Der geläuterte Einbrecher: Das Bezirksgericht Frauenfeld hat ihn verurteilt – doch ins Gefängnis muss er nicht

Das Bezirksgericht Frauenfeld verurteilt einen Schweizer wegen
20 Einbrüchen zu 34 Monaten teilbedingte Haft. Da der Mann bereits 311 Tage in Untersuchungshaft sass, ist er ein freier Mann.

Christof Lampart
Drucken
Teilen
Eingang zum Bezirksgericht Frauenfeld.

Eingang zum Bezirksgericht Frauenfeld.

Archivbild: Reto Martin

Der Beschuldigte hatte sich vor dem Bezirksgericht Frauenfeld wegen gewerbsmässigen Diebstahls, sowie jeweils mehrfachen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung zu verantworten. Er war von Januar bis Februar 2018 mit dem Velo in der Region Frauenfeld/Winterthur unterwegs und hebelte mit einem Geissfuss vor allem Münzautomaten von Autowaschanlagen auf und drang in Coiffeursalons ein. Dabei ging er stets so vor, dass er niemanden antraf und ausser dem unbedingt «notwendigen» Schaden keinen weiteren anrichtete, weshalb das Gericht sein deliktisches Tun als «mittleres Verschulden» bewertete.

Münzsortierautomaten verraten Höhe der Beute

Insgesamt «verdiente» der Mann so in zwei Monaten über 20'000 Franken. Die Summe war nachvollziehbar, denn der Mann zahlte die erbeuteten Münzen an Bankfilialen mit Münzsortierautomaten ein. Insgesamt legte ihm die Staatsanwaltschaft 32 Vergehen zur Last. Bei einem Drittel der Einbrüche bestritt er, der Täter gewesen zu sein. Am Ende erkannte das Gericht, dass bei fünf Anklagepunkten nicht genügend Beweise vorlägen – und strich sie.

Er änderte sein Leben radikal

Dass der Mann am Ende ziemlich glimpflich davonkam, ist mit einem erstaunlichen Lebenswandel zu begründen. Als er durch einen Fehler der Staatsanwaltschaft anfangs 2019 nach 311 Tagen Untersuchungshaft freikam, beschloss der Dieb sein Leben radikal zu ändern. Er meldete sich in Zürich beim «Team 72» an – einem Verein, welcher Personen mit entsprechender Motivation nach ihrem Austritt aus dem Strafvollzug professionelle und umfassende Hilfe anbietet. Dies mit dem Ziel, eine Verbesserung der Lebenssituation der Ex-Häftlinge sowie ihre gesellschaftliche Reintegration zu erreichen.

Der Beschuldigte wohnt seitdem im «Team 72»-Wohnheim, fand eine temporäre Arbeit als Lagerist und erledigte seine Arbeit so gut, dass die befristete Anstellung bereits einmal verlängert wurde, er ein sehr positives Zwischenzeugnis erhielt und er aktuell eine Festanstellung bei zwei Firmen – eine davon ist sein jetziger Arbeitgeber – in Aussicht hat. Vor Gericht erklärte er mit ruhiger Stimme:

«Ich bin nun auf einem Weg, den ich nicht mehr verlassen möchte. Ich habe keine Angst vor dem Gefängnis, aber ich möchte alles tun, damit ich meine Freiheit nie mehr verliere.»

Rückfällig werde er nicht mehr, denn «ich kann ja jetzt schaffen und so ist ja dann auch alles gut». Auch seine Verteidigerin erachtete das Rückfallrisiko als sehr gering: «Der Beschuldigte hat vielleicht ein bisschen länger gebraucht, um die Kurve zu kriegen, aber besser spät als gar nicht.» Das Gericht glaubte dem Mann. Doch der Richter betonte ausdrücklich, dass dies die allerletzte Chance für den Mann sei.

«Wir sind sieben Leute hier vorne, und aufgrund ihres Vorlebens müssen wir hier mindestens 13 Augen zudrücken.»

Der Wandel in den letzten elf Monaten sei jedoch so erstaunlich, dass man ihm nicht diese Chance verbauen wolle. Das Gericht habe auch mit dem Gedanken gespielt, ihn einen Teil der Strafe in Halbgefangenschaft verbüssen zu lassen, sagte der Richter, doch sei ein solches Vorgehen der weiteren Resozialisierung nicht zuträglich, weshalb man davon absehe.

Dadurch, dass der Mann bereits 311 Tage in Untersuchungshaft sass, sind die zehn Monate unbedingt bereits abgegolten und er ist ein freier Mann. Allerdings bekam er wegen seines Vorstrafenregisters eine fünfjährige Probezeit aufgebrummt. Zudem muss er, wenn er wieder dazu in der Lage sein sollte, jeweils 85 Prozent der Gerichts- und Untersuchungskosten (29'000 Franken) und des Honorars seiner Verteidigerin (19'200 Franken) bezahlen. Die Anklage hatte 48 Monate abzüglich der Untersuchungshaft gefordert.