Bezirksgericht
«Es tut mit leid, dass Sie betrogen wurden. Aber das ist nicht meine Schuld»: Münchwiler Wohnmobil-Händler stand wegen Betrugs vor Gericht

Drei Jahre lang betrieb ein Wohnmobilhändler in Münchwilen lusche Geschäfte. Vom Vorwurf des Betruges sprach das Bezirksgericht Münchwilen den 44-Jährigen aber frei. Eine bedingte Gefängnisstrafe kassierte der Mann dennoch.

Olaf Kühne
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Der Eingang zum Gerichtssaal des Bezirksgerichts Münchwilen.

Der Eingang zum Gerichtssaal des Bezirksgerichts Münchwilen.

(Bild: Nana Do Carmo)

Recht und Gerechtigkeit sind zweierlei Paar Schuhe. Mit dieser teuer erkauften Erkenntnis verliessen vergangene Woche drei Geschädigte das Bezirksgericht Münchwilen. Ihr «Fehler»: Sie hatten einem Münchwiler Wohnmobilhändler vertraut, ihm Beträge zwischen 5000 und 35'000 Franken bezahlt. Zweimal ging es um Occasionsfahrzeuge, welche bereits beim Händler standen und eigentlich nur noch der Motorfahrzeugkontrolle hätten unterzogen werden müssen. Die 35'000 Franken wiederum waren die Anzahlung für ein noch zu bestellendes Neufahrzeug. In allen drei Fällen erhielten die Geschädigten weder ein Wohnmobil noch je ihr Geld zurück.

«Wir hätten Millionäre werden können», sagte der Angeklagte vor Gericht. Der Wohnmobilhandel, den der heute 44-Jährige von 2014 bis 2017 im Hinterthurgauer Bezirkshauptort betrieb, sei gut gelaufen. Er sei ein guter Verkäufer, ein guter Händler. Zuvor sei er ein guter Coiffeurmeister gewesen. Heute aber sei er pleite, geschieden und lebe bei seiner Mutter von den monatlich 1900 Franken, welche ihm nach den Alimentenzahlungen noch blieben.

Angeklagt war der Mann, unter anderem, wegen mehrfachen Betruges und mehrfacher Veruntreuung. Sechs geprellte Kunden führte die Anklageschrift auf. Laut dem Angeklagten könnten es aber auch weit mehr gewesen sein. Nur sei er nicht dafür verantwortlich. Weiter führte er aus:

«Ich bin zwar ein guter Verkäufer, aber ich verstehe überhaupt nichts von Administration oder Buchhaltung.»

Vor sechs Jahren habe ihn ein Freund überredet, in dessen Wohnmobilgeschäft einzusteigen. Wenig später habe ihn dieser gar überzeugt, ein eigenes Geschäft zu gründen. Auch wenn der Name des Freundes im Handelsregister lediglich später als «Zeichnungsberechtigter» auftaucht: Er sei stets sein Geschäftspartner gewesen, die treibende Kraft, habe sich um alles Finanzielle gekümmert, habe auch die Firmengründung aufgegleist. Der Angeklagte habe dann einfach unterschrieben, was der andere ihm jeweils vorgelegt hatte. «Ich habe ihm vertraut», beteuerte er.

In dieser Konstellation will er denn auch erst spät bemerkt haben, welche krummen Geschäfte in seinem Namen liefen. Angeklagt war er im Wesentlichen wegen zweier Maschen: Kunden bestellten ein Wohnmobil, erhielten aber nie ein Fahrzeug und auch ihr Geld nicht zurück.

Oder aber: Kunden überliessen ihr Wohnmobil dem Beschuldigten, damit dieser es in Kommission verkauft. In zwei angeklagten Fällen war dann das Wohnmobil weg, und die Geprellten sahen vom vereinbarten Verkaufspreis bestenfalls einen Teil.

«Natürlich habe ich mitgekriegt, dass Kunden reklamierten, dass es böse Telefonanrufe gab», beantwortete der Beschuldigte die entsprechende Frage des Gerichtsvorsitzenden. Sein Geschäftspartner habe ihn dann jeweils vertröstet, habe ihm gesagt, er kümmere sich um alles und regle das Finanzielle. «Ich habe lange daran geglaubt, dass es schon gut kommt.» Den im Gerichtssaal anwesenden Geschädigten sagte der Angeklagte:

«Es tut mit leid, dass Sie betrogen wurden. Aber das ist nicht meine Schuld, ich bin selber Opfer.»

Diese Sicht teilte das Bezirksgericht Münchwilen zwar nicht. Dennoch sprach es den Beschuldigten vom Vorwurf des mehrfachen Betruges – die nicht gelieferten Wohnmobile – frei. «Ihre moralische Einstellung Ihren Kunden gegenüber kann und muss das Gericht nicht beurteilen», sagte der Gerichtsvorsitzende mit eindringlichem Blick zum Angeklagten. Und den Geschädigten erklärte der Richter, dass für eine Wertung des Vorgefallenen als Betrug im strafrechtlichen Sinn gleich mehrere Punkte nicht erfüllt seien. Weil viele Geschäfte des Mannes eben auch anstandslos über die Bühne gingen, könne das Gericht keine geplante Handlung erkennen, ebenso wenig eine arglistige Täuschung.

In weiteren Punkten kassierte der Beschuldigte dennoch Schuldsprüche: Die nicht ausbezahlten Kommissionsverkäufe wertete das Gericht als Veruntreuung, falsche Angaben gegenüber dem Handelsregisteramt als Erschleichen einer falschen Beurkundung. Die Strafe: neun Monate auf Bewährung. Dazu kommt für drei nicht abgegebene Kontrollschilder eine Geldstrafe von 4200 Franken – ebenfalls bedingt.

«Das Strafgesetzbuch konnte Ihnen nicht helfen», wandte sich schliesslich der Gerichtsvorsitzende fast entschuldigend an die drei Geschädigten. Hingegen ebne ihnen das Obligationenrecht den zivilrechtlichen Weg, um wieder an ihr Geld zu kommen. Angesichts der finanziellen Situation des Angeklagten eine wenig erbauliche Aussicht.