CBD
Diese Broschüre dürfen Sie nicht lesen: Thurgauer Kantonslabor stoppt Werbung mit BAG-Informationen

Die Thurgauer Alpinamed AG darf einen Werbeprospekt für Kapseln mit Cannabisextrakt nicht mehr verbreiten, weil darin von einer heilenden Wirkung die Rede ist. Dass die Informationen vom Bundesamt für Gesundheit stammen, spielt keine Rolle.

Thomas Wunderlin
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In der Werbung wurde den CBD-Kapseln heilende Wirkung zugeschrieben, obwohl sie nicht als Heilmittel zugelassen sind.

In der Werbung wurde den CBD-Kapseln heilende Wirkung zugeschrieben, obwohl sie nicht als Heilmittel zugelassen sind.

Bild: Reto Martin

Die achtseitige Broschüre warb für grüne Kapseln. Erhältlich sind sie unter der Bezeichnung «Cannabis 10», sechzig Stück für 34.50 Franken. Ein Hanfblatt auf der Verpackung weist daraufhin, dass die Kapseln sieben Prozent Cannabisextrakt (CBD) enthalten.

Gerichtet war die Broschüre an Drogisten und Apotheker. Die Alpinamed AG aus Freidorf verwendete darin Informationen aus einem Faktenblatt des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zu CBD.

Unter Verweis auf eine Literaturrecherche stellte das BAG fest, CBD werde zugeschrieben, psychische und somatische Beschwerden zu lindern. Auch bei Alzheimer, Parkinson und Akne werde es angewendet. Die Forschung steckt laut BAG noch in den Anfängen:

«Es lässt sich festhalten, dass betreffend Wirksamkeit generell zu viel versprochen wird, allerdings dürfte CBD für gewisse Symptome und Störungen durchaus wirksam sein.»

Das Kantonale Laboratorium verfügte im Juni 2019, die Broschüre dürfe nicht mehr abgegeben werden. Sie verletze das Täuschungsverbot gemäss Lebensmittelrecht.

Das Bundesgericht stützt das Kantonslabor

Die Alpinamed erhob vergeblich Beschwerde an die höheren Instanzen. Nun hat auch das Bundesgericht den Entscheid des Kantonslabors bestätigt (2C_733/2020).

Unerheblich war laut Bundesgericht, dass die grünen Kapseln erst auf den letzten drei Seiten der Broschüre erwähnt wurden, und zwar ohne gesundheitsbezogene Angaben zu CBD. Stärker ins Gewicht fiel, dass die Cannabiskapseln auf Titel- und Rückseite abgebildet waren und jede Seite in der Kopfzeile einen Hinweis darauf enthielt. Laut Bundesgericht ist die Gesamtbetrachtung massgebend:

«Die fachkundigen Zwischenhändlerinnen und - händler werden die Produktinformationen im Kontext zu den voranstehenden Informationen zum Wirkstoff CBD lesen.»

Die Broschüre gelte somit als Werbung für Lebensmittel. Da die CBD-Kapseln nicht als Heilmittel zugelassen sind, ist das Lebensmittelgesetz darauf anwendbar.

Christoph Spinner, Kantonschemiker Thurgau.

Christoph Spinner, Kantonschemiker Thurgau.

Bild: PD

«Lebensmittel dürfen nicht zur Heilung von Krankheiten angeboten werden», sagt Kantonschemiker Christoph Spinner auf Anfrage. «Das ist ausdrücklich verboten.» Ob die Angaben in der Broschüre korrekt seien, habe er nicht beurteilt: «Das ist nicht meine Aufgabe.» Würde es um ein Heilmittel gehen, wäre die Swissmedic für die Zulassung zuständig.

Keine Rolle spielt laut Bundesgericht, dass sich die Broschüre nur an Drogisten und Apotheker richtete. Unter den Täuschungsschutz falle auch Werbung, die so konzipiert sei, dass sie über Zwischenhändler an die Konsumenten weitergeleitet werde. Alpinamed-Marketingleiter Leo Krähenmann kommentiert auf Anfrage:

«Wir waren der Ansicht, dass man sich in einer Fachbroschüre zu einem Cannabisprodukt auf Informationen, welche der Bund veröffentlicht, beziehen darf.»

In der ganzen Schweiz würden in allen Medien CBD-Produkte mit gesundheitsbezogenen Angaben beworben: «Die Behörden schauen hier seit vielen Jahren weg, obwohl praktisch alle CBD-Produkte nicht eingenommen werden dürften.» Rechtlich würden sie als Chemikalien gelten, nicht als Lebensmittel.

Zulassung als Heilmittel wäre zu aufwendig

Eine Arzneimittelzulassung bei Swissmedic wäre eigentlich das Sinnvollste, räumt der Alpinamed-Sprecher ein. Sie sei aber «für eine kleine Schweizer Firma praktisch nicht mehr möglich für einen neuen Pflanzenwirkstoff», da sie Tierversuche und klinische Versuche verlangen, Millionen kosten und bis zu zehn Jahre dauern würde. Nur global tätige Konzerne könnten sich diesen Aufwand leisten.

Weltweit gebe es weniger als eine Handvoll zugelassener CBD-Produkte für den Anwendungsbereich einer speziellen Ausprägung von Epilepsie. Praktisch alle in der Pflanzenmedizin tätigen Firmen lancieren deshalb laut Krähenmann Neuprodukte nur noch als Nahrungsergänzungsmittel. Eine Ausnahme bildeten die homöopathischen, spagirischen, traditionell chinesischen und anthroposophischen Arzneimittel. Diese müssten die Wirkung nicht nachweisen.

Kurkuma als Schmerzmittel


(wu) Das Kantonslabor untersagte schon 2018 eine Produktewerbung der Alpinamed. Betroffen war das Nahrungsergänzungsmittel MSM Curcuma-Arthro, das mit der Heilung von Gliederschmerzen in Verbindung gebracht wurde. Das Bundesgericht bestätigte den Entscheid im Sommer 2020. In der Beantwortung einer Einfachen Anfrage bezeichnete es der Regierungsrat als «stossend», dass eine Firma die Zeit nutzen könne, die ein Verfahren durch alle Instanzen beanspruche, um ein beanstandetes Produkt weiterhin zu verkaufen. Das Problem liege im Lebensmittelrecht. Um einer Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu entziehen, müsste es sich um ein gesundheitsgefährdendes Produkt handeln.

Alpinamed AG

(wu) Die 1983 in Freidorf gegründete Alpinamed AG stellt Produkte auf der Basis von Heilpflanzen her. Seit 2000 betreibt sie ein zweites Werk in Romanshorn. Das Unternehmen mit 80 Mitarbeitern gehört heute zur österreichischen Gebro Holding.

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