Prozess
Ex-Freundin bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt: Mann muss sich wegen versuchter Tötung vor dem Bezirksgericht Münchwilen verantworten

Eine mehrjährige Beziehung endet dramatisch: Weil sich ein Mann weigert, nach der Trennung auszuziehen, kommt es zu einem Streit, der für die Frau beinahe tödlich endet. Vor dem Bezirksgericht Münchwilen erscheint der Angeklagte nicht.

Olaf Kühne
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Der Eingang zum Gerichtssaal des Bezirksgerichts Münchwilen.

Der Eingang zum Gerichtssaal des Bezirksgerichts Münchwilen.

Bild: Nana Do Carmo

Einige Jahre hatte ihre Beziehung gedauert, bevor sie erst für die Frau im Spital und für den Mann in Untersuchungshaft und schliesslich für beide vor dem Bezirksgericht Münchwilen endete.

Er war wegen versuchter vorsätzlicher Tötung sowie Nötigung angeklagt, sie forderte als Opfer und Privatklägerin eine Genugtuung von 40'000 Franken. Indes fand der Prozess ohne den Angeklagten statt. Er hatte sich gleich nach seiner Entlassung aus der 36-tägigen Untersuchungshaft zurück nach Deutschland abgesetzt, von wo er drei Jahre zuvor zu der Frau gezogen war. In der Traktandenliste des Gerichtes stand denn auch «derzeit unbekannten Aufenthalts».

Lange geweigert, aus der Wohnung auszuziehen

Umziehen, wohin auch immer, hätte der Mann sowieso gemusst. Denn die Frau hatte die Beziehung längst beendet und ihn wiederholt aufgefordert, die gemeinsame Wohnung, für welche sie alleine die Miete bezahlte, zu verlassen. Er habe sich lange geweigert, wie sie vor Gericht zu Protokoll gab. Eines Tages habe er dann doch eingewilligt und ihr versprochen, wenn sie aus ihrem Kurzurlaub zurück sei, sei er ausgezogen.

Doch er sollte nicht Wort halten. Als sie spätabends aus diesem Kurzurlaub heimkehrte, war der Mann immer noch in der Wohnung, hatte nicht gepackt und machte keinerlei Anstalten, sein Versprechen zu halten. Es kam zu einem heftigen Streit, in deren Verlauf auch sie ihn beschimpfte. Als «Missgeburt» habe sie ihn bezeichnet, was bei ihm sämtliche Sicherungen durchbrennen liess.

Bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt

Er begann, sie zu würgen. Sie wehrte sich nach Kräften, schrie laut um Hilfe. Irgendwann klingelte es an der Wohnungstür, offenbar hatten Nachbarn die Hilfeschreie gehört. Der Mann bedrohte sein Opfer: Wenn sie weiter schreie, bringe er sie um. Und er würgte weiter – trotz heftiger Gegenwehr bis zu ihrer Bewusstlosigkeit.

Darauf habe er sie, laut seinem Verteidiger, erst beatmet und dann sogar eine Herzmassage versucht. An Letztere könne sie sich erinnern, sagte die Frau vor Gericht, von einer Beatmung wisse sie hingegen nichts.

Diese «Belebungsversuche» führte der Verteidiger als Beweis dafür ins Feld, dass es sich bei der Tat eben nicht um versuchte Tötung handle, sondern bestenfalls um schwere Körperverletzung. Denn das gerichtsmedizinische Gutachten konnte auch der Täteranwalt nicht wegdiskutieren: Die Frau war nach der Tat übersät mit Einblutungen an Hals, Nacken, Rachen, Gesicht und Augen. Einblutungen, die auch sechs Wochen nach der Tat noch sichtbar waren.

Laut dem Gutachten habe die Frau in akuter Lebensgefahr geschwebt, irreparable Hirnschäden oder gar der Tod hätten jederzeit eintreten können, führte der Staatsanwalt aus und er konterte den Abwiegelungsversuch des Verteidigers:

«Ein Brandstifter bleibt ein Brandstifter, auch wenn er selber versucht, das Feuer zu löschen.»

Ihrem Peiniger entkam die Frau schliesslich, als es erneut an der Tür klingelte. Der Mann hatte seinem Opfer inzwischen Handschellen angelegt und es angewiesen, still zu sein, während er zu Wohnungstür gehe. Sie sei ihm dann erst nachgeschlichen, berichtete die Frau. Woher die Handschellen kamen, konnte sie nicht sagen, sie habe diese vorher noch nie gesehen. Jedenfalls habe sie dann realisiert, dass die Polizei vor der Türe steht. Da sei sie nur noch hingerannt. Ihr Martyrium war beendet.

Der Staatsanwalt forderte vier Jahre und drei Monate Gefängnis sowie einen zwölfjährigen Landesverweis. Die Opferanwältin sagte bezüglich des Verschwindens des Angeklagten:

«Es ist für meine Mandatin frustrierend, dass der Täter letztlich wohl ungestraft bleiben wird.»

Der Verteidiger wiederum hielt 36 Monate Gefängnis für angemessen, wovon lediglich 12 Monate unbedingt. Die geforderte Genugtuung bezeichnete er als zu hoch angesetzt. Seinerseits wollte er jedoch keine adäquate Summe nennen, das Gericht solle das entscheiden.

Tatsächlich aber endete der Gerichtstag ohne einen solchen Entscheid: Das Bezirksgericht Münchwilen wird sein Urteil den Parteien zu einem späteren Zeitpunkt schriftlich mitteilen.

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