencia ist Philippe hilflos, verloren, in einem Lokal lernt er Anne kennen; in der Irrenanstalt erscheint dem Einsamen die Angst als Nachtbraut, Vexierbild der verlorenen Geliebten. Mia Lüscher und Fabian Guggisberg umkreisen einander, ziehen einander an und stossen einander weg.

Schlicht das Bühnenbild: Tisch und Stühle, Flasche und Gläser, im Hintergrund ein Geflecht aus unzähligen Geraden: Symbol für die Verstricktheit des Dichters, den Anne mit einer Schnur an den Tisch fesselt. In seiner Welt gibt es nur Schwarz oder Weiss. Giauque hatte sich dem Leben und der Gesellschaft radikal verweigert; die Zwangsjacke war für ihn Symbol für das Unmenschliche und Herzlose der Psychiatrie. Seine Erzählung «Anne» endet so: «Novembernacht. Ich werde den Morgen nicht erleben. Im Licht sterben, für immer.»

Mittwoch, 18. November, 19.30 Uhr, Kantonsbibliothek

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