Berufsrisiko Zeckenbisse: Sirnacher und Wiler Förster berichten von Borreliose-Erkrankungen

Zwei Förster aus der Region sind schon mehrmals wegen einer Zecke an Borreliose erkrankt. Dies ist keine Seltenheit: Lokal wie national nimmt die Zahl der Erkrankungen durch Zeckenbisse zu. Die Ärzte raten, sich regelmässig abzusuchen – und impfen zu lassen.

Nicola Ryser
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Eine 0,5 bis 6 Millimeter grosse Zecke kann bis zu mehrere Tage an einem Menschen haften bleiben und Blut saugen. Dies kann schwere gesundheitliche Probleme zur Folge haben. (Bild: Fotolia)

Eine 0,5 bis 6 Millimeter grosse Zecke kann bis zu mehrere Tage an einem Menschen haften bleiben und Blut saugen. Dies kann schwere gesundheitliche Probleme zur Folge haben. (Bild: Fotolia)

Renaldo Vanzo ging es körperlich nicht gut, etwas stimmte nicht. Der Förster der Ortsgemeinde Wil konnte urplötzlich nicht mehr laufen, hatte Gefühlsstörungen in den Beinen. Schnell suchte er einen Arzt auf. Der stellte die Diagnose: Borreliose, eine Infektionskrankheit, übertragen von einer Zecke, die Vanzo an seinem Körper wohl übersehen hatte. Der Wiler Förster erhielt sogleich Antibiotika verabreicht. Zehn Jahre sei das her, erinnert er sich. Vanzo kam zur Genesung, doch das Pech blieb – wortwörtlich – an ihm haften. Denn nur einige Jahre später erlebte er ein Déja-vu:

«Ich hatte plötzlich Sehstörungen und musste nochmals zum Arzt gehen.»

Wieder hatte er eine Zecke übersehen, wieder ist er an Borreliose erkrankt, wieder musste er Antibiotika einnehmen.

Claude Engeler, Förster des Forstrevier Sirnach, hatte Ähnliches durchgestanden. Vor zehn Jahren fand er eine Zecke in seiner Kniekehle steckend. Er entfernte sie, doch nur eine Woche später hatte er Probleme mit der sich dort befindenden Sehne. «Da erinnerte ich mich, dass erst vor kurzem dort noch eine Zecke war.» Auch bei ihm wurde Borreliose diagnostiziert, er musste sich mit Antibiotika behandeln lassen. Als einige Zeit später eine Zecke an seiner Brust war, erkrankte er ein weiteres Mal am Bakterium Borrelia burgdorferi.

Region Wil gehört wie fast die ganze Schweiz zum Risikogebiet

Vanzo, seit 16 Jahren Förster, und Engeler, seit vier Jahrzehnten im Beruf tätig, befinden sich oft im Dickicht, pfaden durch Gestrüpp oder durchqueren hohe Wiesen, schliesslich sollen sie im Wald für Schutz und Ordnung sorgen. Deshalb seien Zeckenbisse bei ihnen keine Seltenheit, setzen sie sich schliesslich des Öfteren der Gefahr aus, von einer erwischt zu werden. «Bei uns Förstern gehört das nun mal zum Berufsrisiko», sagt Vanzo. Folglich sei es wichtig, dass man sich schütze, wenn immer man in den Wald gehe, beispielsweise indem man lange Kleidung trage und so die Haut abdecke.

«Falls es aber zum Biss kommt, muss man schnell reagieren.»

Die Beispiele von Renaldo Vanzo und Claude Engeler zeigen, dass selbst Menschen, die sich gut schützen und sich des Risikos bewusst sind, von einer Zecke gebissen zu werden, dennoch nicht verhindern können, dass es passiert und sie dadurch erkranken. Die Förster sind keine seltenen Opfer, im Gegenteil: Allein im Juli 2018 erlitten schweizweit rund 4500 Personen eine Borrelioseinfektion durch einen Zeckenbiss – ein neuer Rekord. Zudem infizierten sich im letzten Jahr 377 Menschen mit der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), also der zweiten Krankheit, die durch eine Zecke übertragen werden kann. Das Virus ist weitaus gefährlicher, da es eine Entzündung der Hirnhaut oder gar des Gehirns auslösen kann (siehe Box).

Wie fast die ganze Schweiz – einzige Ausnahme ist das Tessin – gehört auch die Region Wil zu den Risikogebieten. 2018 wurden im Spital Wil 83 Fälle behandelt, seit Anfang 2019 waren es 14. Das sind zwar aktuell niedrigere Werte als erwartet – im Vorjahr waren es zum selben Zeitpunkt bereits 20 Patienten mit Zeckenbissen –, doch Markus Rütti, Chefarzt der Medizin, relativiert: «Das hat primär damit zu tun, dass der diesjährige Frühling bisher nicht besonders warm war.» Das beeinflusse nicht nur die Aktivität der Zeckenpopulation, sondern auch das Verhalten der Menschen.

Denn: Je schöner das Wetter sei, desto mehr Menschen bewegten sich in der freien Natur. Rütti erwartet gar, dass der Trend der steigenden Anzahl Zeckenbisse darum weiter nach oben gehen wird: «Das Risiko eines Zeckenstichs hängt von unserem Freizeitverhalten ab. Und da das Klima zunehmend wärmer wird, könnte es die Menschen vermehrt ins Freie und in den Wald locken.» Als Folge würde auch die Zahl der Borreliose- und FSME-Erkrankten wachsen.

