«Er ist mir in die Gabel gelaufen»: Streit beim Grillieren im Thurgau eskaliert

Ein Polizist stand wegen versuchter schwerer Körperverletzung mit einem Grillwerkzeug vor Gericht. Angezeigt hatte ihn sein Nachbar nach einer Zankerei im Garten. Verurteilt wurden schliesslich beide.

Annina Flaig
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Beim Gillieren kam es zum Zwischenfall. (Bild: Andrea Stalder)

Beim Gillieren kam es zum Zwischenfall. (Bild: Andrea Stalder)

Tatort ist der Garten eines Polizisten an einem Frühlingsabend. Er ist nicht im Dienst, sondern geniesst seinen Feierabend und frönt seinem Hobby: Auf dem Grill vor ihm brutzeln Pouletschenkel. Doch der Ordnungshüter und seine Frau ärgern sich seit geraumer Zeit über das Kindergeschrei aus dem Nachbargarten, wie er später vor dem Bezirksgericht Arbon aussagen wird. «Das Gekreische war so schlimm, dass wir uns kaum mehr unterhalten konnten.»

Plötzlich kommt ein Spielball über die Hecke geflogen. Er wirft ihn weg. Auch den Nachbarn und den kleinen Buben, die den Ball wenig später bei ihm zurückholen wollen, schickt er dorthin, wo er den Ball hingeworfen hat. «So ein Kindergartenzeug», ärgert sich der Nachbar. «So ein Arschloch», murmelt der Polizist. Mehr zu sich selbst als zu seinem Nachbarn, wie er vor Gericht betont.

Der Nachbar aber hört es. Ihm platzt der Kragen. Er marschiert in den Garten des Polizisten und rempelt diesen an. «Arschloch musst du mir nicht sagen», faucht er. Beim Gezanke hält der Polizist noch die Grillzange in der Hand.

«Eine Stichbewegung wäre tödlich gewesen»

Zwei Millimeter gross sind die Stichverletzungen, welche der Nachbar protokollieren lässt. Der Polizist habe eine Stichbewegung gemacht. Er erzählt dem Richter:

«Ich habe den Stich deutlich gespürt.»

Versuchte schwere Körperverletzung und Beschimpfung, lautet die Anklage.

«Er ist mir direkt in die Gabel gelaufen», wehrt sich der Polizist.

Das beschlagnahmte Werkzeug ist 27 Zentimeter lang. Der erfahrene Polizist sagt: «Meine Grillgabel geht durch Fleisch wie Butter. Eine Stichbewegung meinerseits wäre tödlich gewesen.»

Wegen dieses Vorfalls habe er seit über zwei Jahren ein Disziplinarverfahren am Hals. Im Falle einer Verurteilung würde er seinen Job verlieren, führt seine Anwältin aus.

Der Polizist hat im Gegenzug seinen 44-jährigen Nachbarn wegen Beschimpfung, Drohung und Hausfriedensbruch angezeigt. «Tubel, Arschloch, Wichser, fick dich ins Knie», das sind die Nettigkeiten, die an jenem Abend offenbar ausgetauscht worden waren. Die Verhandlung beschäftigt nebst dem vorsitzenden Richter vier Mitglieder des Gerichts, eine Staatsanwältin und zwei Anwälte einen ganzen Tag. Auf die Frage, was die Lehren aus der Sache seien, zeigte sich der Nachbar einsichtig und antwortet: «Ich werde in Zukunft keine Konfrontation mehr suchen, selbst wenn jemand Arschloch zu mir sagt.»

Gericht verurteilt beide wegen Beschimpfung

«Man kann sagen, der Berg hat eine Maus geboren», sagt der Richter am Schluss der Verhandlung trocken. Das Gericht habe keine Anhaltspunkte, dass es ein Stechen war. Deshalb werde der Polizist freigesprochen. Auch der Nachbar wird vom Vorwurf der Drohung und des Hausfriedensbruchs freigesprochen.

Hingegen entscheidet das Gericht, dass beide der Beschimpfung schuldig sind. Den Polizisten bestraft es mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 160 Franken sowie einer Busse von 900 Franken. Ausserdem bezahlt er Untersuchungskosten in der Höhe von 1419 Franken. Wegen Einsicht ein milderes Urteil erhält der Nachbar. Er wird zu 20 Tagessätzen zu je 160 Franken und einer Busse von 600 Franken verurteilt. Ausserdem bezahlt er 702 Franken Untersuchungskosten.

Seine mahnenden Schlussworte richtet der Richter an beide:

«Wegen eines Spielballs haben Sie ein mehr als zweijähriges Verfahren mit riesigen Abklärungen ausgelöst, das den Staat einen Haufen Geld gekostet hat.»

Er legt ihnen ans Herz, sich beim nächsten Mal aussergerichtlich auf gemeinsame Regeln zu einigen.