Bichelsee/Dussnang
«Das Einzelkämpfertum ist auf Dauer nichts für mich»: Pfarrerin Isabel Stuhlmann spricht über ihren Rücktritt

Nach zweieinhalb Jahren als Pfarrerin der Evangelischen Kirchgemeinden Dussnang und Bichelsee-Balterswil tritt Isabel Stuhlmann bereits wieder zurück. Als gescheitert erachtet sie sich aber nicht.

Christof Lampart
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Pfarrerin Isabel Stuhlmann bei ihrer Einsetzung in der evangelischen Kirche Dussnang.

Pfarrerin Isabel Stuhlmann bei ihrer Einsetzung in der evangelischen Kirche Dussnang.

Bild: Christoph Heer
(16. September 2018)

Es ist eisig kalt an diesem Februarmorgen; das Thermometer pendelt sich im zweistelligen Minusbereich ein. In der evangelischen Kirche in Bichelsee ist es gefühlt nicht viel wärmer. Doch Isabel Stuhlmann grüsst herzlich und strahlt einen an – zumindest lassen dies die funkelnden Augen vermuten, den Rest des Gesichts verdeckt die Schutzmaske.

Dabei hätte sie an diesem Vormittag nicht nur gerne den Journalisten, sondern auch ein paar Gemeindemitglieder hier begrüsst. «Ich biete heute erstmals Pfarrsprechstunden in der Kirche an; eine am Vor-, eine am Nachmittag. Die Menschen dürfen hier ihre Sorgen und Gedanken im Gespräch mit mir teilen und dabei ein wenig Ballast abladen», umreisst die 54-Jährige die Idee hinter dem Angebot.

Dass während des Interviews niemand vorbeischaut, empfindet die Pfarrerin als «schade», doch überrascht ist sie nicht. «Zum einen ist es heute wirklich sehr kalt, und zum anderen hat es sich in meiner bisherigen Zeit hier gezeigt, dass sogenannte offene kirchliche Angebote wenig genutzt wurden. Aber es ist nun einmal so, wie es ist – vielleicht kommt ja doch noch jemand.» Isabel Stuhlmann sagt dies sachlich, klingt keineswegs vorwurfsvoll.

Sie erhoffte sich mehr von ihrem Engagement

Gleichwohl verhehlt sie nicht, dass sie sich von ihrem Engagement mehr erhofft hatte. Zwar sei der Start im September 2018 vielversprechend und die Begegnung mit vielen Gläubigen herzlich und tief gewesen, doch sie konnte den belebenden Anfangsschwung nicht ausnutzen. «Weil ich feststellen musste, dass das von mir verfolgte Prinzip einer Kirche von unten, also einer Gemeinschaft von Christen, die vieles von sich aus heraus anregt und entwickelt, hier einfach keine Tradition hat», sagt die in Elgg Aufgewachsene.

Isabel Stuhlmann

Isabel Stuhlmann

Bild: Christof Lampart

Und als sich das «Pflänzchen» nach einigen Anstrengungen dennoch gerade anschickte, zarte Wurzeln im Hinterthurgau zu entwickeln, legte sich die über die ganze Welt urplötzlich hereinbrechende Coronavirus-Pandemie wie Mehltau über alle kirchlichen Bereiche und entfaltete eine lähmende Kraft. Isabel Stuhlmann weiss rückblickend:

«Die lange Dauer der Pandemie hat vielen Projekten und mir den Schwung genommen.»

Erschwerend kam hinzu, dass sie schon bald merkte, «dass das Einzelkämpfertum in den beiden spannenden Kirchgemeinden auf die Dauer für mich nichts ist». Zwar sei hier die Ökumene sehr gut gelebt worden, und auch der Austausch in der reformierten Allianz sei wertvoll und inspirierend gewesen, doch habe dies nicht den Dialog im eigenen Pfarrteam ersetzen können. «Der kollegiale Austausch hat mir schon sehr gefehlt, sodass der Entschluss in mir reifte, hier aufzuhören», erklärt Stuhlmann.

Sieht sich nicht als gescheitert

Obwohl der Rücktrittsentscheid endgültig ist, erachtet sich Isabel Stuhlmann nicht als gescheitert. «Ich war einfach nicht die Person, die den Wandel von einer pfarrerzentrierten Kirche weg und hin zu einer gemeinschaftsbasierten Kirche vollziehen konnte», ist sie überzeugt. «Ich spürte je länger, je stärker, dass die Zeit dafür hier noch nicht reif ist. Vielleicht braucht es noch mehrere Anläufe, bis es zum Wandel kommen kann. Wer weiss das schon?»

Dass sie mit ihrem Abschied auf Ende Juni 2021 hin einigen Leuten «etwas zumutet», weiss sie, doch empfiehlt sie den Dussnangern und Bichelseern optimistisch vorwärts zu blicken: «Ich bin sicher, dass sie hier wieder eine gute Pfarrerin, einen guten Pfarrer finden werden. Denn die beiden Kirchgemeinden bieten vieles: nette Menschen, schöne Kirchen, vielfältige Aufgaben und – wenn sie denn wieder einmal erlaubt sein sollten – sensationelle Apéros.»