Bodensee-Stonehenge: Das Rätsel liegt auf dem Seegrund

Das Phänomen der rund 150 Steinhügel im Bodensee ist noch nicht entschlüsselt. Nervös werden die Archäologen des Kantons deswegen nicht. Um das Geheimnis zu lüften, öffnen sie den Fächer der Methodik.

Sebastian Keller
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Hansjörg Brem, Simone Benguerel und Urs Leuzinger vom Thurgauer Amt für Archäologie präsentieren eine Speerspitze aus dem 15. Jahrhundert. (Bild: Reto Martin)

Hansjörg Brem, Simone Benguerel und Urs Leuzinger vom Thurgauer Amt für Archäologie präsentieren eine Speerspitze aus dem 15. Jahrhundert. (Bild: Reto Martin)

Das grösste Fragezeichen liegt auf dem Grund des Bodensees. Zwischen Romanshorn und Bottighofen befinden sich etwa 150 Steinhügel. Parallel zum Seeufer bilden sie eine rund 20 Kilometer lange Kette. Ein Hügel hat einen Durchmesser von 20 Metern – darauf liesse sich ein Karussell platzieren.

Das Phänomen ist erst wenige Jahren bekannt: 2015 entdeckte das Institut für Seeforschung in Langenargen die Steinhügel-Kette. Seither beschäftigen sich die Thurgauer Archäologen mit der Frage: Wer oder was hat diese Steinhügel geschaffen?

Die Medien betitelten sie als «Bodensee-Stonehenge». Die Thurgauer Archäologen sprechen liebevoll von «Hügeli». Simone Benguerel sagt am Vortrag «Archäologische Überraschungen im Thurgau»: «Wir haben das Rätsel noch nicht entschlüsselt.»

Spezielle Bohrfirmen sind nötig

Eine Hypothese konnte bereits versenkt werden: Der Rheingletscher hat die Steinhügel nicht verursacht. Das rückt die Vermutung in den Vordergrund, sie könnten von Menschenhand angelegt worden sein. «Vermutlich aber nicht erst vorgestern», sagt Archäologin Benguerel. Sie können sich nicht erklären, zu welchem Zweck.

Auch die Dimension – 150 riesige Steinhügel – blase das Fragezeichen zusätzlich auf. «Wie sollen Menschen das bewerkstelligt haben?» Die Archäologin schliesst nicht aus, dass es sich um ein anderes geologisches Phänomen handeln könnte. Benguerel sagt: «Darüber sind wir uns im Amt auch nicht einig.»

Der Frage gehen die Thurgauer Archäologen weiter auf den Grund. Nächstens sollen Sediment-Bohrungen bei der zeitlichen Einordnung helfen. «Dazu brauchen wir spezielle Bohrfirmen», sagt die Archäologin. Klar ist: Die Methoden einer Wissenschaftsdisziplin reichen nicht aus, um dieses Geheimnis zu lüften. Im Gespräch zeigt sich, dass die Archäologin deswegen nicht nervös wird. Im Gegenteil. Mit einer archäologischen Lockerheit sagt sie: «Das ist doch spannend.»

Ein Silberglöcklein beim Mäuseturm

Die Thurgauer Archäologie erschöpft sich nicht bei ungelösten Rätseln. 2018 notierte das Amt 213 Ereignisse. Dazu zählen etwa Grabungen, aber auch Lieferungen. Als Lieferung gelten Gegenstände, die von Freiwilligen gefunden werden. Rund 100 Personen beackern in ihrer Freizeit den Thurgau archäologisch.

Die Profis des Kantons waren erneut beim Mäuseturm vor Güttingen aktiv. Dabei handelt es sich um eine Ruine eines mittelalterlichen Turms, etwa 240 Meter vom Seeufer entfernt. Taucher stiessen mit einem Unterwasser-Metalldetektor auf ein Silberglöcklein mit vier menschlichen Gesichtszügen. «Es zeigt vermutlich die vier Evangelisten.» Die Verzierung deutet darauf hin, dass das Messglöcklein aus dem 9. oder 10. Jahrhundert stammt.

Grabstein für Enggist

Der 2016 verstorbene Walter Enggist vermachte dem Amt für Archäologie und der Kantonsbibliothek knapp 6,5 Millionen Franken. Einzige testamentarische Bedingung: Die Sicherstellung der Grabpflege. Wie Kantonsarchäologe Hansjörg Brem sagt, habe Enggist «einen schönen Grabstein auf dem Friedhof Kurzdorf bekommen». Ein Augenschein in Frauenfeld bestätigt dies. Die Bewerbungsfrist für den Forschungspreis Walter Enggist läuft bis zum 10. April.

Hinweis www.forschungspreis.ch