St. Katharinental
Das Museum, das keines sein darf: Einblick in die volkskundliche Sammlung des Historischen Museums Thurgau

Geheimnisse, Legenden und Geschichten umranken das Leben der ländlichen Thurgauer Bevölkerung vor 100 Jahren ebenso wie das kontemplative Leben der Dominikanerinnen über die Jahrhunderte. Die ehemalige Klosteranlage St. Katharinental bei Diessenhofen übt mit dem schweizweit einzigartigen Schaudepot, der Barockkirche und der idyllischen Umgebung eine grosse Anziehungskraft aus.

Hans Suter
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Die Welt vor dem Wegwerfzeitalter: An einer Wäschespinne von 1910 hängt geflickte Wäsche, bei der selbst die Flicken mehrmals geflickt wurden.

Die Welt vor dem Wegwerfzeitalter: An einer Wäschespinne von 1910 hängt geflickte Wäsche, bei der selbst die Flicken mehrmals geflickt wurden.

Bild: Tobias Garcia
Im ehemaligen Kornhaus ist heute das Schaudepot untergebracht.

Im ehemaligen Kornhaus ist heute das Schaudepot untergebracht.

Bild: Tobias Garcia

Es ist ein mächtiges Gebäude, und bis unters Dach voller Geschichte – das ehemalige Kornhaus der mittelalterlichen Klosteranlage St. Katharinental bei Diessenhofen. Während es früher seinem Namen entsprechend Korn speicherte und damit die existenzielle Wichtigkeit andeutet, beherbergt es heute die gegenständlichen Zeugnisse aus dem Leben und der Arbeit der ländlichen Bevölkerung vor 100 Jahren.

Gabriele Keck, Direktorin des Historischen Museums Thurgau.

Gabriele Keck, Direktorin des Historischen Museums Thurgau.

Bild: Tobias Garcia

Es trägt den schlichten Namen Schaudepot. Die Direktorin des Historischen Museums Thurgau, Gabriele Keck, bezeichnet es diplomatisch als «Präsentation zwischen Ausstellung und Depot». Kurator Peter Bretscher nennt es in Anlehnung an eine professorale Aussage «die Kultur der anonymen vielen». Dass es kein Museum sein darf und auch nicht will, hat seinen Grund in einer Volksabstimmung von 1991. Damals lehnte das Thurgauer Stimmvolk ein Bauernmuseum in der Komturei Tobel ab. Deshalb gibt es heute «nur» ein Schaudepot, das ausserdem nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden kann. Doch auch wenn der museale Status fehlt: Inhaltlich hat es die Sammlung in sich.

Arbeit war wohl mehr als das halbe Leben: Blick in die Schmitte.

Arbeit war wohl mehr als das halbe Leben: Blick in die Schmitte.

Bild: Tobias Garcia

Ein Gebäude voller Geschichte und unzähligen Geschichten

Peter Bretscher, Kurator der Volkskundlichen Sammlung des Historischen Museums Thurgau.

Peter Bretscher, Kurator der Volkskundlichen Sammlung des Historischen Museums Thurgau.

Bild: Tobias Garcia

Auf 2000 Quadratmetern zeugen über 10'000 Originale zu Landwirtschaft, Weinbau, Transport, Gewerbe, Handwerk, Hausarbeit und Wohnen vom Leben und Arbeiten in der Ostschweiz vor 100 Jahren. Kurator Peter Bretscher hat die Sammlung in den vergangenen 25 Jahren systematisch entwickelt. Besonders wertvoll ist, dass er nicht nur Maschinen, Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände aller Art in möglichst vollständigen Entwicklungsstufen aus dem ländlichen Leben gesammelt hat, sondern auch die Geschichten dahinter.

Eine Trotte war für den Weinbau unerlässlich, aber teuer.

Eine Trotte war für den Weinbau unerlässlich, aber teuer.

Bild: Tobias Garcia

So formt das Wissen einen einfachen Holzstab mit Kerben zum «Kerbholz». Damit wurden etwa beim Weinbau die mit Trauben gefüllten Rückentraggebinde gezählt, «aber auch Schulden festgehalten, weshalb das Kerbholz eher negativ belastet ist», weiss Peter Bretscher. Oder da ist der Kummet, an dem ein Dachsfell mit Pfote in abweisender Stellung und ein Stück Hirschhorn angebracht sind. Es sind Glücksbringer oder Symbole des Aberglaubens, wie man will, aus einer Zeit, als es noch keine Versicherungen gab.

Hirschhorn und Dachsfell sollen das Böse fernhalten.

Hirschhorn und Dachsfell sollen das Böse fernhalten.

