«Papa, chasch mol gschwind...»  Ein Erfahrungsbericht aus dem Homeoffice in Frauenfeld

Arbeiten für diese Zeitung geht während der Coronakrise auch von zu Hause aus. Dank der Technik. Trotz Frau und Kindern.

Stefan Hilzinger
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An der Arbeit in der temporären Redaktionsstube unter dem Dach.

An der Arbeit in der temporären Redaktionsstube unter dem Dach.

Bild: Andrea Stalder

Der neue Bürostuhl ist fällig, überfällig. Leider genoss er beim Budget zu Weihnachten nicht oberste Priorität. Das rächt sich jetzt im Kreuz. Doch das ist momentan das kleinste Problem. Nun, seit gut einer Woche ist Homeoffice angesagt, arbeiten von zu Hause aus. Recherchieren und schreiben für diese Zeitung unter dem Dach des Reihenhauses an der Bannhaldenstrasse 24e.

Unter dem Giebel lässt sich mit knapp einem Meter achtzig gerade noch aufrecht stehen, so geht es leicht gebeugt zur Arbeit. Die Frage schleicht sich ein: Zwingt einen die ausserordentliche Lage zur Demut? Über das gekippte Dachfenster gibt’s frische Luft. Lachen und Schreien von spielenden Kleinkindern sind zu hören. Die Eltern geben sich alle Mühe, die Rasselbande coronagemäss zu bändigen.

Stuhl, Tisch, Computer, Drucker - alles da.

Stuhl, Tisch, Computer, Drucker - alles da.

Bild: Andrea Stalder

Die Technik fasziniert und beruhigt

Für viele Homeoffice-Menschen heisst der Mann der Stunde nicht Daniel Koch, sondern Ed Iacobucci, auch wenn die wenigsten je von ihm gehört haben. Der ehemalige IBM-Entwickler hat Ende der 1980er-Jahre in Texas die Firma Citrix gegründet, so steht’s auf Wikipedia. Die App Citrix ist die Rettung. Denn dank Citrix am Computer zu Hause läuft im Prinzip alles wie im Büro an der Schmidgasse. Das ist faszinierend und beruhigend. Klar, da sind ab und zu diese Abstürze... Egal.

Gut, dass die Technik nicht das Problem ist; gut, dass das Quartier mit Glasfasern erschlossen ist.

Komplett neu im Homeoffice ist die soziale Hintergrundstrahlung. Keine Sprüche vom Kollegen, der jeden Tag mit dem Wiler-Bähnli pendelt, keine Frotzeleien mehr zwischen FCZ-Fan und FC-Winti-Anhänger. Und kein Ton zu den Qualen, welche die FC-St.-Gallen-Anhängerin leiden muss, wo der Titel doch zum Greifen nahe gewesen wäre – oder noch ist? Auch das charakteristische Gebrumme der betagten Kaffeemaschine ist weg.

Dafür sind hier nun die beiden Kinder und die beste aller Ehefrauen. Ein Segen, eigentlich, nein, wirklich. «Papa, chasch mer mol gschwind bi dere Rechnig helfe?» «Du, mir sötted zäme no Franz...» «Du Papa, welles isch scho wieder s Wappe vom Langdorf?» Fragen über Fragen prasseln auf einen ein. Und für die regelmässigen Kaffeepausen, geradezu existenziell für einen Journalisten, sorgt die Frau des Hauses.

Die Struktur? Wo bleibt die Struktur?

Nichts ist schlimmer, als wenn einem die Struktur fehlt. Journalisten sind wie Wölfe. Manchmal gehen sie zwar einzeln auf die Jagd, doch um wirklich gut zu jagen, brauchen sie das Rudel. Jetzt ist es weg, zerstreut in alle Winde. Die morgendlichen und abendlichen Telefonkonferenzen sind wie ein virtueller Gang zur Wasserstelle, an der sich das Rudel regelmässig trifft.

Es tut gut, wenigstens die Stimmen zu hören, auch wenn einem vielleicht nicht gefällt, was der oder die eben in der Blattkritik von sich gegeben hat.

Jetzt, in der zweiten Woche greifen die neuen ausserordentlichen Strukturen wieder, im Homeoffice wie bei der Familie, zum Glück. Die Wände sind voll mit Zetteln, Plänen und Telefonlisten. Die Welt ist geschrumpft auf gut 120 Quadratmeter Wohnfläche und etwas Umschwung. Was ist jetzt wirklich wichtig? Nicht die Schlagzeilen. Sondern, dass es nebst Homeoffice gelingt, die beiden Fröögli im Haus zu einem Waldspaziergang zu motivieren.