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Bürglen: Mädchen üben sich in Bauberufen und haben jede Menge Spass

Mit Helm, Leuchtweste und gutem Schuhwerk entdeckten zehn Mädchen am Nationalen Zukunftstag Bauberufe in der Werkhalle der Stutz AG in Bürglen. Die Arbeit machte ihnen viel mehr Freude, als sie erwartet haben
Hana Mauder
Am Zukunftstag 2018 durften Mädchen bei der Stutz AG in Bürglen ihre ersten Erfahrungen im Bereich Bau machen. (Bild: Reto Martin)

Am Zukunftstag 2018 durften Mädchen bei der Stutz AG in Bürglen ihre ersten Erfahrungen im Bereich Bau machen. (Bild: Reto Martin)

Leise sirren die Maschinen. «Der Helm ist Pflicht», erklärt Rita Zwygart und deutet mit einem Kopfnicken zu einem grauen Betonklotz, der an der Laufkatze ihres Krans am Haken hängt. Schwere Ladung. «Auf los geht’s los!», ruft die Kranführerin den umstehenden Mädchen zu. Es ist Zukunftstag. Zehn Schülerinnen der fünften bis siebten Klasse aus dem ganzen Kanton und darüber hinaus tauschen heute die Schulbank gegen Kran, Kelle, Bagger & Co. Eine Chance, um vor Ort Berufsluft zu schnuppern: Auf dem Werkhof-Gelände der Stutz AG in Bürglen absolvieren sie in Zweier-Teams fünf Posten. Aktuell versucht sich Samira Brändle aus Rickenbach an der Bedienung des 20 Meter hohen Lastenkrans.

Bloss keine Hektik aufkommen lassen

Die Zwölfjährige muss dafür nicht in eine Kabine hochklettern. Dieses Modell wird per Fernbedienung vom Boden aus gesteuert. Es gilt, den Betonklotz mit viel Fingerspitzengefühl am Zielpunkt – in diesem Falle in einem Container – abzusetzen. Eine knifflige Aufgabe. «Es ist schwieriger, als es aussieht», sagt das Mädchen. Wer die Hebel mit einem Hauch von Hektik bewegt, bringt die Ladung ins Schlingern.

Mirjam Stark, Strassenbauerin im dritten Lehrjahr. (Bild: Hana Mauder)

Mirjam Stark, Strassenbauerin im dritten Lehrjahr. (Bild: Hana Mauder)

800 Kilo Hubkraft schafft die Baumaschine bei einer Auslastung von 25 Metern. Das Gerät ist kein Spielzeug. Aber Rita Zwygart behält alles im Blick. Gute Nerven gehören, so meint sie mit einem Schmunzeln, zum Job. Seit mehr als 31 Jahren zählt sie zu nur einer Handvoll Kranführerinnen in der Schweiz. «Ich habe schon einmal in einer Kabine in 60 Metern Höhe gearbeitet», erzählt sie den staunenden Zuhörerinnen. Was es für ihren Beruf braucht? «Schwindelfrei muss man sein. Sehr zuverlässig. Und es braucht ein geschultes Auge», gibt sie zur Antwort.

Ein Beruf mit Kraft-Faktor

Ein gewisses Mass an Körperkraft verlangt der Posten von Mirjam Stark. Sie ist Strassenbauerin im dritten Lehrjahr. Geduldig zeigt sie jedem Einzelnen, wie man Verbundsteine auf einem Schotterbeet zu einer exakten Fläche zusammenfügt: Puzzeln für Fortgeschrittene. «Passt das?», hakt die (fast) elfjährige Fiona Eggenberger aus Henggart nach und prüft die geschaffene Ebene mit einer Wasserwaage. Mirjam Stark nickt zufrieden. «Ich bin als Frau im Strassenbau die Ausnahme», erzählt sie. «Der Alltag bringt einen physisch schon manchmal an die Grenzen.» Allerdings ist sie hart im Nehmen: Die 18-Jährige ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Mit 30 Kühen und 300 Obstbäumen. Ein Beruf mit Kraftakt-Faktor schreckt sie da nicht ab. «Ich wusste nach dem ersten Schnuppertag: Diesen Job will ich.»

Gar nicht so einfach einen Betonklotz mittels Fernbedienung zu steuern. (Bild: Reto Martin)

Gar nicht so einfach einen Betonklotz mittels Fernbedienung zu steuern. (Bild: Reto Martin)

Die Feinheiten des Mauerbaus kennen lernen

Nur zwei Schritte entfernt hantieren derweil Ria Alder und Maxima Pichler aus Frauenfeld mit Kelle und Mörtel. Unter der Anleitung des Lehrlings Marco di Nicola fügen bauen sie Backsteine zu einer Mauer zusammen. «Das macht total Spass», meinen sie mit einem herzhaften Lachen. Ihr Postenleiter erklärt die Feinheiten des exakten Mauerbaus: von der Konsistenz des Pflasters über die homogene Fülle der Fuge bis hin zur Notwendigkeit der geraden Linie. «Ja, das braucht Übung», meinen sie mit Blick auf den leicht verschnörkelten Mauerverlauf. 40 Minuten verbringen die Zweier-Teams an jedem einzelnen Posten. Die Zeit vergeht wie im Flug.