Bild:Tobias Garcia

«W0 die Welt ein bisschen anders ist»

Gabriele Keck war schon oft hier. Dennoch ist sie jedes Mal von Gefühlen der Faszination und des Glücks erfüllt, wenn sie am Rheinufer bei Diessenhofen das Gelände der ehemaligen Klosteranlage St. Katharinental betritt. «Es ist ein Ort, wo die Welt ein bisschen anders ist», sagt die Direktorin des Historischen Museums Thurgau bei einem Medienanlass. «Die Dominikanerinnen haben diesen Ort im 13. Jahrhundert mit Bedacht ausgewählt.» Vom kontemplativen Leben der Gründerinnen und ihren Nachfolgerinnen sind nicht nur imposante Gemäuer erhalten, sondern auch die vermeintlichen Gegensätze von Ruhe und pulsierendem Leben, von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die ehemalige Klosteranlage beherbergt heute eine Klinik für ambulante und stationäre Rehabilitation, ein Café am Rheinufer, ein museales Schaudepot mit umfassender volkskundlicher Sammlung und eine Barockkirche mit Museum. (has)
www.historisches-museum.tg.ch
www.denkmalpflege.ch

Das war einst eine moderne Küche.

Das war einst eine moderne Küche.

Bild: Tobias Garcia

Recycling anno dazumal: Als noch nichts weggeworfen wurde

Diese hölzerne Nähmaschine konstruierte ein Mann für seine Frau.

Diese hölzerne Nähmaschine konstruierte ein Mann für seine Frau.

Bild: Tobias Garcia

Das erste Obergeschoss ist ganz der Frauenarbeit gewidmet. Hier können nicht nur zwei Küchen aus den Jahren um 1850 und 1920 verglichen werden, man blickt auch in eine Welt vor dem Wegwerfzeitalter: An einer Wäschespinne von 1910 hängt geflickte Wäsche, bei der selbst die Flicken mehrmals geflickt wurden. Auf einem Arbeitstisch steht eine Nähmaschine aus Holz, die ein Mann aus Geldmangel für seine Frau selbst konstruiert hat. Oder da ist die praktische Bettflasche mit Vertiefung zum Schoppenwärmen.

Blick auf die Ehemaligen Klosteranlage: Der Eingang zur Barockkirche.

Blick auf die Ehemaligen Klosteranlage: Der Eingang zur Barockkirche.

Bild: Tobias Garcia

Barockkirche: Ein Hort grosser Kunstschätze und vieler kleiner Geheimnisse

Betty Sonnberger vom Amt für Denkmalpflege.

Betty Sonnberger vom Amt für Denkmalpflege.

Bild: Tobias Garcia

Betty Sonnberger steht auf einer Sandsteinplatte in der Barockkirche St.Katharinental: «Dieser Punkt, auf dem ich stehe, gilt als Kraftort», sagt die Expertin für kirchliche Kunstgegenstände des Thurgauer Amtes für Denkmalpflege. Viele Menschen suchten und suchen diesen Ort deshalb gerne auf. Die ehemalige Klosterkirche birgt aber noch eine Reihe weiterer kleiner Geheimnisse. Und vor allem grossartige Kunstschätze.

Der schwarzen Madonna werden Heilkräfte nachgesagt.

Der schwarzen Madonna werden Heilkräfte nachgesagt.

Bild: Tobias Garcia

Das Sakralgebäude selber gilt als herausragende Schöpfung des süddeutschen Barock, erbaut 1732 bis 1734 von Johann Michael Beer. Es beherbergt eine bedeutende Orgel aus der Erbauungszeit, die nur über das ehemalige Kloster erreichbar ist und von Nonnen gespielt wurde. «Es ist eine Orgel mit kurzer Oktav, was den barocken Klang ausmacht», sagt Betty Sonnberger. Da die tiefen Töne wegen der damals teuren, grossen Pfeifen fehlen, lasse sich beispielsweise der Hochzeitsmarsch auf dieser Orgel nicht spielen.

Die Sujets der Wand- und Deckenmalereien wurden nach den Wünschen der Priorin realisiert.

Die Sujets der Wand- und Deckenmalereien wurden nach den Wünschen der Priorin realisiert.

Bild: Tobias Garcia

Die Kirche hält noch viele weitere Besonderheiten bereit. Allen voran ein 1312 im Konvent selbst angefertigtes Graduale, dessen Original heute im Nationalmuseum in Zürich ist. Noch hier zu sehen sind Kunstwerke von Meister Heinrich aus Konstanz und Kostbarkeiten wie die schwarze Madonna und die «spektakulärsten Intarsien im Thurgau» an der Kapelltür.

Seit Vandalen irreparable Schäden an Kunstgegenständen verursacht haben, kann die Barockkirche nur noch im Rahmen einer Führung näher besichtigt werden. Auch an den mystischen Kraftort im Chorraum gelangt man nur noch an einer Führung.

Blick in Richtung Chorraum und Hochaltar.

Blick in Richtung Chorraum und Hochaltar.

Bild: Tobias Garcia