Corona
«In der Krise wurde viel versprochen» – Gewerkschafter wollen von der Politik Taten sehen

Die Gewerkschaften der Bodenseeregion sind zusammengekommen und haben Lehren aus den Pandemiejahren gezogen. Mittelfristig liebäugeln sie mit einer Viertagewoche – bei vollem Lohn.

Emil Keller
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Lukas Auer, Präsident des Thurgauer Gewerkschaftsbunds und Vizepräsident des Interregionale Gewerkschaftsrat Bodensee (IGR).

Lukas Auer, Präsident des Thurgauer Gewerkschaftsbunds und Vizepräsident des Interregionale Gewerkschaftsrat Bodensee (IGR).

Bild: Ralph Ribi

Mit Applaus bedankte sich die Gesellschaft Anfang der Pandemie noch bei den Pflegefachkräften. Gleichzeitig kamen die teils frappierenden Arbeitsbedingungen von Pflegenden ins öffentliche Bewusstsein. «Heute klatscht niemand mehr», bemängelt Bärbel Mauch vom Deutschen Gewerkschaftsbund Südwürttemberg. Aus vielen Versprechungen sei nichts geworden. «Es geht weiter wie bisher», so Mauch. Nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern der Bodenseeregion.

Und so erneuert der Interregionale Gewerkschaftsrat Bodensee (IGR) seine nicht erst seit Corona bestehenden Forderung, die belastenden Arbeitsbedingungen im Gesundheitssystem anzupacken. Horrende Überstunden, schlechte Kinderbetreuung und miese Bezahlung sei Realität im Pflegeberuf. Das führe dazu, dass der Job beim Nachwuchs wenig attraktiv sei oder nicht ein Leben lang ausgeübt wird.

«Diesen Fachkräftemangel habe man in der Schweiz vor zehn Jahren schon verschlafen», ergänzt Lukas Auer vom Thurgauer Gewerkschaftsbund.

«Jetzt haben wir den Salat mit zu wenig Personal.»

Die Pflege-Initiative vom 28. November könne dem entgegenwirken. Doch auch in anderen systemrelevanten Branchen wie dem Baugewerbe, bei Reinigungskräften oder der Kinderbetreuung fordert der IGR bessere Löhne, damit auch diese Berufe die ihnen zustehende Anerkennung erhalten.

Politische Versprechen einfordern

Die Kurzarbeit habe sich in der Krise als Erfolgsmodell bewährt, um Fachkräfte in Betrieben halten zu können, erläuterte Sigi Langenbahn vom Liechtensteinischen Arbeitnehmerinnenverband. «Die Massnahmen sollten jedoch nur kurz anhalten», da Beschäftigte immer noch Lohneinbussen haben.

Reinhard Stemmer, Landesvorsitzender des ÖGB Vorarlberg, Sigi Langenbahn, Liechtensteinischer ArbeitnehmerInnenverband und Präsident des IGR Bodensee, Lukas Auer, Präsident des Thurgauer Gewerkschaftsbunds, und Bärbel Mauch vom Gewerkschaftsbund Südwürttemberg.

Reinhard Stemmer, Landesvorsitzender des ÖGB Vorarlberg, Sigi Langenbahn, Liechtensteinischer ArbeitnehmerInnenverband und Präsident des IGR Bodensee, Lukas Auer, Präsident des Thurgauer Gewerkschaftsbunds, und Bärbel Mauch vom Gewerkschaftsbund Südwürttemberg.

Ralph Ribi

Reinhard Stemmer vom Österreichischen Gewerkschaftsbund Vorarlberg kämpft hingegen für mehr und längeres Arbeitslosengeld. In Österreich erhält man vom Arbeitsmarktservice lediglich 55 Prozent seines Gehalts. Stemmer plädiert für eine Angleichung an die Nachbarländer, welche teils 70 bis 80 Prozent des Lohns bei Arbeitslosigkeit ausbezahlen.

Zudem sind sich alle Gewerkschaften einig, dass die maximale Dauer für den Bezug von Arbeitslosengeld verlängert werden müsse. Gleichzeitig zeigte sich, dass weniger Arbeitsstunden nicht unbedingt zu Einbussen in der Produktivität führen. Mittelfristig liebäugelt der IGR Bodensee deshalb mit einer Viertagewoche bei vollem Lohn.

Frauen trifft die Coronakrise härter

Homeoffice hat in vielen Betrieben Schule gemacht. Das dies nicht in allen Lebenssituationen gleich einfach zu bewerkstelligen ist, werde dabei oft ausser Acht gelassen. Gerade die Vereinbarkeit von Familie und Beruf leide darunter. Oft würden Familien in alte Rollenbilder zurückfallen und die Frauen müssten sich zusätzlich um den Haushalt und Kinder kümmern.

Allgemein haben die Gewerkschafter beobachtet, dass die Corona-Arbeitslosigkeit Frauen härter trifft. Es sollen nun auch Regeln geschaffen werden, damit die plötzlich als Büro genutzten Wohnräume den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entschädigt werden. «In der Krise wurde viel versprochen. Jetzt ist es Zeit, die Politik an der Nase zu nehmen und die Versprechen einzufordern», fasst Stemmer die derzeitige Arbeit von sich und seine Kolleginnen zusammen.

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