Impfung ist sowohl bei Kindern wie auch Senioren sinnvoll

Während man bei der Borreliose gute Genesungschancen habe – «bei einer frühzeitig und richtig behandelten Borreliose sind die Heilungsraten sehr gut, also bei über 90 Prozent» – gebe es bei der FSME keine ursächliche Behandlung. «Die unmittelbare Sterblichkeit ist zwar niedrig, allerdings können bis zu 50 Prozent der Erkrankten längerfristige neurologische Symptome aufweisen.»

Darum betont Rütti, dass Menschen, die sich regelmässig in Risikogebieten aufhalten, sich mit einer Impfung vor dem FSME-Virus schützen sollen – und dies bereits in jungen Jahren.

«Die Impfung ist bei Kindern ab einem Jahr möglich. Bei Kindern unter sechs Jahren gibt es aber nahezu kein Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung, weshalb eine Impfung erst ab diesem Lebensalter sinnvoll ist.»

Drei Injektionen innerhalb neun bis zwölf Monate bieten einen Langzeitschutz von über 95 Prozent. Nach zehn Jahren soll dann die Impfung aufgefrischt werden. Eine obere Altersgrenze gebe es dabei nicht: «Es macht Sinn, sich auch in hohem Alter gegen FSME impfen zu lassen.»

Ansonsten gelten die üblichen Regeln. «Die Kleider gut abschliessen, das Unterholz meiden und Substanzen gegen Insekten in Form von Sprays anwenden. Und natürlich empfiehlt es sich, nach dem Aufenthalt im Wald den Körper und die Kleider nach Zecken abzusuchen», sagt Rütti. Wenn ein Zeckenbiss entdeckt werde, solle man die Zecke rasch entfernen, die Stelle desinfizieren und den Zeitpunkt des Stiches notieren.

Alles aufschreiben – und vielleicht Kokosöl einstreichen

Renaldo Vanzo und Claude Engeler hielten sich eigentlich immer an solche Sicherheitsmassnahmen, wie sie auch das Kantonsforstamt vorschreibt, beide sind zudem geimpft. Dennoch hat es sie erwischt.

Vor allem Engeler, der eigentlich nicht anfällig auf Zecken sei, war überrascht ob den Erkrankungen:

«Es gab Jahre, da hatte ich gar keine Zeckenbisse. Es ist einfach eine Glücksache.»

Seit den Vorfällen ist ihm wichtig, dass er sich einprägt, wenn und wann er von einer Zecke erwischt wurde. «Man soll sich eine Notiz machen, es aufschreiben oder einfach jemandem sagen, dass man eine Zecke an sich entdeckt und sie entfernt hat. Denn wenn man eine Woche später grippeartige Symptome hat, vergisst man schnell, dass die Zecke der Auslöser sein könnte. Und dann wird es gefährlich.»

Renaldo Vanzo macht sich wegen der Zeckenbisse dennoch keine grossen Gedanken. Auch er wird weiterhin in den Wald gehen und danach seinen Körper gut absuchen. Und vielleicht wählt er mal eine unorthodoxe Alternative:

«Ein Kollege von mir reibt seinen Nacken und seine Hände immer mit Kokosöl ein, um sich zu schützen. Anscheinend funktioniert es. Er hatte noch nie eine Zecke am Körper.»

Der Zeckenbiss (-stich) und seine Folgen

Beisst die Zecke oder sticht sie? Bei der Definition des Terminus, wie eine Zecke bei Mensch und Tier zupackt, ist man sich uneinig. Verbreitet geläufig ist das Wort «Zeckenbiss», doch wissenschaftlich korrekt wäre der «Zeckenstich». Dies hat mit der Anatomie der Parasitenart zu tun. Zecken besitzen scherenartige Mundwerkzeuge und einen Stechrüssel. Damit reissen sie die Haut des Wirtes auf, graben eine Grube durchs Gewebe und saugen das Blut auf. Den Stich spüren wir nicht, da das Tier mit dem eigenen Speichel ein Betäubungsmittel absondert.

Wenn die Zecke eine längere Zeit an einem Menschen haften bleibt, können ernsthafte Konsequenzen entstehen. Denn: Bis zu 30 Prozent aller Zecken tragen das Bakterium Borrelia burgdorferi in sich, dadurch infizieren sich ein bis sechs Prozent der Menschen nach einem Zeckenstich mit der Lyme-Borreliose. Die Krankheit verläuft schleichend. Sie äusserst sich im Anfangsstadium in Form eines rötlichen Rings um die Einstichstelle, der sukzessive grösser wird. Wird die Borreliose nicht alsbald behandelt, können auch Muskeln, Gelenke oder Nervensysteme befallen werden. Es kommt zu grippeähnlichen Symptomen, Lähmungserscheinungen und Gelenkentzündungen.

Auch bei der FSME-Erkrankung ähneln die Symptome zu Beginn der einer Grippe. Hohes Fieber, das nach einer ersten Krankheitsphase wiederkommt, und starke Kopfschmerzen können erste Anzeichen für eine Hirnhautentzündung sein. Diese kann aufs Gehirn übergreifen und Sprachstörungen, Lähmungen und Bewusstseinsstörungen auslösen. Doch: Nur ein Prozent der Zecken tragen das FSME-Virus. (nir)

SIRNACH: 2020 trifft sich die Region

Ein Revierförster, eine Köhlerin und ein Meiler sollen möglich machen, was bisher nur schwer gelang: Die Grenzen der Regionen Wil und Hinterthurgau zu sprengen und die Menschen einander näherzubringen.
Hans Suter