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Bischof Gmür zur Konferenz über die Missbrauchsfälle: «Wir machen das nicht für unser Image»

Bischof Felix Gmür reist mit deutlichen Forderungen der Thurgauer Landeskirche an die Bischofskonferenz in Rom. Er spricht über die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche und davon, mögliche Opfer vor Missbräuchen zu schützen.
Silvan Meile
Bischof Felix Gmür spricht am Sitz des Bistums Basel in Solothurn. (Bild: Reto Martin)

Bischof Felix Gmür spricht am Sitz des Bistums Basel in Solothurn. (Bild: Reto Martin)

Die Synode der katholischen Kirche des Kantons Thurgau richtet sich mit einer Resolution «Für eine glaubwürdigere Kirche» an den Bischof des Bistums Basel, der aktuell die Schweizer Bischöfe präsidiert. An der weltweiten Bischofskonferenz vom 21. bis 24. Februar zum Thema Missbrauchsfälle soll er die Haltung der Thurgauer in Rom einbringen. In ihrem Schreiben manifestieren diese unter anderem die Haltung, das Pflichtzölibat soll aufgehoben, geistliche Ämter für Frauen sollen eingeführt und die Haltung zur Homosexualität soll überdacht werden.

Kennen Sie die Resolution der Thurgauer Synode?

Felix Gmür: Ich habe dieses Schreiben entgegengenommen. Dazu kam es, weil die Verfasser eine Unruhe und ein Unwohlsein wahrnehmen aufgrund verschiedener Berichte von Übergriffsfällen. Die Synodalen, die ja für die Kirche tätig sind, drücken darin ihre Sorgen aus. Und sie äussern den Wunsch, dass die Kirche auf allen Ebenen – auch der Bischof – alles unternimmt, damit sie glaubwürdiger wird. So wurde ein allgemeiner Wunsch mit den verschiedenen Anliegen in diesen Text gepackt.

Können Sie diese Anliegen nachvollziehen?

Ich kann diese Anliegen nachvollziehen. Die meisten – oder gar alle – kenne ich schon. Sie sind jetzt zusammengefasst auf einem Papier. Nicht jedes Anliegen hat einen direkten Zusammenhang mit Übergriffsfällen oder mit der Sorge, dass diese nicht aufgearbeitet werden. Vieles kommt daraus, wie die Kirche wahrgenommen wird, auch von Katholiken und Katholikinnen.

Aus diesen Wahrnehmungen ist die Forderung nach einem radikalen Kurswechsel formuliert worden.

Was heisst Kurswechsel? Kurswechsel würde bedeuten, dass die Kirche in erster Linie eine Organisation ist, deren Hauptzweck ihre Organisationsstrukturen und Organisationsformen sind. Wenn man das ändern würde, wäre das ein Kurswechsel. Das Wichtigste der Kirche ist aber die Botschaft des Kreuzes und die Auferstehung von Jesus. Das ist das Zentrum der Kirche. Dieser Kurs wird nicht gewechselt. Man könnte jedoch sagen: Schauen wir, dass wir wieder besser und glaubwürdiger auf diesen Kurs von Jesus kommen.

Welche der Forderungen aus dem Thurgau können Sie denn an der Bischofskonferenz in Rom einbringen, damit die katholische Kirche wieder besser und glaubwürdiger auf den Kurs von Jesus kommt?

Es wäre unverantwortlich, etwas zu versprechen, wovon man nicht weiss, ob man es halten kann. Was ich genau einbringen kann, weiss ich jetzt nicht, da noch nicht bekannt ist, wie die Konferenz ablaufen wird. Ich weiss, dass der Papst möchte, dass man über das Thema Missbräuche diskutiert. Das dürfte in Gruppen von 10 bis 20 Personen geschehen. Man kann ja nicht mit allen der wohl etwa 200 Teilnehmer gleichzeitig diskutieren. Dabei werde ich zumindest einzelne Themen dieser Resolution eingeben. Das Thema der Konferenz heisst aber nicht, «wie können wir die Glaubwürdigkeit der Kirche zurückgewinnen». Das Thema lautet: Opferschutz.

