Coronavirus
Thurgauer Heime und die Bevölkerung drängen auf Impftermine, doch sie brauchen Geduld

Viele Altersheime wissen noch nicht, wann ein Impfteam zu ihnen kommt. Einige sind verzweifelt. Der Umgang mit dem empfindlichen Impfstoff ist kompliziert. Beim Kanton muss man erst Erfahrungen sammeln.

Larissa Flammer
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Die Nachfrage nach einer Corona-Impfung ist gross.

Die Nachfrage nach einer Corona-Impfung ist gross.

Bild: Sandra Ardizzone

«Es geht um Leben und Tod.» Meinrad Senn wählt drastische Worte. Der Leiter des Alterswohnheims Neukirch-Egnach steht unter Druck. Das tun auch die Verantwortlichen beim Kanton, wie Senn anerkennt. Sie müssen die knappen Corona-Impfdosen, die dem Kanton zurzeit zur Verfügung stehen, irgendwie verteilen.

Im Alterswohnheim Neukirch-Egnach ist am 26. Dezember zum ersten Mal eine Covid-19-Infektion nachgewiesen worden. Danach hat sich das Virus rasant ausgebreitet. Am Freitag waren nur noch 9 von 47 Bewohnern negativ getestet, die anderen waren alle infiziert. Vier sind bereits verstorben. «Und es wird möglicherweise weitere geben», sagt Senn.

Zusätzlich mussten 26 Pflegefachpersonen in Isolation, weil auch sie positiv getestet wurden. «Uns fehlen die Leute, ich kann den Betrieb irgendwann fast nicht mehr aufrechterhalten», sagt der Institutionsleiter. Das Amt für Gesundheit hat ihm fünf Mitarbeitende aus dem kantonalen Pool vermittelt. Für diese Unterstützung ist Senn sehr dankbar:

«Jede Hand zählt und ist äusserst willkommen.»

Der Heimleiter wollte deshalb unbedingt die bisher nicht erkrankten Bewohner und Angestellten impfen lassen und meldete seine Institution, wie vom Kanton gefordert, zwischen Weihnachten und Neujahr an. Doch als es Anfang Woche mit den Impfungen losging, hatte er noch keine Rückmeldung erhalten, obwohl einige umliegenden Heime einen Impftermin hatten.

Senn wandte sich an das Amt für Gesundheit und bat dringendst um einen möglichst baldigen Impftermin. Zuerst wurde ihm einer für gestern Freitag in Aussicht gestellt, dann wieder abgesagt und erst nach «harten Gesprächen» konnten sich gestern nun zumindest die neun Bewohner impfen lassen. Wann die 35 impfwilligen Mitarbeitenden im Alterswohnheim geimpft werden, steht noch in den Sternen. Senn sagt: «Der Kanton hat versprochen, die Institutionen bis am 15. Januar schriftlich zu informieren.»

Maximal 140 Dosen pro Tag

«Für uns Heimleiter ist unklar, wie die Institutionen priorisiert werden», sagt Senn. Er höre von Heimen, die einen Corona-Ausbruch bereits hinter sich hätten und die nun mitsamt Personal durchgeimpft würden. Das Amt für Gesundheit habe ihm gesagt, es sei nicht sinnvoll, in einem stark betroffenen Heim zu impfen, in solchen Fällen warte man die Quarantänezeit ab. «Unverständlich», sagt Senn dazu. Die noch negativ getesteten Bewohner in einem Heim, in dem Covid-19 grassiere, seien hochgradig gefährdet. Die müsse man doch möglichst schnell mit einer Impfung schützen.

Karin Frischknecht.

Karin Frischknecht.

Bild: Andrea Stalder

Diese und auch nächste Woche noch ist erst ein Impfteam im Thurgau unterwegs, sagt Karin Frischknecht, Leiterin des Amts für Gesundheit auf Anfrage. Dies aus zwei Gründen: Erstens ist erst wenig Impfstoff verfügbar – der Kanton Thurgau hat bis jetzt rund 5000 Impfdosen erhalten – zweitens will man erst Erfahrungen sammeln. Ein zweites Team ist jedoch bereits rekrutiert und wird dann in die optimierten Abläufe einsteigen, sagt Frischknecht.

Die Amtschefin erklärt, dass der Impfstoff vor Ort verdünnt und auf die Spritzen aufgezogen werden muss. Deshalb gehe bei jedem Ortswechsel – und sei es nur zum Heim im Nachbardorf – viel Zeit verloren, weil man sich erst wieder einrichten müsse. «Aktuell kann das Impfteam am gleichen Ort maximal 140 Dosen pro Tag verabreichen. Ist ein Ortswechsel nötig, sind es höchstens 100 Impfdosen pro Tag», teilt der Fachstab Pandemie mit.

Bisher 470 Impfungen in sechs Heimen

«Fast alle Heime im Thurgau haben sich für einen Impftermin angemeldet», sagt Frischknecht. Das Interesse ist ausgesprochen gross. Die Reihenfolge, die nun festgelegt wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Die Tageskapazitäten werden optimal ausgenutzt, damit nicht zu viel Zeit mit Ortswechseln verloren geht. Auch der Anteil impfwilliger Bewohner spielt eine Rolle, wobei nur Personen geimpft werden, die nicht in Quarantäne oder Isolation sind. Schliesslich nimmt der Kanton auch das Eingangsdatum der Anmeldung zur Hilfe.

«Ziel ist es, möglichst schnell möglichst viele Risikopersonen zu impfen», fasst Frischknecht zusammen. Bis und mit Freitag hat die mobile Impfequipe etwa 470 Impfungen in sechs Heimen vorgenommen.

Start Impfzentrum

Zum Start der Impfkampagne für die Bevölkerung gibt es auf Anfrage beim Kanton keine News. Die IT-Lösung des Bundes, mit der man sich für einen Impftermin anmelden kann, lässt noch auf sich warten, sagt Thomas Walliser Keel vom Informationsdienst. Beim Kanton plant man, am Dienstag im Impfzentrum einen ersten Testlauf zu machen und für Mittwoch die ersten Termine anbieten zu können.