Covid-19
Der Thurgau führt seine Impfkampagne in einem Festzelt und auf einem Schiff durch

Das Thurgauer Impfzentrum in Frauenfeld kann bald 570 Dosen pro Woche verabreichen. Anmelden kann man sich vorerst nur über den Hausarzt. Ab dem 2. Februar geht ein schwimmendes Impfzentrum in Betrieb – das wohl erste der Schweiz.

Thomas Wunderlin
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Pflegeleiterin Dilara Ugurlu impft Jakob Ott (Jahrgang 1929), einen der ersten Patienten des Impfzentrums Frauenfeld.

Pflegeleiterin Dilara Ugurlu impft Jakob Ott (Jahrgang 1929), einen der ersten Patienten des Impfzentrums Frauenfeld.

Kevin Roth

Die Nachfrage nach einem Impftermin ist gross. Bereits 580 Anmeldungen seien da, sagte Daniel Liedtke, CEO der Hirslanden AG, am Mittwochnachmittag an einem Medientermin im Impfzentrum in Frauenfeld.

Die Hirslanden, die grösste Privatklinikgruppe der Schweiz, betreibt im Auftrag des Kantons das Impfzentrum in Frauenfeld und ab dem 2. Februar auch ein Impfzentrum auf der MS Thurgau. Das Schiff der Schweizerischen Bodensee-Schiffahrtsgesellschaft AG wird zwischen Kreuzlingen, Romanshorn und Arbon pendeln, sagte Gesundheitsdirektor Urs Martin. Später wird eventuell ein drittes Impfzentrum in Weinfelden eingerichtet.

Im Januar nur Angehörige der Risikogruppe 1

Kantonsärztin Agnes Burkhalter betonte, dass man sich vorläufig nur über seinen Arzt anmelden kann, was seit Dienstag möglich ist. Sie bat Impfwillige um Vertrauen und um Geduld: «Sie entlasten die Ärzte und die Hotline.»

Laut Regierungsrat Martin sind «gewaltige Ressourcen» nötig, da es sich um die grösste Impfaktion handelt, die es im Thurgau je gegeben hat:

«Zwischenfälle sind unwahrscheinlich, aber man muss dafür gerüstet sein.»

Der knappe Impfstoff wird laut Kantonsärztin Burkhalter gezielt eingesetzt. Gemäss den Vorgaben des Bundes kommt zuerst die Zielgruppe 1 an die Reihe. Diese besteht aus vier Untergruppen: Über-75-Jährige (1a), Erwachsene mit ausgeprägten chronischen Erkrankungen, Über-65-Jährige (1c) und Erwachsene mit leichter ausgeprägter chronischer Erkrankung (1d). «Leider können nicht alle Impfwilligen schon im Januar geimpft werden, auch nicht alle in der Zielgruppe 1.»

Medienkonferenz im Impfzentrum Frauenfeld: SVP-Regierungsrat Urs Martin.

Medienkonferenz im Impfzentrum Frauenfeld: SVP-Regierungsrat Urs Martin.

Kevin Roth

Er wolle «Höchstqualität», sagte Dietmar Maurer, Projektleiter bei der Hirslanden AG. Wichtig sei es, die Patienten gut aufzuklären, weshalb immer ein Arzt anwesend sei. Das Kernteam, welches das Frauenfelder Impfzelt betreibt, zählt nach seinen Angaben sieben Personen. Dazu kommen weitere Helfer, darunter die Sicherheitsleute.

Der reguläre Betrieb beginnt am Donnerstag. Die Impfwilligen werden auf einer sogenannten Impfspur vom Empfang bis zum Ausgang geleitet. Diese Woche werden sie im 10-Minutentakt durchgeschleust. Nächste Woche wird der Takt auf 5 Minuten verkürzt und eine zweite Spur eröffnet.

Eine Verdoppelung der Kapazität durch zwei weitere Spuren soll erfolgen, wenn genug Impfstoff verfügbar ist. In den Medienunterlagen werden 336 Impfungen pro Tag bei optimaler Auslastung genannt.

Eventuell wird Moderna-Impfstoff über Ärzte und Apotheken verabreicht

In Abklärung ist zurzeit laut Regierungsrat Martin, ob der zweite in der Schweiz zugelassene Impfstoff der Firma Moderna in Arztpraxen und Apotheken verabreicht werden kann. Beim bisher verwendeten Impfstoff von Pfizer-Biontech ist das nicht möglich, da er in der Handhabung anspruchsvoller ist, etwa durch die geforderte Lagertemperatur von 80 Grad minus.

Impfwillige können grundsätzlich den Impfstoff nicht wählen. Sie können es jedoch wahrscheinlich durch die Auswahl des Impfzentrums, da pro Impfzentrum wahrscheinlich nur ein Stoff verwendet wird.

