«Das Geschäftsmodell der Medien ist kaputt»

Zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und öffentlicher Wahrnehmung verlaufen tiefe Gräben. Das Thema Polarisierung prägte das Wirtschaftsforum Bodensee.

Thomas Güntert
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Wolfgang Gaissmaier, Professor für Sozialpsychologie und Entscheidungsforschung an der Universität Konstanz.(Bilder: Thomas Güntert)

Wolfgang Gaissmaier, Professor für Sozialpsychologie und Entscheidungsforschung an der Universität Konstanz.(Bilder: Thomas Güntert)

Im Sekundentakt gibt es im Netz digitale Informationen, die Gesellschaft wird mit Nichtigkeiten und Werbung überflutet. Während Printmedien zunehmend ums Überleben kämpfen, wird es für den Konsumenten immer schwieriger, Neuigkeiten von Unwichtigem zu unterscheiden. Wolfgang Gaissmaier, Professor für Sozialpsychologie und Entscheidungsforschung an der Universität Konstanz, stellte am Donnerstagabend am Bodensee-Wirtschaftsforum an der Kantonsschule Kreuzlingen verschiedene Theorien im Umgang mit Polarisierung vor.

Und er ging auf den Verlust des medialen Verantwortungsbewusstseins ein. Dabei bemerkte der Meinungsforscher, dass sogar der amerikanische Präsident die Medien mit dem Begriff «Fake-News» diskreditiert und selber zweifelhafte Nachrichten mit hoher Kadenz verbreitet. Gaissmaier betonte, dass gute gesellschaftliche Entscheidungen auf wissenschaftlich gesicherten Fakten beruhen.

Zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Überzeugungen der Öffentlichkeit gebe es aber grosse Gräben. Wissenschaftliche Fakten würden oft durch politische Einstellung und persönliche Erfahrungen beeinflusst, wodurch sie anfällig für illusionäre Zusammenhänge würden. Gefühlte Wahrheiten und Fehlwahrnehmungen führen in den sozialen Netzen zu falschen Polarisierungen.

Werbung wandert zu ­amerikanischen Giganten ab

«Wie gut oder schlecht geht es den Medien – fragen Sie mal Heinz Christian Strache», sagte Stefan Schmid, Chefredaktor beim «St. Galler Tagblatt». Er zollte dem «Spiegel» und der «Süddeutschen Zeitung» für die Aufdeckung des österreichischen Politskandals grossartige Arbeit. Ob es legitim war, die Aufnahme zu publizieren, sei eine andere Diskussion. Schmid betonte:

«Der Quellenschutz ist in der Schweiz garantiert.»
Stefan Schmid, Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts», spricht über den Zustand der Printmedien.

Stefan Schmid, Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts», spricht über den Zustand der Printmedien.

Und er fügte hinzu, dass ein Verfahren gegen vier Journalisten eingestellt wurde, als das «St. Galler Tagblatt» den HSG-Spesenskandal aufdeckte. «Die Medien haben aber ein ökonomisches Problem, das Geschäftsmodell ist kaputt», bemerkte der Chefredakteur. Die Werbung zieht zunehmend ins Internet ab. Die Werbeeinnahmen der Schweizer Medien halbierte sich in den letzten zehn Jahren, das «St. Galler Tagblatt» hatte 2018 allein einen Rückgang von 12 Prozent. Immer weniger Leute lesen die Zeitung und eine Studie habe ergeben, dass über ein Drittel der unter 35- jährigen sich überhaupt nicht für News interessiert.

«Zudem hat sich in der Bevölkerung eine Gratiskultur ausgebreitet», sagte Schmid. Um weiterhin qualitativ hochwertigen Journalismus anbieten zu können, haben sich im letzten Jahr das «St. Galler Tagblatt», die «Aargauer Zeitung» und die «Luzerner Zeitung» dem Medienunternehmen CH Media angeschlossen. «Für Aufregungs- und 20-Minuten-Journalismus zahlt niemand mehr», bemerkte Schmid.

Die überregionale Berichterstattung wurde zusammengelegt und es werden Einsparungen gemacht. Der Stellenabbau wurde bereits eingeleitet, dafür will man künftig mehr in den digitalen Bereich investieren. «Wenn wir nicht nur soziale Medien haben wollen, die Filterblasen bedienen und Behördenpropaganda machen wollen, dann braucht es die nötigen Ressourcen», sagte Schmid, der sich auch eine unabhängige Form von staatlicher Medienfinanzierung vorstellen kann.

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