Ein Thurgauer mit der Welt im Fokus: Bilder des prallen Lebens

Barnabás Bosshart zog Ende der 1960er Jahre los und wurde ein angesehener Fotograf. Den besonderen Moment für seine Bilder entdeckte er im Gewirbel einer Sambaschule in Rio ebenso wie beim Löscheinsatz der Dorffeuerwehr von Münchwilen. Ein Nachruf.

Markus Landert
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Barnabás Bosshart, 21.5.1947 – 12.6.2020.

Barnabás Bosshart, 21.5.1947 – 12.6.2020.

Bild: Kathrin Zellweger, 2003, Brasilien

Wer nach Bildern aus dem Thurgau sucht, stösst über kurz oder lang auf die Fotografien von Barnabás Bosshart. 1998 erschien im Huber Verlag sein Buch «Nord-Nord-Ost», in dem er die Resultate einer zweijährigen Fotorecherche vorlegte. Seine Bestandsaufnahme irritiert bis heute: Er zeigte ganz andere Facetten des Thurgaus als gewohnt. Zwar ist auch bei Bosshart die landwirtschaftliche Produktion noch ein Thema. Aber der Störmetzger, den etwa noch Simone Kappeler liebevoll por­trätiert hatte, ist bei ihm der ano­nymen Ausländerin gewichen, die in der automatisierten Geflügelmetzgerei täglich Hunderte von Truten schlachtet.

Bossharts Thurgau ist eine Region, in der Traditionelles und Ungewohntes eine komplexe und nicht immer einfache Beziehung leben. Kleinbauer und Nahrungsmittelindustrie, Jodlerfest und Miss-Thurgau-Wahl, Kinderzirkus und Bordell, Hochleistungsmedizin und Wettpflügen treffen hier auf engstem Raum zusammen.

In London die Prominenz abgebildet

Bosshart, am 21. Mai 1947 geboren, wuchs in Eschlikon als Sohn eines Kunstmalers auf. Nach einer Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Zürich zog er als Zwanzigjähriger nach London und eröffnete ein eigenes Fotostudio. London, das war eine ganz andere Welt als der Thurgau, das war Grossstadt, Flower-Power, Beatles, Jimmy Hendrix, Rolling Stones. Bosshart gehörte dazu, fotografierte für renommierte Zeitschriften wie «Vogue», «Harper’s Bazaar» und andere angesehene Zeitungen und Zeitschriften.

Er porträtierte prominente Persönlichkeiten wie die französische Schriftstellerin Anaïs Nin, die Filmstars James Stewart und Helmut Berger, aber auch bekannte Schweizer wie Max Frisch, Jean Ziegler, Mario Botta oder den Thurgauer Künstler Willi Hartung.

Das Geschäft mit der Mode und den Berühmtheiten war aufreibend. Rückblickend meinte Bosshart:

«Modefotografie besteht aus einer ständigen Wiederholung des immer Gleichen. Experimente sind nicht mehr möglich. Gleichzeitig ist der Druck gross. Termine drängen. Immer neue Variationen des Bekannten werden verlangt.»

1973 entzog er sich diesen Zwängen und brach zu einer mehrmonatigen Reise nach Südamerika auf. Weitere Reisen folgten: Afghanistan, Pakistan China, Argentinien oder Brasilien, auf der Suche nach anderen Räumen, anderen Kulturen, anderen Lebensformen. Von Beginn weg war die Kleinbildkamera mit im Rucksack.

Ab 1981 wurde die brasilianische Kleinstadt Alcântara zu seinem Lebensmittelpunkt. Hier realisierte Bosshart zum ersten Mal eines jener Langzeitprojekte, bei denen er die Eigenheiten eines Ortes in den Gesichtern und den Lebensbedingungen seiner Bewohner zu spiegeln versuchte. Ähnliche Projekte verwirklichte Bosshart in Rio de Janeiro und nach 1999 auch im brasilianischen Maranhão, wo er über Jahre das Leben eines indigenen Stammes begleitete.

Gute Fotografie entsteht im Moment

Bosshart bevorzugte die Schwarz-Weiss-Fotografie. Sie ermöglichte ihm, die ganze Bildproduktion zu kontrollieren. Denn für ihn war klar: Eine gute Fotografie entstand nicht durch die Festlegung eines Ausschnitts oder durch andere Manipulationen des Bildes. Eine gute Fotografie entstand im Moment, in dem er den Auslöser drückte, um eine ganz bestimmte Situation bei ganz bestimmtem Licht festzuhalten.

Solche besonderen Momente fand Bosshart bei hüpfenden Kindern einer Tanzgruppe in Brasilien ebenso wie im fliegenden Turmspringer im Schwimmbad Arbon. Er entdeckt sie im Gewirbel einer Sambaschule in Rio ebenso wie beim Löscheinsatz der Dorffeuerwehr von Münchwilen, wo sich die schwarzen Silhouetten der Feuerwehrleute zu einem Ballett im schummerigen Zwielicht des rauchgeschwängerten Morgens zusammenfanden.

In seinen Fotos geht es immer um Liebe und Tod, Geburt und Schmerz oder auch Ekstase und Erschöpfung. Es ging Bosshart letztlich immer nur um das pralle Leben, das er selbst im Thurgau reichlich fand, vielleicht in einer etwas anderen Schattierung als in Brasilien, aber in einer durchaus vergleichbaren Intensität. Zum prallen Leben gehört auch der Tod. Dessen war sich Bosshart bewusst. Er hatte deshalb sein Archiv schon vor Jahren der Fotostiftung Schweiz anvertraut. Am 12. Juni ist er in Winterthur gestorben.

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