Mit Kopf und Computer

Eine körperliche Ruhepause ist nach soviel Handwerk sehr willkommen. «Bei uns dreht sich vieles um Kopfarbeit», erklärt Architektin Brigitte Oettli. Gemeinsam mit der Hochbauzeichnerin Désirée Bochsler ist sie heute bei der Stutz AG zu Gast und lenkt das Interesse der Schülerinnen auf einen Stapel Papier auf dem Tisch. Was es mit Werkplänen oder Bauabständen auf sich hat, wie man die Treppe eines Hauses plant oder die Küche seiner Träume in die Tat umsetzt, zeigte das eingespielte Duo mit frischem Elan. Am Computer entstehen unter den interessierten Augen der Besucherinnen Visualisierungen und Entwürfe. «Oft bin ich nicht im ersten Anlauf zufrieden», sagt die Architektin. «Aber am Schluss muss alles stimmen.»

Lynn Burkhard, Bauführerin bei der Stutz AG. (Bild: Hana Mauder)

Lynn Burkhard, Bauführerin bei der Stutz AG. (Bild: Hana Mauder)

Ihr Beruf, so meint sie, eignet sich für sehr gut für Frauen mit entsprechenden Interessen. Damit rührt sie an einen Punkt, der in den Köpfen nachhallt: Das Interesse junger Frauen an klassischen Männerberufen der Baubranche ist verhalten. Das mag ein Klischee sein. Aber eines mit der Kraft eines Zweikomponenten-Klebers. «Ich verbuche den Zukunftstag als Nachwuchsförderung», meint dazu Alfred Müller. Der Verwaltungsratspräsident der Stutz AG hat die Türen für dieses Spezialprojekt geöffnet. Still, aber mit grossem Interesse, verfolgt er das Geschehen. Ein Problem in manchen typischen Männerberufen sieht er im Mangel an Teilzeitstellen. «Auf dem Bau sind viele Berufe nur als 100-Prozent-Pensum besetzt», sagt er.

«Familie und ein Vollzeit-Job unter einen Hut zu bringen ist nicht einfach», räumt Rita Zwygart als Mutter einer erwachsenen Tochter ein. «Von einer Teilzeit-Stelle als Kranführerin habe ich noch nie gehört. Aber man kann nicht mitten in einem Bauprozess den Kranführer beliebig wechseln oder austauschen.» Für die zehn Schülerinnen sind Gedanken wie diese noch weit weg. Irgendwo in einer Zukunft, die noch nicht geschrieben steht. Jetzt wollen sie nur mit anpacken und ausprobieren.

Einen 1,6-Tonnen-Bagger bedienen

Oder schwere Maschinen starten: Auf dem Kiesplatz neben dem Werkhof bringt Markus Höppli den Teilnehmerinnen das Einmaleins des Baggerfahrens bei. Wer hier in diesem 1,6-Tonnen-Gefährt die Pedale tritt, die Schaufel hebt oder die Hebel bedient, muss die Augen offenhalten. Mit einem letzten Heben der grossen Schaufel neigt sich der Zukunftstag seinem Ende zu. Die 13-jährige Alexandra Schnyder aus Elgg steigt aus der knallgelben Maschine. «Das war spannend und kompliziert», meint sie. Vielleicht wird Alexandra nie wieder in ihrem Leben einen Bagger bedienen. Aber sie wird sich an diesen Tag erinnern – und daran glauben, dass ihr beruflich viele Wege offenstehen.

«Es hat mir Spass gemacht, einmal etwas ganz anderes zu machen.»

Ria Alder, Schülerin aus Frauenfeld. (Bild: Hana Mauder)

Ria Alder, Schülerin aus Frauenfeld. (Bild: Hana Mauder)

Chance für neue Perspektiven in der Berufswahl

Der Nationale Zukunftstag will die Zukunft der Kinder mitgestalten. Das Thema lautet «Seitenwechsel»: Mädchen und Jungen wechseln dafür die Seiten der gängigen Berufswahl-Modelle. Zum Beispiel entdecken Mädchen an speziellen Projekten ihr Interesse an der Technik oder Informatik. Buben erhalten die Chance, einen Tag neue Perspektiven zu eröffnen und unter anderem als Kinderbetreuer, Podologe oder Pflegefachkraft ihre sozialen Stärken auszuloten. Viele Firmen laden die Mitarbeitenden ein, ihre Kinder einen Tag lang am Berufsalltag eines Elternteils teilhaben zu lassen. Dazu gibt es Spezialprojekte von Firmen und Hochschulen, die dazu einladen, Neues auszuprobieren. Nicole Schwery, Co-Leiterin der Fachstelle «Natur-Wissenschaft-Technik» NaTech von der PHTG hat unter anderem die Stutz AG auf das vom Seco iniziierte Projekt «Mädchen-bauen-los» hingewiesen. «Die zehn Plätze waren im Nu weg», erklärt sie. (mau)

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