Christian Lohr kandidiert noch einmal für den Nationalrat. «Ich habe in Bern einen Job zu erledigen»

Serie «Ihre Wahl» (1/5): Die TZ trifft die Thurgauer Nationalrätinnen und Nationalräte an ihrem Lieblingsort: heute Christian Lohr (CVP)

Christian Kamm
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Das Wasser hat es ihm angetan: Nationalrat Christian Lohr beim Surfsailingclub in Kreuzlingen. (Bild: Reto Martin)

Das Wasser hat es ihm angetan: Nationalrat Christian Lohr beim Surfsailingclub in Kreuzlingen. (Bild: Reto Martin)

Politiker der Christlichdemokratischen Volkspartei haben halt doch einen besonderen Draht nach oben. Auf der Fahrt von Frauenfeld nach Kreuzlingen peitscht der Regen, dass es ein Graus ist. Kaum in Kreuzlingen angekommen, lichten sich die Regenwolken und die Sonne übernimmt das Kommando. Petrus hatte ein Einsehen. Und CVP-Nationalrat Christian Lohr gerät ins Schwärmen:

«Ich liebe es, am See ins Offene, ins Nicht-Begrenzte zu schauen.»

Wir sitzen am Seeufer, beim Surfsailingclub Kreuzlingen, den Lohr für das Treffen mit der «Thurgauer Zeitung» vorgeschlagen hat. «Man sieht den Säntis, Deutschland und Österreich.» Immer, wenn er von Bern nach Hause fahre und der Zug bei Lengwil den Wald verlasse, dann fühle er sich daheim.

Angekommen ist der Kreuzlinger Christian Lohr aber auch im Bundeshaus. Seit nunmehr acht Jahren politisiert er im Nationalrat in Bern. Im Herbst strebt er eine weitere vierjährige Amtszeit an.

Das Gen, möglichst viel selber zu machen

Der 57-jährige Christian Lohr ist kein Politiker wie andere. Er weiss das. Und er geht offen mit seiner Behinderung um. Auf seiner Website schreibt er, dass er manchmal selbst noch darüber staune, was unter seinen Voraussetzungen alles möglich sei.

«Es sind mir viel weniger Grenzen gesetzt, als dies manch einer vermuten würde.»

In ihm stecke eben das Gen, möglichst viel selber zu machen, sagt Lohr. Zwar dürfe er auf organisatorische Unterstützung im Parlament zählen, einen persönlichen Begleiter brauche er indessen nicht. «Ich habe auch keine Probleme damit, Ratskollegen um Hilfe zu bitten − von links bis rechts.» Insofern sei er sicher ein verbindendendes Element in Bundesbern, sagt Lohr mit einem Augenzwinkern.

Den Anfang in Bern haben ihm seine besonderen Startbedingungen allerdings nicht leichter gemacht. Bald einmal ging das Etikett des «Betroffenheitspolitikers» um, weil Lohrs Expertise und Fachwissen naturgemäss in der Behindertenpolitik am meisten gefragt waren. «Dieses Thema ist durch», sagt ein selbstbewusster Nationalrat Lohr heute. «Schon mit meiner politischen Arbeit habe ich das Gegenteil bewiesen.» Bewusst habe er sich im Rat auch als unabhängiger Gesundheitspolitiker («ich habe kein Mandat bei einer Krankenkasse») sowie in der Sozialpolitik engagiert. «Dazu kommt meine Affinität zum Sport.»

Hier bringt sich der ehemalige Sportjournalist politisch vor allem im Breitensport und der Jugendförderung ein. Kürzlich hat Lohr etwa ein Postulat durchgebracht, um die Bewegungsaktivität von Kleinkindern und Jugendlichen genauer zu prüfen.

Und natürlich setze er sich weiter dafür ein, dass Menschen mit Behinderung Chancen und Perspektiven erhielten.

«Ich will ihnen Mut machen, sich in der Gesellschaft zu behaupten und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.»

Das sei nicht nur ein Thema für die Betroffenen selber, sondern für die ganze Gesellschaft. Zu seinen politischen Highlights in der zu Ende gehenden Legislatur zählt Lohr die Weiterentwicklung der Invalidenversicherung. Auch, dass es gelungen sei, massgebende Mittelwege bei den Ergänzungsleistungen zu finden. Resultat: Eine Vorlage, «die verhebt».

Überhaupt sieht sich Christian Lohr − wie die meisten Mittepolitiker − in einer Vermittlerrolle. Das sei zwar politische Kleinarbeit und für die Medien nicht so interessant, «aber so kann ich Dinge bewegen». Getreu dem politischen Credo: Um in Bundesbern etwas erreichen zu können, müsse man ein ausgewogenes Mass finden zwischen dem Wunsch, etwas zu verändern. Und andererseits der Fähigkeit, realistisch zu bleiben. Dabei hilft dem CVP-Politiker das im Laufe der Jahre immer grösser gewordene Netzwerk. Lohr ist überzeugt, dass es in Bern zwei Legislaturen braucht, «bis man weiss, wie der Hase läuft».

Er trete heute in Diskussionsrunden anders auf als vor acht Jahren, und man höre ihm auch anders zu. Er fühle sich auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere und voll im Saft. «Ich habe in Bern einen Job zu erledigen.»

Steter Tropfen höhlt den Stein

Überzeugen − ein oft gehörtes Wort, wenn man mit Christian Lohr über Politik spricht. Vor dem Überzeugen jedoch will er nachdenken und zuhören.

«Ich arbeite bewusst am Zuhören.»

In der Politik brauche es zwar viel Durchhaltewillen, aber man müsse auch wissen, wann es bei einem Thema genug sei. «Missionarisch und verbissen geht gar nicht.» Dann schon lieber: Steter Tropfen höhlt den Stein. Schmunzelnd erzählt Lohr, dass er es nach mehrjährigem Engagement geschafft hat, dass jetzt auch Möhl-Produkte im Restaurant des Bundeshauses angeboten werden.

Unterdessen sind erneut dunkle Wolken aufgezogen. Es wird bald wieder regnen.

Christian Lohr ist Panaschierkönig

Die SVP zog an den Nationalratswahlen die meisten Panaschierstimmen auf sich. Bei den einzelnen Kandidaten schwingt jedoch CVP-Nationalrat Christian Lohr obenauf. Er gewann ausserhalb der eigenen Partei die meisten Stimmen.
Silvan Meile