Coronavirus
«Grauenhaft», «Wilder Osten», «Ich hoffe, der Herr bezahlt nun im Thurgau Steuern»: Reaktionen zur Impfung des Milliardärs im Kanton

Die heimliche Impfung des südafrikanischen Milliardärs Johann Rupert im Thurgau wird in den sozialen Medien eifrig kommentiert. Eine Welle des Spottes ergiesst sich über den Kanton.

Sebastian Keller
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Spielt gerne Golf: Johann Rupert.

Spielt gerne Golf: Johann Rupert.

Bild: Jan Kruger/Getty

«Houston, we have a systemic problem»: So beendet jemand einen Tweet über die Impfung des Milliardärs Johann Rupert im Thurgau. Die Anlehnung an den Apollo-13-Funkspruch ist nur eine Variante, wie die Menschen in den sozialen Medien über die Vorzugsbehandlung des 70-jährigen Südafrikaners höhnen. Die zahlreichen Kommentare schwanken zwischen Sarkasmus und Empörung, nachdem der «Tages-Anzeiger» die Geschichte am Donnerstagnachmittag publik gemacht hatte und sie auch viele weitere Blätter und Portale aufgegriffen haben.

Eine Umfrage von Tagblatt Online, an der sich über 2700 User beteiligt haben, zeigt ein klares Bild: 69 Prozent finden es «eine Frechheit», egal ist es 23 Prozent und eine kleine Minderheit von 8 Prozent pendelt sich mit ihrer Meinung dazwischen ein.

Viele hämische Kommentare

Auf Twitter spottet einer: «Ich möchte auch an einer ‹Testimpfung› teilnehmen. Ich habe allerdings Wohnsitz im Thurgau und bin kein Milliardär, ein Nachteil?» Eine andere meint: «Ich hoffe, der Herr bezahlt nun im Thurgau Steuern!»

Eher in der Kategorie Empörung einzuteilen ist dieser Beitrag: «Es gibt wirklich nix, was nicht käuflich wär.» Kurz fällt ein Post auf Facebook aus: «Grauenhaft», schreibt jemand und drückt seine Gemütslage mit einem vor Wut kochenden Smiley aus. Ein weiterer User schreibt: «Der Thurgau heisst offenbar nicht zu Unrecht ‹der Wilde Osten›.»

Doch nicht alle orten in der Impfung Ruperts einen Skandal. Auf Facebook schreibt jemand: «Die Bundesräte liessen sich auch schon impfen und da gehört doch auch noch keiner zu Ü70 oder den Risikopatienten.»

Auf Twitter witzelt einer am Freitagmorgen, wieso der Thurgau bei den Impfungen aktuell den letzten Platz belegt:

«Ich vermute, dass ihre derzeit priorisierte Gruppe von internationalen Milliardären ziemlich klein ist.»

Das Bundesamt veröffentlichte am Freitagmorgen einen ersten Statusbericht zum Impfen. Und in der Tat: Der Thurgau hält derzeit die rote Laterne, hat bis jetzt relativ die wenigsten Menschen geimpft (1,07 pro 100 Einwohner).

Vor dem offiziellen Impfstart

Die Hirslanden-Gruppe, die im Thurgau im Auftrag des Kantons für die Impfzentren zuständig ist, verabreichte wohl um den 11. Januar dem Südafrikaner in Münsterlingen das Vakzin. Dies geschah vor dem offiziellen Start des Impfzentrums, als es darum ging, den Umgang mit dem heiklen Serum zu üben. Der offizielle Impfstart erfolgte wenige Tage später. Der 70-Jährige war einer von zwölf Testpersonen. Rupert ist über Firmengeflechte massgeblich an der Privatklinik-Gruppe beteiligt.

Das Gesundheitsunternehmen bestätigte die Impfung. Ein Sprecher betonte jedoch, dass der 70-Jährige wegen seiner diversen chronischen Vorerkrankungen zur Gruppe der Risikopatienten zähle. Schwere Erkrankung der Herzkranzgefässe, Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht. Damit gehört er eigentlich zur Gruppe, die sich im Thurgau zur Impfung anmelden kann:

  • Personen ab 75 Jahren
  • Personen mit chronischen Krankheiten mit höchstem Risiko, unabhängig vom Alter

Doch: Die knappen Impfdosen sind für die Kantonsbevölkerung reserviert. Der Südafrikaner hätte sich – wenn schon – im Kanton Genf impfen lassen müssen. In Satigny nahe Genf wohnt er seit 2018 gemäss Handelsregister. Diesen Ball nimmt auch eine Twitteruserin auf: «Zumal der Kanton Thurgau immer propagierte, Impfstoff für die Thurgauer Bevölkerung, die Thurgauerinnen und Thurgauer! Ein südafrikanischer Milliardär ist wohl kaum ein Thurgauer!»

Urs Martin, Gesundheitsdirektor des Kantons Thurgau.

Urs Martin, Gesundheitsdirektor des Kantons Thurgau.

Bild: Reto Martin

Der Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Martin beteuerte, von der Impfung Ruperts nichts gewusst zu haben. «Ich bin auch sauer», sagte er der «Thurgauer Zeitung». Martin war vor seiner Wahl in den Regierungsrat Kadermann bei der Hirslanden-Gruppe. Bei der Vergabe des Impfauftrags an seinen ehemaligen Arbeitgeber sei er aber in den Ausstand getreten. Thurgauer Politiker von Links bis Rechts schenken den Aussagen des SVP-Regierungsrats Glauben, finden die Angelegenheit dennoch nicht erfreulich.