Dämonenaustreibung in Wagenhausen: Urteil ist jetzt rechtskräftig

Das Bezirksgericht hatte den heute 52-jährigen Vater im März 2018 zu neun Jahren Haft verurteilt. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung gingen in Berufung. In zweiter Instanz hat das Obergericht Thurgau die Strafe auf zwölf Jahre erhöht.

Philipp Richter, Schwäbische Zeitung
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Klaus S. wurde vom Obergericht des Kantons Thurgau in Frauenfeld zu zwölf Jahren haft verurteilt. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Klaus S. wurde vom Obergericht des Kantons Thurgau in Frauenfeld zu zwölf Jahren haft verurteilt. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Der Fall hat ganz Oberschwaben und die Schweiz bewegt. Eine junge Frau aus Wilhelmsdorf wird in Wagenhausen im Kanton Thurgau zu Tode getrampelt, weil ihr Vater glaubte, sie wäre von Dämonen besessen gewesen. Im März 2018 ist der heute 52-jährige Klaus S., der aus Leutkirch im Allgäu stammt, vom Bezirksgericht Frauenfeld zu neun Jahren Haft verurteilt worden. Doch sowohl die Staatsanwaltschaft Kreuzlingen als auch die Verteidigung gingen in Berufung vor das Obergericht Thurgau. In der zweiten Instanz setzte sich letztlich die Staatsanwaltschaft in weiten Teilen durch: Jetzt muss der Mann für zwölf Jahre hinter Gitter.

Der Täter zieht nicht weiter

Auf Nachfrage teilt Daniel Christen, der Verteidiger von Klaus S., mit, dass das Urteil mittlerweile rechtskräftig ist. Klaus S. hätte auch die Möglichkeit gehabt, die Sache vor das Bundesgericht weiterzuziehen. Dies hatte er zunächst offengelassen. Jetzt ist aber klar, dass er wegen sogenannter eventualvorsätzlicher Tötung seiner Tochter sowie Schändung in einem Gefängnis in der Schweiz seine Strafe verbüssen muss.

Laut dem Strafgesetzbuch liegt dann ein Eventualvorsatz vor, wenn ein Täter bei seinem Handeln den Tod als möglich erachtet und ihn billigend in Kauf nimmt, aber den Tod nicht zum Ziel hat (Vorsatz).

Klaus S. stand dem Okkultismus nahe

Erst zwei Jahre vor ihrem Tod hatte die kleinwüchsige und lernschwache Vanessa W. ihren Vater kennengelernt. Doch Ende 2015 ist die Situation eskaliert. In Wilhelmsdorf hatte es schon Streit zwischen Vater und Tochter gegeben. Am 2. Januar, nachdem beide zusammen bei einem Freund in der Schweiz Silvester gefeiert haben, eskalierte die Situation und der Vater konnte seine Tochter überreden, eine Dämonenaustreibung an ihr zu vollziehen. Klaus S., der in der Mittelalterszene unterwegs war und dem Okkultismus nahestand, beschrieb es als eine Massage mit den Füßen. In einem Video, das beim Bezirksgericht Frauenfeld 2018 gezeigt wurde, ist deutlich geworden, dass er auf dem schmächtigen Körper der Frau herumtrampelte. Laut Obduktionsbericht starb Vanessa W. an den schweren inneren Verletzungen, die sie von der «Misshandlung», wie es ein Richter ausdrückte, erlitten hatte. Einen Notruf hatte Klaus S. nicht abgesetzt, auch wenn ihm das sein zu der Zeit abwesender Freund per Facebook-Chat geraten hatte.

Da die Tat in der Schweiz geschah, übernahmen schnell die Schweizer Behörden, nachdem anfangs auch die Staatsanwaltschaft Ravensburg eingebunden war. Am 9. März 2018 fand die erste Verhandlung vor dem Bezirksgericht Frauenfeld statt. Die Berufung wurde vor dem Obergericht Thurgau in Frauenfeld am 13. März dieses Jahres verhandelt. In zweiter Instanz forderte die Staatsanwaltschaft 14 Jahre, die Verteidigung drängte auf 4,5 Jahre.

Mit dem nun rechtskräftigen Urteil kann die Sache zu den Akten gelegt werden, doch Betroffenheit und auch Trauer bleiben – nicht zuletzt beim Halbbruder und der Mutter des Opfers.