Not macht erfinderisch: Bücher per Velo ausliefern und Mahlzeiten vor die Haustüre bringen - wie Geschäfte in der Thurgauer Hauptstadt auf die verordnete Schliessung reagieren  

Eine Tour durch die Thurgauer Hauptstadt Frauenfeld am Montagabend zeigt, wie Gewerbetreibende mit dem bundesrätlichen Schliessungsentscheid umgehen.

Silvan Meile, Sebastian Keller (Text) und Andrea Stalder (Bilder)
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Hairstylist Pierre schliesst seine Türen, aber davor wollen alle noch einen Haarschnitt oder ein Shampoo. Die Mitarbeiterinnen versuchen am letzten Tag noch alle unterzubringen.

Hairstylist Pierre schliesst seine Türen, aber davor wollen alle noch einen Haarschnitt oder ein Shampoo. Die Mitarbeiterinnen versuchen am letzten Tag noch alle unterzubringen.

Bild: Andrea Stalder

Seit der Bundesrat in Bern vor die Medien getreten ist, klingelt das Telefon in der Frauenfelder Filiale von Hairstylist Pierre ununterbrochen. «Alle wollen noch rasch vorbeikommen», sagt Leiterin Patricia Künzler. Der Coiffuresalon wird überrannt von Kundinnen und Kunden, die sich am Montagabend noch die Haare schneiden lassen wollen. «Einige versuchen, ihren Termin noch auf heute vorzuverschieben.» Auch die Nachfrage nach Haarfarben ist hoch.

Es ist der letzte Tag bis mindestens 19.April, an dem hier noch die Scheren klappern und der Föhn surrt. «Wie es weitergeht, wissen wir nicht», sagt Künzler und streckt ihren Hals, um den nächsten Kunden zu empfangen. Sie hatte noch keine Zeit, sich darüber genau Gedanken zu machen. Klar ist: Wenn die Massnahmen wieder fallen, wollen sie wieder für die Kunden da sein.

Marianne Sax liefert Bücher per Velo aus

Auch Marianne Sax muss ihren Bücherladen vorübergehend schliessen. Erstmals seit 30 Jahren. «Wir hatten noch nie Betriebsferien», sagt sie im Gespräch vor ihrem Laden in der Frauenfelder Vorstadt. Neben ihr steht ein Velo. Sie wirkt traurig, betrübt. Die angeordneten Massnahmen des Bundesrates findet sie dennoch richtig, nicht übertrieben. «Hoffentlich kommen sie nicht zu spät», sinniert Marianne Sax.

Auch der Bücherladen von Marianne Sax muss schliessen. Sie will nun Lesestoff mit dem Velo ausliefern.

Auch der Bücherladen von Marianne Sax muss schliessen. Sie will nun Lesestoff mit dem Velo ausliefern.  

Bild: Andrea Stalder

Vorher hat sie Formulare organisiert. Formulare, um für ihre Mitarbeiterinnen Kurzarbeit zu beantragen. Bei der Kurzarbeit zahlt der Staat für eine gewisse Zeit den Lohn der Angestellten. Damit sollen Mitarbeiter ihre Stelle behalten können und Unternehmen eine Krise überleben. Die Buchhändlerin hat noch nie zuvor ein solches Formular ausgefüllt. «Aber», sagt sie, «es dünkt mich nicht kompliziert.» Nun hofft sie auf eine rasche Bearbeitung durch den Kanton. Marianne Sax ist in Sorge um den Schweizer Buchhandel. Mit einer Hand zeigt sie den Wasserstand. Sie berührt fast ihre Nase.

Einen minimalen Service will die Frauenfelderin weiterhin aufrechterhalten. Sie bietet seit Montag einen kostenlosen Bücher-Lieferdienst innerhalb Frauenfeld per Velo an. Auch Abholen ist möglich. Sie sagt am Montagabend: 

«Die erste Bestellung habe ich bereits erhalten.»

Eine Bücherempfehlung für trübselige Momente hat sie bereits auf ihrer Website veröffentlicht. «Erebus» von Michael Palin. Die Biografie eines Schiffes, das samt Crew im Eismeer verschwand. Sax verspricht Ablenkung und Faszination. Der eine oder andere dürfte wieder Zeit haben, um ein Buch aufzuschlagen. Ein kleines Boot mit Hoffnungsschimmer in einem Meer der Hoffnungslosigkeit.

