«Das 5380 Jahre alte Pfahlbaudorf in Arbon auszugraben war faszinierend» – das sagt der «Thurgauer Indiana Jones» über seinen Beruf als Archäologe

Archäologe Urs Leuzinger begibt sich regelmässig auf die Spuren der Vergangenheit – auch in den Ferien beschäftigt sie ihn.

Interview: Florian Beer
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Urs Leuzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Amtes für Archäologie des Kantons Thurgau in Frauenfeld. Bild: Reto Martin

Urs Leuzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Amtes für Archäologie des Kantons Thurgau in Frauenfeld. Bild: Reto Martin

Was hat Sie in letzter Zeit beschäftigt?

Vor kurzem habe ich eine kleine Reise nach Österreich unternommen, bei der ich unter anderem am Attersee in Oberösterreich einen Vortrag mit dem Titel «es stinkt!» über die Entwicklung des WCs von der Steinzeit bis heute gehalten habe.

Warum arbeiten Sie im Thurgau?

Der Thurgau ist wie ein Sandkasten für Archäologen.

Hier befinden sich die vielseitigsten Fundstellen aus vielen verschieden Epochen, wie zum Beispiel die Pfahlbauten oder Ruinen aus der Zeit der Römer oder aus dem Mittelalter.

Durch den feuchten Boden kam es oft zum Luftsauerstoffabschluss und dadurch blieben Hölzer und sonstige organische Funde sehr gut erhalten. Zudem gibt es im Thurgau politisch sehr kurze Wege, gute allgemeine Rahmenbedingungen und es ist ganz einfach ein wunderschöner Kanton.

Haben Sie einen Lieblingsort im Thurgau?

Im Thurgau ist es doch eigentlich überall schön. (lacht) Aber wenn ich mich für einen Ort entscheiden müsste, dann wäre es ein Plätzchen unter den Birken, gerade neben der Fundstelle des Pfahlbaus im Breitenloo bei Pfyn.

Was ist für Sie das Tollste, das Sie bis jetzt entdeckt haben?

Wir haben in der Zeit zwischen 1993 und 1995 das 5380 Jahre alte Pfahlbaudorf in Arbon ausgegraben. Das war wirklich faszinierend.

Was ist Ihre schönste Kindheitserinnerung?

Mein Vater war Hobby-Archäologe und an den Wochenenden haben wir uns dann in der Region rund um Basel immer auf die Suche nach neuen Funden gemacht. Gemeinsam sind wir über die Felder und Äcker gezogen. Dieses Detektivspiel aus Suchen und Finden fand ich als Kind sehr faszinierend. Das Suchen war immer total aufregend, aber wenn man dann etwas gefunden hat – das gab einem den wirklichen Kick.

War Ihnen damals schon klar, dass Sie später hauptberuflich Archäologe werden möchten?

Ja, eigentlich war das schon immer klar. Es gibt schon Fotos von mir als ich zwei Jahre alt war, auf denen ich neben meinem Papi stehe und wir beide stolz unsere Funde in die Kamera halten.

Es gibt für mich wirklich nichts Schöneres als Archäologie: Ich liebe, wie abwechslungsreich und interdisziplinär mein Beruf ist.

Nachdem man etwas gefunden hat, beginnt ja eigentlich erst der richtige Prozess, und man ist wieder wie ein Detektiv auf den Spuren der Vergangenheit. Dabei versucht man, einzelne Teile zu einem Grossen und Ganzen zusammenzuführen.

In welchem Job wären Sie eine Fehlbesetzung?

Als Mathematiklehrer. (lacht) Ich war schon in meiner Schulzeit eine absolute Pfeife in Mathe. Dafür habe ich Geschichte, Sport und Zeichnen umso mehr geliebt.

Was haben Sie als Kind am liebsten gegessen?

Die Mutter meines Jugendfreundes stammte aus Österreich. Sie hat den besten Kaiserschmarren gemacht. Das ist bis heute mein Lieblingsessen. Gerade kürzlich, als ich in Österreich war, habe ich dieses Gericht wieder gegessen, und es gibt wirklich nichts Schmackhafteres für mich.

Von wem hatten Sie als Teenie ein Poster über dem Bett hängen?

Von der Opernsängerin Eva Lind. Sie ist eine begnadete Sopranistin und debütierte zu dieser Zeit an der Oper in Basel. Ich bin ein richtiger Opern-Fan.

Mit wem würden Sie gerne einmal eine Flasche Wein trinken?

Mit Roger Federer. Das wäre bestimmt ein sehr interessantes und unterhaltsames Gespräch. Als Basler könnten wir uns wunderbar über die Stadt und den FC Basel unterhalten.

Wohin führte Sie Ihre weiteste Reise?

Dieses Jahr im April durfte ich nach La Réunion reisen. Das ist eine Insel, die auf der Höhe von Madagaskar liegt und zu Frankreich gehört. Zusammen mit einem guten Freund, der Professor für Botanik an der Universität in Innsbruck ist, habe ich mich auf die Spuren der Vanille begeben. Auf dieser Insel gibt es nämlich keine Archäologie und so haben wir uns mit der Botanik auseinandergesetzt und natürlich unsere Ferien genossen.

Haben Sie ein heimliches Hobby?

Nun, ein heimliches Hobby kann ich es nicht nennen und doch mache ich es zum Leidwesen meiner Familie regelmässig. Ich plündere sehr gerne unsere Schoggi-Reserven. Am Liebsten nasche ich die Nuss-Schoggi von Cailler mit den ganzen Haselnüssen.

Was ist sonst noch immer in Ihrem Kühlschrank zu finden?

Ein richtig stinkiger Käse. Er muss wirklich so richtig herzhaft sein. Je stinkiger und rässer, desto besser.

Wenn Sie etwas erfinden könnten, was wäre es?

Eine sich selber ein- und ausräumende Geschirrspülmaschine. Ich habe früher sehr häufig gekocht, aber das Abwaschen danach habe ich nie gemocht. Heute liebe ich es, im Sommer Lammrücken über der Holzkohle zu grillieren. Den Grill putze ich dann viel lieber als das Geschirr. (lacht)

Haben sie eine Morgenroutine?

Eine Multivitamin-Brausetablette, einen Kaffee und dazu einen Schoggi-Quark von der Migros. So starte ich in jeden Tag. Im Zug lese ich dann immer mein Horoskop. Heute ist mein Horoskop eigentlich ziemlich übel, aber bis jetzt habe ich einen super Tag. Ich hoffe, das bleibt so.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn das Wochenende vor der Tür steht?

Dass das Wochenende nur aus zwei Tagen besteht und ich mich am Montag wieder der Archäologie widmen darf. (lacht)

Was möchten Sie unter allen Umständen in diesem Leben noch machen?

Ich muss sagen, ich bin wunschlos glücklich. Wahrscheinlich wäre es ja nicht schlecht, ein Ziel zu haben, oder? Ich nehme eigentlich jeden Tag so, wie er ist und freue mich, wenn meine Familie und ich gesund alt werden. Obwohl: Die Flasche Wein mit dem Federer würde ich auch gerne trinken. Wer weiss, vielleicht liest er ja diesen Artikel und klingelt morgen an meiner Tür.

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Silvan Meile