Da besteht doch aber ein Zusammenhang.

Ja, aber ich finde es sehr wichtig und eine gute Entwicklung, dass im Zentrum das Opfer oder das mutmassliche Opfer stehen muss. Wir machen das, um dem Opfer gerecht zu werden, mit den Möglichkeiten, die wir haben. Und diese sind von Land zu Land verschieden.

Bischof Felix Gmür spricht am Sitz des Bistums Basel in Solothurn. Bild: Reto Martin.

Bischof Felix Gmür spricht am Sitz des Bistums Basel in Solothurn. Bild: Reto Martin.

Will die Kirche damit wieder glaubwürdig werden?

Das schon. Aber die Kirche macht das jetzt trotzdem nicht als Glaubwürdigkeitskampagne. Sondern: Wir haben den Blick auf den Mitmenschen. Und dieser darf nicht durch Mitarbeiter der Kirche zum Opfer werden. Das ist ein Perspektivenwechsel. Wir wollen zuerst auf den Mitmenschen schauen, nicht auf uns. Für mich kommen wir so auf den Kurs von Jesus zurück, der auch zuerst auf das Wohl der Mitmenschen achtete. Der Kirche wurde ja immer vorgeworfen, dass sie im schönen Licht dastehen will. Sie regelte es «en famille» – wie es in Institutionen so ist – um gegen aussen gut dazustehen. Das soll sich ändern. Und in diesem Bereich können wir aus Europa gegenüber anderen Teilen der Erde unsere Erfahrungen teilen.

In diese Resolution aus dem Thurgau sind die Sorgen eingeflossen, die vor Ort bestehen. Oft werden sie auch als Argumente für Kirchenaustritte angegeben. Verstehen Sie diese Sorgen?


Das Wichtigste ist, dass ich das als offizielle Stelle wahrnehme. Und ich bin mit ihnen in ihrer Sorge. Sie sehen es nicht nur als Forderung, sondern es ist auch ein Zeichen dafür, dass sie mich unterstützen. Es ist ein Geben und ein Nehmen. Ich sehe mich auch nicht als jemanden, der einfach befiehlt. Die Kirche ist primär für die Menschen da, für das Subjekt.

Muss die Kirche nicht auch schauen, dass das Subjekt nicht abwandert?

Das Subjekt darf abwandern, weil es frei ist. Jede und jeder ist ein freier Mensch.

Die Resolution zeichnet das Bild einer Kirche, die in der Krise ist. Welches ist Ihrer Meinung nach der erste Schritt auf dem Weg aus dieser Krise?

Dass sich die Bischofskonferenz bewusst wird, für wen die Kirche da ist, nämlich für die Menschen. Und die zweite Frage muss lauten: Was für Seelsorger und Seelsorgerinnen brauchen diese Menschen?

Dass die Kirchgemeinden vor Ort Massnahmen für mehr Glaubwürdigkeit fordern, können Sie aber schon auch verstehen?

Da stellt sich die Frage, was ist das Huhn und was das Ei? Wir möchten den Mitmenschen gerecht werden. Das ist unser Auftrag. Dieser heisst: Jesus ist gestorben und auferstanden zum Heil der Menschen.

Der letzte Kanon im Kirchenrecht heisst, alles das sei zum Heil der Seelen, also für den Mitmenschen, und nicht für unser gutes Image.

Die Glaubwürdigkeit ist umso wahrnehmbarer, je mehr man sich um den Mitmenschen kümmert.

Müssen Sie die Urheber dieser Forderungen etwas auf den Boden der Realität zurückholen?