70 Prozent der Hotelbuchungen bereits wieder storniert

Im Restaurant des Hotels Blumenstein sitzt ein letzter Gast vor seinem Glas Bier. «Ab Dienstag ist hier zu», sagt die Serviererin. Dann bleibe sie zu Hause, sagt sie. Ihr Chef hat beim Kanton Kurzarbeit beantragt. «Alle unsere 14 Mitarbeiter bleiben ab Dienstag zu Hause», sagt René Wiesli, Geschäftsführer des Restaurants mit Hotel.

An der Réception ist die Stimmung gedrückt. Nur er und seine Frau arbeiten ab Dienstag noch. Sie halten den Hotelbetrieb aufrecht, während im Restaurant alle Lichter gelöscht werden. Doch auch die Beherbergung läuft nur noch auf Sparflamme. 70 Prozent der Zimmerbuchungen seien vergangene Woche wieder storniert worden. Grund dafür seien hauptsächlich die Absagen sämtlicher Anlässe wie etwa der Frühlingsmesse. Und am Montag trafen sechs Gäste nicht ein, weil die Grenzen zu sind.

René Wiesli vom Hotel Blumenstein in Frauenfeld fährt den Betrieb runter. Das Restaurant bleibt vorübergehend geschlossen, das Hotel hat geöffnet.

René Wiesli vom Hotel Blumenstein in Frauenfeld fährt den Betrieb runter. Das Restaurant bleibt vorübergehend geschlossen, das Hotel hat geöffnet. 

Bild: Andrea Stalder

Wiesli sagt, er könne Verständnis aufbringen für die einschneidenden Massnahmen. Von der Thurgauer Politik erhofft er sich aber, dass die Möglichkeit für Kurzarbeit auch für Selbstständigerwerbende wie ihn persönlich geöffnet wird. Doch die Not macht auch erfinderisch. Er überlege sich, einen Hauslieferservice anzubieten, um die Frauenfelder mit Speisen zu versorgen. «Die älteren Menschen sollten ja jetzt das Haus nicht mehr verlassen.»

Gäste zählen im Migros-Restaurant

Vor dem bundesrätlichen Paukenschlag ist die Stimmung entspannt in der Hauptstadt. Sonnenbrillen sind beliebte Accessoires. Im Linden-Park stossen Erwachsene mit Dosenbier an, Vögel pfeifen, Kinder tollen. Ein paar Schritte weiter sind die Sonnenplätze der Gartenbeiz des Bahnhofbuffets begehrt. Auf der anderen Seite, vor dem Einkaufszentrum Passage, hat eine ältere Frau einen Plan: «Jetzt blibi eh dihei, wo das Zügs umägoht.»

Diese Strategie verfolgen viele Frauenfelder. Der Blick in die Migros-Filiale zeigt, was sie in ihre Einkaufswagen geladen haben: In den Regalen von Reis, Teigwaren, Tomatensauce, Mehl, Öl, Salz und Toilettenpapier klaffen grosse Lücken. Trotz österlichem Wetter kommt bei den Einkaufenden keine Osterstimmung auf. Die Tische mit den Schokoladenhasen bleiben unberührt. Im Migros-Restaurant sind gewisse Bereiche mit Bändern abgesperrt, Tische und Stühle zusammengerückt. Das Sitzplatzangebot wurde sichtlich reduziert. Es gibt nur noch einen Eingang. Eine Mitarbeiterin zählt die Gäste, hinter ihr wartet ein Desinfektionsmittel.

Noch vor dem Mittag: Eine Frau brutzelt vor dem Coop Schlossmarkt Würste, Kunden fahren mit Velos vor. Weiter der Murg entlang. Auf dem Parkplatz vor dem Hallenbad stehen nur vereinzelt Autos. Die Besitzer sind aber nicht schwimmen gegangen. Ein Plakat am Eingang informiert, dass die Sportanlage ab Sonntag, 15. März, bis auf weiteres geschlossen bleibe. Begründung: Corona-Virus. Am Nachmittag war dann gewiss, dass das Hallenbad nur ein Vorbote war.