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Betroffene von Armut reden in Frauenfeld gegen die Abwärtsspirale

Am ersten Gruppengespräch der Caritas Thurgau in Frauenfeld haben Betroffene tabulos über ihr Leben in Armut gesprochen.
Samuel Koch
Unter der Leitung von Sozialarbeiterin Salome Kern (links) tauschen sich die Teilnehmer im Hinterzimmer der Gassenküche aus. (Bild: Reto Martin)

Unter der Leitung von Sozialarbeiterin Salome Kern (links) tauschen sich die Teilnehmer im Hinterzimmer der Gassenküche aus. (Bild: Reto Martin)

Das berühmte Bild mit der Ketchup-Flasche passt, obwohl vor dem Gruppengespräch in der Gassenküche Frauenfeld Kartoffelstock, Ragout und Sauerkraut auf dem Menüplan standen. Zunächst zurückhaltend hat sich das Gespräch über Armut und Sozialhilfe am Mittwochnachmittag ruckzuck – eben wie bei der Ketchup-Flasche – zu einer offenen Runde mit reger Beteiligung verwandelt.

Armut kommt einem gesellschaftlichen Tabuthema gleich. Umso erstaunlicher, dass die acht Teilnehmer unter der Leitung von Sozialarbeiterin Salome Kern tabulos offen über ihre missliche Lage und die Schwierigkeit sprechen, sich wieder aufzurappeln.

Skandal, beim Essen sparen zu müssen

«Es ist ein Skandal, unschön und einfach nur traurig, dass so viele Menschen in der Schweiz beim Essen sparen müssen», sagt jemand in der Runde, der unter Diabetes und starker Sehschwäche leidet. Als er tief in die Couch versunken erzählt, dass er fast neun Jahre um eine Invalidenrente kämpfen musste, rührt es vis-à-vis jemanden zu Tränen.

«Ich habe das Glück, dass ich wieder hierher kommen durfte, nachdem mein Mann gestorben ist», sagt eine ältere Frau, die in Frauenfeld erfolglos eine günstige Alterswohnung sucht. Ein älterer Herr in Hemd gekleidet und mit Brille, Jahre lang als Berufsschullehrer tätig, ebenso lange arbeitslos und nun Rentner mit Lücken in der Altersvorsorge sagt bestimmt:

«Es ist ein Schock, dass fast zehn Prozent der Schweizer am oder unter dem Existenzminimum leben müssen.»

Viele im Plenum nicken bejahend, jemand ergänzt: «Und dann wird man erst noch als Schmarotzer abgetan.»

Scham, Einsamkeit, Verlust von Selbstwertgefühl

Das Gruppengespräch der Caritas gibt es seit einem Jahr, das erste Mal in Frauenfeld. «Ist genügend Nachfrage da, wollen wir die Gespräche auch in Zukunft hier abhalten», sagt Salome Kern, welche das Gespräch leitet und über spezifische Fragen Bescheid weiss. Solidarisch verteilt jemand Wasser und Shorley. «Die Gruppe tut mir gut, zu lachen, sich auszutauschen und das soziale Leben zu spüren», meint eine Frau mittleren Alters. Betroffene lebten sonst versteckt und isoliert.

«Ich schäme mich, fühle mich schuldig», meint jemand anderes mit unsicherer Stimme. «Man verliert jegliches Selbstwertgefühl und zieht sich zurück.» Sie könne sich gerade noch so über Wasser halten, befinde sich im IV-Verfahren, «und ich will mich informieren, wie ich mein Leben mit Sozialhilfe meistern kann».

Kritik an hohen Mieten und kantonalem Gesetz

Eine Teilnehmerin kritisiert: «Manchmal muss ich mir anhören, ich sei zu wenig krank für eine IV-Rente.» Aussenstehende schockiert diese Aussage, die Gruppe sitzt stoisch da. «Es fehlt ein Netzwerk, Hilfe zur Selbsthilfe», ermutigt eine Frau, die selbst von Sozialhilfe lebt. «Das Hauptproblem für Armut sind die hohen Mieten», meint sie. Gerate jemand in die Spirale der Armut, sei es sehr schwierig, wieder herauszukommen. Belastend dazu komme das kantonale Gesetz, das Sozialhilfegelder Schulden gleichsetzt.

Sozialhilfe muss im Thurgau zurückerstattet werden

In der Schweiz waren im Jahr 2017 laut Bundesamt für Statistik 8,2 Prozent der Wohnbevölkerung in Privathaushalten von Einkommensarmut betroffen. Das entspricht rund 675'000 Personen. Die Armutsgrenze liegt für eine Einzelperson bei durchschnittlich 2259 Franken pro Monat, für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern bei 3990 Franken. Gemäss dem Thurgauer Gesetz über die öffentliche Sozialhilfe sind Empfänger von Unterstützungsbeträgen zur Rückerstattung verpflichtet, «soweit dies zumutbar ist». (sko)

Auf die Frage, ob man sich jemandem anvertrauen soll, gehen die Antworten auseinander. «Ich musste mich von meiner eigenen Familie abgrenzen, weil sie mir Faulheit vorgeworfen hat», meint jemand. Es gebe aber auch viele mit Verständnis, «vor allem jene, die selber schon unten durch mussten». Es sei an der Zeit, das Bewusstsein für Armut in der Öffentlichkeit zu stärken. Man müsse endlich neue Lösungen finden. «Sobald etwas schiefgeht, fällt man aus dem System und ist verloren», betont jemand. «Wir können ja mehr Geld drucken, dass alle mehr haben.» Alle in der Runde lachen.

Nächstes Gruppengespräch, Mi, 20. November, 13.30-16 Uhr, Gassenküche, Grabenstrasse 3

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