Schon seit dem 5. Januar besuchen mobile Impfeinheiten des Amts für Gesundheit Alters- und Pflegeheime. Sie werden unterstützt von Mitarbeitern der Kantonsverwaltung wie etwa den Museen, deren Betrieb im Lockdown sind.

Zwei bis drei Millionen Franken für die ganze Impfkampagne

Die Kosten der ganzen Impfkampagne werden auf zwei bis drei Millionen Franken geschätzt. Bei der Hirslanden AG, welche die Thurgauer Impfzentren betreibt, handelt es sich um den früheren Arbeitgeber von Regierungsrat Martin. Dieser betonte, er sei bei der Vergabe des Auftrags in Ausstand getreten.

Die Arbeitsgruppe Impfen, welche die Auftragsvergabe vorbereitete, verlangte, dass alle Impfzentren aus einer Hand geführt werden. Deshalb wurden zwei lokale Interessenten abgewiesen. Konkrete Offerten habe es nur zwei gegeben, sagte Martin. Hirslanden hat laut Martin das günstigere Angebot gemacht.

Medienkonferenz im Impfzentrum Frauenfeld mit Dietmar Maurer (Projektleiter Hirslanden AG), Kantonsärztin Agnes Burkhalter, Regierungsrat Urs Martin, Daniel Liedtke (CEO Hirslanden AG) und Marc Kohler (CEO Spital Thurgau AG).

Medienkonferenz im Impfzentrum Frauenfeld mit Dietmar Maurer (Projektleiter Hirslanden AG), Kantonsärztin Agnes Burkhalter, Regierungsrat Urs Martin, Daniel Liedtke (CEO Hirslanden AG) und Marc Kohler (CEO Spital Thurgau AG).

Kevin Roth

Die Bestimmungen der interkantonalen Vereinbarung über das öffentliche Beschaffungswesen mussten nicht beachtet werden, da eine Ausnahmeklausel gilt, wenn es um den Schutz der Gesundheit geht.

Die Kantonsapotheke lagert den Impfstoff

Nicht interessiert war die Spital Thurgau AG, die sich auf die Behandlung von Covid-19-Patienten beschränkt, wie CEO Marc Kohler sagte. Ihr Beitrag an die Impfkampagne besteht darin, dass die Spitalapotheke als Zwischenlager des Impfstoffs dient.

Bei der Vergabe an ein ausserkantonales Unternehmen spielte eine Rolle, dass alle Kantone Impfzentren aufbauen und das Personal knapp wird. «Der Kampf um Ressourcen wird sich akzentuieren», sagte Martin. Als Thurgauer Regierungsrat sei er für den Thurgau verantwortlich. Er sei dankbar, einen starken Partner gefunden zu haben.

Als Testperson im Impfzentrum

Es geht schnell. Schmerz spüre ich keinen. Die Fachfrau, deren Namen ich mir nicht merken konnte, zieht die Spritze nach ein paar Sekunden wieder heraus. Ich bekomme ein Pflästerchen an der Einstichstelle am Oberarm und die erste Dosis ist intus.

Für einmal ist meine Zuckerkrankheit ein Vorteil. Zur Einübung der Abläufe bin ich am Dienstag als erste Person aufgeboten worden, die im Impfzentrum Frauenfeld gestochen wird. Der Impfstoff ist echt, wie mir versichert wird.

Beim Eintritt ins Festzelt werde ich auf einen der mit Covid-Abstand verteilten weissen Plastikstühle gesetzt. Über ein Dutzend Leute stehen herum, alle mit Schutzmasken, diskutieren, gehen herum. Auf einem Fragebogen bestätige ich, dass mich die Seuche bisher nicht erreicht hat und ich nicht grundsätzlich allergisch auf Impfungen reagiere.

Nach der Registration meiner Personalien und Abgabe meiner Krankenkassenkarte erhalte ich einen Laufzettel. Eine Betreuerin bittet mich in einen der zehn Container, die innerhalb des Zelts aufgestellt sind. Eine Gruppe von Fachfrauen beobachtet zu Instruktionszwecken, wie ich mich oben herum ausziehe.

Beim Verlassen des Impfabteils stolpere ich über eine Stufe im Zwischengang. Danach werde ich im hintern Teil des Zelts wieder auf einen weissen Plastikstuhl gesetzt. Meine Betreuerin weist mich an, eine Viertelstunde zu warten für den Fall, dass die Impfung spontane Nebenwirkungen hervorruft, was nicht geschieht.

Mit einer schriftlichen Bestätigung meiner ersten Covid-19-Impfung in der Hand verlasse ich das Festzelt. Fazit: Noch sind die Abläufe nicht ganz eingespielt, doch das wird sich sicher bald geben. (wu)