Coronavirus
«Jetzt ist Frühling»: Thurgauer Kleider- und Bücherläden freuen sich über die ersten Kunden nach dem verordneten Winterschlaf

Nach sechs Wochen Zwangspause sind seit Montag auch die Läden des nicht täglichen Bedarfs geöffnet. Eine Tour de Thurgau zeigt: Den Lockdown haben die Geschäftsfrauen kreativ genutzt; überrannt werden sie noch nicht.

Sebastian Keller
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Karin Pitta vom Herrenmodegeschäft Numero 1 in der Altstadt Frauenfeld.

Karin Pitta vom Herrenmodegeschäft Numero 1 in der Altstadt Frauenfeld.

Bilder: Andrea Stalder

Weil es Montag ist, sind aber viele Fachgeschäfte im Thurgau noch geschlossen. So auch das Männermodegeschäft Numero 1 von Karin Pitta in der Frauenfelder Altstadt. Die Inhaberin hat an diesem Morgen dennoch alle Hände voll zu tun. Ein Velo steht mitten auf der Verkaufsfläche. «Das kommt noch ins Schaufenster», erklärt Pitta. Letzte Vorbereitungen für die Wiedereröffnung am Dienstag.

«Jetzt ist es Frühling!», sagt die Geschäftsfrau und meint damit nicht nur den strahlenden Tag, sondern auch einen Neustart nach dem Lockdown, ebenso die anbrechende Modesaison. Das Leben, das zurückkehrt. Die Inhaberin verströmt Energie, man meint, sie greifen zu können.

Mitten im Winter versetzte der Bundesrat die Modebranche in den Winterschlaf. Nun erwacht sie zusammen mit der Frühlingsmode wieder zum Leben. Auf einen eigentlichen Ausverkauf der Wintermode verzichtet Pitta. Sie vermutet eine grosse Lust der Kunden, sich neu einzukleiden. «Sie haben mir geschrieben, dass sie sich freuen.» Der Kundenkontakt, den habe sie vermisst.

Wenn man schon mal da ist: Was ist in diesem Frühling en vogue? «Weg vom klassischen Anzug», sagt Karin Pitta und wischt ihn symbolisch mit der Hand von der Verkaufstheke. Das Schlagwort: Smart-Casual. Auf die fragenden Augen des Journalisten erklärt die Fachfrau für Männermode: «Chic, aber doch bequem.» Ein Blazer dürfe auch mit einem T-Shirt statt mit einem Hemd kombiniert werden. «Das hat mit Corona zu tun, aber nicht nur.» Die einst steifen Kleiderregeln der Geschäftswelt bekamen schon vor der Pandemie Löcher. Das ist ganz nach Karin Pittas Geschmack.

«Jetzt braucht es vielleicht mehr denn je Farbe im Alltag.»

Im Lockdown ein «Coronababy »geboren

In der Altstadt Frauenfelds ist es noch ruhig an diesem Morgen. Auch wenn die Sonne erste Schaufenster wie Scheinwerfer beleuchtet. Von Schlangen, wie sie sich am Montag vor Ikea-Filialen andernorts bildeten: keine Spur.

Dieses Geschäft öffnet am Dienstag.

Dieses Geschäft öffnet am Dienstag.

In der Frauenfelder Vorstadt beschränkt sich die Geschäftigkeit auf den Strassenverkehr. Im Laden Must Have brennt Licht. Drinnen hängen Blusen und Mäntel an Kleiderbügeln, Schuhe stehen in den Regalen, fröhliche Popmusik dringt aus dem Lautsprecher. Inhaberin Helena Vontobel verkauft neue Ware und solche aus zweiter Hand. Sie sitzt mit einer Kundin am Verkaufstresen. Beide mit Masken. «Die Kundin ist da wegen meiner neuen Geschäftsidee», sagt Vontobel.

Der Lockdown sei «nicht lustig gewesen», erzählt sie. Doch sie habe die Zeit genutzt. Aufgeräumt, aussortiert und vor allem die neue Geschäftsidee geboren. «Coronababy» nennt sie die Idee.

Helena Vontobel in ihrem Laden Must Have in der Frauenfelder Vorstadt.

Helena Vontobel in ihrem Laden Must Have in der Frauenfelder Vorstadt.

Die Inhaberin führt den Besuch in einen Raum im hinteren Teil des Ladens, der früher als Küche diente. Dieser Raum ist das Herzstück der Geschäftsidee. In der Mitte stehen zwei Regale mit je einer Kleiderstange, weitere Regale bieten die ehemaligen Küchenschränke. Diese vermietet Helena Vontobl an ihre Kunden: Shop-in-Shop nennt sich dieses Konzept. Wenn jemand beispielsweise Seife herstellt, schönen Schmuck oder Handyhüllen, könne diese Person in einem Regal die Produkte feilbieten. Eine Art Laden en miniature. Helene Vontobel verkauft den Artikel und leitet den gesamten Verkaufsbetrag an den Mieter weiter. «Die Mindestmietdauer für ein Regal beträgt eine Woche.»

Ob sie überrannt wird, weiss die Geschäftsfrau nicht: «Kommen die Leute trotzdem, auch wenn die Restaurants noch geschlossen sind?»

Ortswechsel. In Bischofszell sind die Rosenstöcke eingepackt. Auch die Läden in den Gassen der Rosenstadt sind an diesem Montagmorgen noch nicht aus dem Winterschlaf erwacht. Sie öffnen am Nachmittag – oder am Dienstag.

Ein Grüezi in der Grenzstadt

Auf dem Boulevard in Kreuzlingen, der Einkaufsstrasse der Grenzstadt, strecken Leute die Nase an die Sonne. Sie essen Kebab und Sandwiches. Viele Fachgeschäfte öffnen erst am Nachmittag. So auch die Bodan AG, die am Boulevard eine Papeterie und Buchhandlung betreibt. Um 13.29 Uhr geht die Schiebetür auf. «Grüezi», sagt eine Mitarbeiterin und verschiebt einen Ständer mit Postkarten.

Sara Baumgartner in der Papeterie und Buchhandlung Bodan in Kreuzlingen.

Sara Baumgartner in der Papeterie und Buchhandlung Bodan in Kreuzlingen.

Im ersten Stock steht Sara Baumgartner hinter der Kasse. «Wir sind froh, dass wir den Laden wieder öffnen durften», sagt die Stellvertreterin des Ladenleiters. Während des Lockdowns habe man zwar auch gewisse Produkte verkauft – Bücher oder Spiele beispielsweise auf Vorbestellung. Papier wiederum – ein Produkt des täglichen Bedarfs – ging auch ohne Vorbestellung über den provisorischen Verkaufsstand im Treppenhaus. Der Lockdown schreibt eigene Regeln.

Die Detailhandelsfachfrau geht für das Foto durch ein Regal mit Stempeln und Stempelkissen, sie stellt sich vor eine Wand mit Papier in jeder Farbe des Regenbogens. «Nun ist es wieder einfacher», sagt sie und lässt erleichtert die Schultern sinken. Die Kunden könnten wieder das ganze Sortiment begutachten, durch den Laden schlendern.

Und die ersten Kunden sind schon da. «Gerne, ja», sagt einer zu einer Mitarbeiterin. Eine andere Kundin klaubt in ihrem Portemonnaie Münzen zusammen. Es klimpert. Wieder.