Bezirksgericht
Drei Kilo Kokain von St.Gallen über Münchwilen nach Biel verschoben: Dreieinhalb Jahre Gefängnis

Ein 53-jähriger Deutsch-Nigerianer muss sich vor dem Bezirksgericht Münchwilen wegen Drogenhandels und Geldwäscherei verantworten.

Olaf Kühne
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Der Eingang zum grossen Saal des Bezirksgerichts Münchwilen.

Der Eingang zum grossen Saal des Bezirksgerichts Münchwilen.

Bild: Nana Do Carmo

Ein Rad im Getriebe? Oder doch nur ein Rädchen? Mit dieser Frage musste sich das Bezirksgericht Münchwilen Ende letzter Woche beschäftigen. Angeklagt war ein 53-jähriger Nigerianer, der seit 1998 in der EU lebt, längst den deutschen Pass besitzt und schliesslich Ende 2017 in die Schweiz kam. Um hier zu arbeiten, wie der Mann vor Gericht sagte. Er sei bei drei Temporärbüros angemeldet gewesen, habe geputzt und auf dem Bau gearbeitet.

Gelebt hat er in einem gemieteten Zimmer in Münchwilen. Wo laut der Anklage auch der Tatort liegt. Hatte sich doch der Mann, nach eigenem Bekunden, vor rund drei Jahren in Wil nach einem Gottesdienst von einem ihm unbekannten, ebenfalls Schwarzen anwerben lassen. Fortan war seine Aufgabe, in St. Gallen Kokain zu holen, es zu sich nach Hause zu nehmen und zu warten, bis eine weitere Kurierin die Drogen bei ihm abholte und nach Biel brachte.

Hundert Franken pro Lieferung erhalten

Bis die Sache aufflog, seien so, laut Staatsanwaltschaft, während eines Jahres 14 Lieferungen über Münchwilen abgewickelt worden, rund drei Kilogramm Kokain flossen von St.Gallen über den Hinterthurgau nach Biel. Für seine Kuriertätigkeit soll der Angeklagte gesamthaft 1400 Franken erhalten haben. Weil er dieses Geld bereits ausgegeben hatte und so «dessen Einziehung vereitelte», war er auch wegen Geldwäscherei angeklagt.

Vor Gericht war der Mann mehrheitlich geständig. Er meinte jedoch, dass es nur etwa sechs Lieferungen gewesen seien. Sein Verteidiger betonte, dass durch polizeiliche Observationen gar nur drei Lieferungen erwiesen seien. Allerdings wurde die Kurierin, welche die Drogen jeweils von Münchwilen nach Biel transportierte, im Kanton Bern für zwölf Lieferungen bereits erstinstanzlich verurteilt: zu drei Jahren Gefängnis teilbedingt, sechs Monate muss sie absitzen.

Für das Münchwiler Pendant dieser Kurierin, den angeklagten Deutsch-Nigerianer, forderte die Thurgauer Staatsanwaltschaft hingegen fünf Jahre Gefängnis und einen zwölfjährigen Landesverweis. «Wir haben hier keinen Dutzendfall», führte der Ankläger aus und sagte weiter:

«Alles deutet darauf hin, dass der Beschuldigte vom internationalen Drogenhandel hier installiert wurde.»

«Ein Schwarzer in einer Münchwiler Abbruchliegenschaft soll erheblich in Drogenhandel involviert sein?», konterte der Verteidiger. «Die Staatsanwaltschaft stilisiert einen kleinen Drogenkurier zu einem Drogenboss. Wo ist die Villa in Miami? Wo ist die goldene Rolex?»

Vielmehr funktioniere just so die nigerianische Mafia: Zwischen Drahtzieher und Strassenverkäufer würde eine ganze Reihe nützlicher Idioten geschaltet. «Und genau um einen solchen handelt es sich beim Beschuldigten.» Sein Strafantrag für seinen Klienten, der seit nunmehr 28 Monaten in Untersuchungshaft und vorzeitigem Strafvollzug sitzt, lautete denn auch: zweieinhalb Jahre Gefängnis, wovon die Hälfte teilbedingt, und lediglich fünf Jahre Landesverweis.

Zwölf Jahre Landesverweis

Mit seinem Urteil bewegte sich das Bezirksgericht Münchwilen schliesslich zwischen den Anträgen von Anklage und Verteidigung. Mit zwölf Jahren Landesverweis folgten die Richterinnen und Richter zwar der Staatsanwaltschaft. Indes vermuteten auch sie im Beschuldigten nicht den grossen Drogenbaron und verurteilten ihn zu dreieinhalb Jahren Gefängnis. «Der Angeklagte ist zwar nicht nur auf der Strasse rumgerannt und hat Chügeli verkauft», begründete der Gerichtsvorsitzende das Urteil. «Aber er war offensichtlich lediglich ein Handlanger.»

Vom Vorwurf der Geldwäsche sprach das Gericht den Mann hingegen frei. «Ein Drogendealer verdient Geld mit Delinquenz», lautete hierzu die Begründung des Vorsitzenden. «Klar, gibt er dieses auch wieder aus.» Überhaupt sei das Geldwäschereigesetz nicht dafür gedacht, kleine Kriminelle doppelt zu bestrafen, sondern um die «White Collar» zu belangen, also die Verbrecher mit Anzug und Krawatte im Hintergrund.