Comandante Marco ist ihr Lebensretter: Güsel macht die Seele der Frauenfelder Pensionärin Eva Maria glücklich

Bis zu viermal pro Woche geht sie für den Werkhof in Frauenfeld fetzeln. Geld bekommt die rüstige Frohnatur Eva Maria keines. Aber das ist egal.

Mathias Frei
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Eva Maria, wie immer mit Velo und Abfallsack unterwegs, hinten Markus «Marco» Wenger vom Werkhof.

Eva Maria, wie immer mit Velo und Abfallsack unterwegs, hinten Markus «Marco» Wenger vom Werkhof.

Bild: Andrea Stalder (8.April 2020)

Einfach unglaublich, diese rüstige Südländerin. Eva Maria lacht, als gäbe es kein Morgen. Ihr Damenvelo ist in die Jahre gekommen, der riesige Abfallsack im Körbli auf dem Gepäckträger quillt fast über. Sie sagt:

«Dreckige Arbeit, aber sie macht mich gesund und glücklich.»

Am 20.Juli 2018 war es, sie erinnert sich an diesen Tag, als wär’s gestern gewesen. Damals wurde sie beim Werkhof der Stadt Frauenfeld vorstellig. «Entschuldigung, darf ich hier arbeiten?» Das fragte sie am Schalter. Zum Glück kam dann Markus Wenger. «Mein Lebensretter! Marco, Comandante Marco.» Und Eva Maria lacht ein ums andere Mal so unglaublich herzlich. Obwohl sie es früher nicht einfach hatte.

«Es war wie in einem Gefängnis.»

Mehr will sie nicht erzählen über eine schwierige Ehe. Obwohl Eva Maria gerne mit Menschen spricht. Begegnungen sind Nahrung für ihre Seele.

«Es besteht kein Arbeitsverhältnis»

Markus Wenger ist beim Werkhof Bereichsleiter für den Anlagenunterhalt. An jenem Julitag vor zwei Jahren überlegte er kurz – und fand Arbeit für Eva Maria. In der schriftlichen Übereinkunft mit ihr heisst es, sie wolle «zur Sauberhaltung des öffentlichen Raumes beitragen». Dafür bekommt sie vom Werkhof eine Sicherheitsweste gestellt, eine Abfallzange, Gummihandschuhe und Abfallsäcke. Und weiter: «Es besteht kein Anstellungsverhältnis, und es wird kein Entgelt entrichtet.» Sie leiste einen grossen ehrenamtlichen Dienst für Frauenfeld, sagt Wenger.

«Eva Maria ist gewissermassen Botschafterin für die Stadt.»

Eine Win-win-Situation. Die lebensfrohe Frau arbeitet ehrenamtlich – und führt darüber stolz Buch. 2019 hat sie mit dem Abfall von Frauenfelder Strassen und Plätzen ganze 155 Säcke im speziellen 40-Liter-Format gefüllt.

«Wenn mich die Leute fragen, ob ich auch genug Lohn bekomme, sage ich ja.»
Eva Maria.

Eva Maria.

Bild: Andrea Stalder

Eva Maria ist schon seit einigen Jahren pensioniert. Ihr Alter will sie nicht in der Zeitung lesen. Nur so viel: Sie sieht viel jünger aus, als sie ist. «Manchmal fragen mich Männer, wann ich pensioniert werde.» Sie strahlt. Auch mit Stadtpräsident Anders Stokholm hatte sie schon einen Schwatz auf ihrer Tour. Vor Corona war sie viermal pro Woche unterwegs, vormittags fast zwei Stunden zwischen Thurgipark und Festhalle, abends noch einmal. «Aber nur bei schönem Wetter», lacht sie. Derzeit liegt weniger Abfall herum, trifft sie weniger Leute. Das geht wieder vorbei, denkt sie sich. Ihre ehrenamtlichen Einsätze sollen aber noch möglichst lange andauern.

«Solange mich Gott gesund hält und solange ich Velo fahren kann.»

Seit über 40 Jahren im gleichen Block im Langdorf

Die gelernte Schneiderin lebt seit über 40 Jahren in Frauenfeld, im gleichen Block im Langdorf. «Meine Wohnung ist schön, aber ich bin halt allein.» Hier war sie bis zur Pensionierung Reinigungskraft und Hauswartin. Dann kommt sie nicht mehr aus dem Haus, erkrankt chronisch. Das Alleinsein und Nichtstun zermürben sie. Seit sie für den Werkhof fetzeln kann, lebt sie wieder auf. Sie muss weniger Medikamente nehmen.

«Ich bin glücklich. Wer weiss, wo ich heute sonst wäre.»
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