«Das heutige Risiko von Wolfsangriffen in Europa scheint sehr niedrig»: Fünf Fragen, fünf Antworten zum Ostschweizer Wolf

Über 500 Schafe sind 2018 in der Schweiz Wölfen zum Opfer gefallen. Eine hohe Zahl - doch sie sinkt, wenn man sie ins Verhältnis zu anderen Todesursachen setzt.

David Grob
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Der Wolf am Wochenende in Zuckenriet.

Der Wolf am Wochenende in Zuckenriet.

PD

Neun Schafe hat der Ostschweizer Wolf bereits gerissen. Ist der Wolf der grösste Feind von Nutztieren?

513 Schafe sind 2018 gemäss der Fachstelle Kora Wölfen zum Opfer gefallen. 284 waren es im Vorjahr. Hohe Zahlen – die sich auf den zweiten Blick aber relativieren. Zwischen 4000 und 6000 Alpschafe sterben etwa während der Sömmerung auf einer Alp, wie eine gemeinsame Studie verschiedener Naturverbände 2011 herausfand. Über die Hälfte der Todesursachen entfallen auf alpine Gefahren: Steinschläge, Abstürze, Blitzschläge. Knapp 20 Prozent sind auf Krankheiten zurückzuführen – also rund 800 Tiere, mehr als doppelt so viele wie die 281 Schafe, die 2011 von Wölfen gerissen wurden.

Gibt es auch andere Wildtiere, die Schafe angreifen?

Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau.

Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau.

Reto Martin

Die meisten Angriffe würden wohl durch Hunde erfolgen, vermutet Roman Kistler, Amtsleiter der Jagd- und Fischereiverwaltung Thurgau. 30 bis 50 Rehe werden pro Jahr von Hunden gerissen. «Ich kann mir gut vorstellen, dass sie auch mit einer gewissen Regelmässigkeit in Schafgehege eindringen.» Kistler nennt zwei weitere Feinde: Füchse und Raben. Beide greifen bisweilen Lämmer an. Wie oft dies vorkommt, bleib bislang im Dunkeln. «Es ist oft unklar, ob Füchse oder Raben die Tiere tatsächlich töten oder nur ihre Kadaver fressen.» Bei den Raben gebe es aber Hinweise darauf, dass sie gezielt sterbende Jungtiere angreifen, die von den Mutterschafen bereits aufgegeben worden seien, sagt Kistler.

Der Wolf dringt in Ställe ein. Ist dieses Verhalten normal?

Über diese Frage scheiden sich die Geister. Nein, meint das St. Galler Amt für Natur, Jagd und Fischerei. Ja, das Thurgauer Pendant. Jain, die Gruppe Wolf Schweiz (GWS), die sich nach eigenen Angaben für ein Zusammenleben zwischen Grossraubtieren und Menschen einsetzen. Das Verhalten des Wolfes, regelmässig Schafe in Ställen zu reissen, sei untypisch, heisst es auf der Website der GWS. «Die meisten Wölfe sind scheuer.»

Besteht die Möglichkeit, dass der Wolf auch Menschen angreift?

Nein, meinen die verschiedenen Wolfsexperten. «Bislang ist das Tier immer geflohen, wenn es Menschen begegnet ist», sagt auch Roman Kistler. «Eine Gefahr für Menschen geht von dem Tier nicht aus», schreibt auch die GWS. Und eine Studie des Norwegischen Instituts für Naturforschung (Nina), in der historische Angriffe von Wölfen auf Menschen untersucht worden sind, kam 2001 zum Schluss:

«Das heutige Risiko von Wolfsangriffen in Europa scheint sehr niedrig.»

Acht Personen in Europa und Russland seien zwischen 1950 und 2000 Wölfen zum Opfer gefallen. «In den extrem seltenen Fällen, in denen Wölfe Menschen töteten, lag den meisten Fällen die Tollwut zugrunde», heisst es in der Studie weiter.

Erhalten betroffene Bauern eine Entschädigung?

Ja. Pro gerissenes Schaf bezahlen Bund und Kanton einen Beitrag zwischen 200 und 1000 Franken. Wie hoch dieser ausfällt, wird anhand einer Tabelle des Schafzüchterverbandes eingeschätzt – je nach Wert des Tieres. «Ein Mutterschaf wäre beispielsweise teurer als ein Lamm», sagt Kistler. Derzeit zahlen die Behörden auch, wenn ein Schafzüchter seine Tiere nur ungenügend, sprich ohne Elektrozaun, schützt. Dies würde erst dann geändert, wenn man von einer längerfristigen Präsenz des Wolfes in der Region ausgeht. Diese ist nach vier Monaten erreicht. Der Kanton St. Gallen gilt bereits als Wolfsgebiet. Der Thurgau nicht.

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