Die sind schon auf dem Boden der Realität. Sie drücken aus, was vor Ort bedrückt. Das sind Anliegen. Eines davon ist: Die Kirche muss ihre Sexualitätsmoral überdenken, weil diese vielleicht einer der Gründe ist, weshalb es zu gewissen Übergriffen kommt. Beispielsweise im Sinne von Amtsmissbrauch. Oder die Machtausübung. Aber diese ist in jedem Land etwas anders.

Gleich ist zumindest, dass die Macht in jedem Land von Männern ausgeübt wird.

Innerkirchlich sind natürlich die Männer an der Macht, das stimmt.

Auch das erachtet die Resolution aus dem Thurgau als eine Ursache des Problems. Wie sehen Sie das?

Unabhängig von der Frage um die Übergriffe ist es gut, dass wir das behandeln. Man darf aber nicht meinen, durch Erfüllen dieser Forderung sei alles gut. Wir sehen ja, dass es bei vielen anderen Institutionen leider auch zu Missbräuchen kommt, obwohl dort die Forderungen dieser Resolution alle erfüllt sind.

Welche Antwort geben Sie den Verfassern dieser Resolution?

Ich habe sie getroffen. Wir haben die Punkte diskutiert. Versprechen kann ich nichts. Die Forderungen bestehen nicht darin, dass man sagt, jetzt muss man das erfüllen und dann ist alles gut. Sondern sie besteht in der Frage: Was ist die Herausforderung? Zum Beispiel wird gefordert, man soll über das Zölibat diskutieren. Oder über die Stellung der Frau in der Kirche soll nachgedacht werden. Wir müssen uns also fragen, was wir verbessern wollen. Aber wir dürfen nicht meinen, ohne Zölibat gäbe es keine Übergriffe mehr.

Gäbe es nicht weniger?

Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Das ist ein Blick in die Glaskugel. Wichtig ist: Wenn es einen Übergriff gibt, muss bekannt sein, wie man vorgehen muss. Und die Prävention muss noch besser funktionieren. Im Bistum Basel haben wir unsere Standards. Ein Resultat der Konferenz in Rom könnte sein, dass wir in unserem Kulturkreis, etwa auch in Deutschland, Österreich und Frankreich, die gleichen Standards haben, damit wir ein einheitliches Vorgehen haben, Missbräuchen zu begegnen und sie zu verhindern.

Ein Standard könnte sein, dass jeder vor der Priesterweihe einen Strafregisterauszug vorlegen muss?

Diesen Standard haben wir im Bistum Basel. Wir müssen aber noch präzisieren: Für wen gilt das? In welchem zeitlichen Abstand? Wer bekommt diesen Strafregisterauszug? Und was passiert dann damit?

Im Fall von Riehen vertrauten Sie darauf, dass der Betroffene im Rahmen der Pfarrwahl von sich aus Inhalte eines Strafbefehls aus dem Thurgau kommuniziert. Das hat er aber nicht getan.

Im Sommer diskutieren wir diese Frage mit den zehn Landeskirchen des Bistums. Der Betroffene hatte tatsächlich diese Auflage und erfüllte sie nicht. Deshalb kann er nun nicht Pfarrer werden.

Bischof Felix Gmür spricht am Sitz des Bistums Basel in Solothurn. Bild: Reto Martin

Bischof Felix Gmür spricht am Sitz des Bistums Basel in Solothurn. Bild: Reto Martin

Würden Sie dieses Vertrauen wieder aussprechen?

Das müssen wir eben diskutieren. Es könnte sein, dass wir sagen: Im Strafregister steht etwas, das muss der Behörde vor Ort vorgelegt werden. Ob das rechtlich durchführbar ist, wie gross der Aufwand ist und so weiter, müssen wir abklären. Die Abläufe müssen klarer werden und für alle zehn Landeskirchen im Bistum anwendbar sein. Der Bischof ist übrigens nicht ein CEO, der einfach befehlen kann. Es braucht Abmachungen mit den jeweiligen kantonalkirchlichen Institutionen. Es ist gut, dass in dieser Frage alle involviert sind, die es betrifft.

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