Berufsmesse Thurgau: Wie Jugendliche ihre Zukunft bauen

Eine Arbeit mit Menschen, mit Materialien oder doch lieber mit Maschinen? An der Berufsmesse Thurgau in Weinfelden finden Jugendliche Inspiration und Wegweiser für die Wahl der passenden Ausbildung. Ein Rundgang durch die Welt der Möglichkeiten.

Ursula Ammann
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An der Berufsmesse Thurgau in Weinfelden können Jugendliche auch gleich ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten unter Beweis stellen. (Bild: Andrea Stalder)

An der Berufsmesse Thurgau in Weinfelden können Jugendliche auch gleich ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten unter Beweis stellen. (Bild: Andrea Stalder)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Merjem Alic, 13 Jahre alt, aus Erlen.

Merjem Alic, 13 Jahre alt, aus Erlen.

Es piepst. Das Blutdruckmessgerät hat seinen Dienst getan. Zumindest vorerst. Die Werte auf dem Display spielen für einmal eine untergeordnete Rolle, sind aber im grünen Bereich. Dies, obwohl der Beruf der medizinischen Praxisassistentin (MPA) das Herz der 13-jährigen Merjem Alic deutlich höher schlagen lässt. Sie hat deshalb am entsprechenden Stand Platz genommen und – zwecks eines hautnahen Berufseindrucks – auch gleich die Armbinde des Messgeräts umgebunden bekommen. Die Schülerin aus Erlen kann sich gut vorstellen, selbst einmal in einer Arztpraxis zu arbeiten und sich dort um Patientinnen und Patienten zu kümmern. «Ich mag es, von Menschen umgeben zu sein und ihnen zu ­helfen», sagt sie. An der Berufsmesse in Weinfelden möchte sie nun weitere ­Informationen zu ihrem Berufsziel sammeln.

Lehrlinge stehen Red und Antwort

Wie die Praxis in der Praxis aussieht, das verrät Noemi Ulacco. Die 17-Jährige ist im zweiten Lehrjahr als MPA. An der Berufsmesse beantwortet sie die Fragen der Jugendlichen und bestimmt nebenbei deren Blutdruck – manchmal sogar deren Blutzucker, sofern das Gegenüber einen kleinen Piks in den Finger nicht fürchtet. Ihr ist die Berufswahl nicht schwer gefallen. «Die Atmosphäre in Arztpraxen hat mich schon immer fasziniert», sagt sie. Ob Röntgen, Laborarbeiten oder der Umgang mit Patientinnen oder Patienten: Sie mache alles gerne. So wie Noemi Ulacco geben an der Berufsmesse Thurgau zahlreiche Lehrlinge, Ausgelernte und Chefs ihr Wissen, aber auch ihre Begeisterung rund um ihren Beruf weiter. In gut 200 Berufe und Ausbildungen erhalten die Besucherinnen und Besucher der Berufsmesse Thurgau Einblick.

Holger Wehrli, 13 Jahre alt, Frauenfeld.

Holger Wehrli, 13 Jahre alt, Frauenfeld.

Draussen vor dem Messezelt breiten sich auf 1,5 mal 1,5 Metern der Mont Blanc und dessen Umgebung aus. Ein paar ­Jugendliche beugen sich über den dreidimensionalen, schneebedeckten Berg und ziehen hin und wieder einen roll­baren Massstab darüber. Hier geht es um das Funktionsprinzip von GPS – etwas, womit sich Geomatikerinnen und Geomatiker auskennen müssen. Auch der 13-jährige Holger Wehrli beteiligt sich an den Berechnungsaufgaben, die am Stand zu lösen sind. Trotzdem ist Kreativität mehr sein Ding als Mathematik. «Ich mag es nicht so gerne, wenn es nur eine Lösung gibt», sagt der Frauenfelder. «Am liebsten hätte ich einen Beruf, der etwas mit Design zu tun hat.» Wie er ­dahin gelangt, weiss er bereits. «Zuerst will ich an die Kanti und später an die Zürcher Hochschule der Künste.»

Tiefe Maturitätsquote im Thurgau

Die gymnasiale Maturitätsquote ist im Thurgau vergleichsweise tief. Im Schweizer Durchschnitt geht jeder Fünfte an die Kantonsschule, im Thurgau jeder Siebte. Obwohl sich deutlich mehr für eine Lehre entscheiden, sind diesen Sommer über 430 Lehrstellen unbesetzt geblieben. Geburtenschwache Jahrgänge und ein anhaltender Bedarf an jungen Berufsfachkräften hätten in den letzten Jahren zu einem veritablen Lehrlingsmangel geführt. Das schreibt Marc Widler, Geschäftsführer der Berufsmesse Thurgau, im Programmheft. «Trotz dieser im Moment günstigen Ausgangslage für die Jugendlichen ist die Berufswahl noch lange kein Selbstläufer», macht er deutlich. Es gelte, im Dschungel der Berufe und Anschlussmöglichkeiten einen kühlen Kopf zu bewahren. Die Berufsmesse soll den Jugendlichen Inspiration und Orientierung bieten.

Eine saubere Bewerbung braucht auch ein gutes Foto. Diese Möglichkeit besteht an der Berufsmesse Thurgau. (Bild: Andrea Stalder)

Eine saubere Bewerbung braucht auch ein gutes Foto. Diese Möglichkeit besteht an der Berufsmesse Thurgau. (Bild: Andrea Stalder)

In Halle 1 klettert eine Schülerin mit Steigeisen an den Füssen einen hölzernen Mast hoch. Ob sie sich einmal für den Beruf der Netzelektrikerin Energie entscheiden wird? Jedenfalls hat sie von oben eine gute Aussicht über die anderen Stände – darunter jene der Milchtechnologen, der Baupraktiker und der Detailhandelsassistenten. Und sie ist nun auch auf der Höhe, was den Beruf der Netzelektriker betrifft. Klettern ist in dieser Branche nichts Aussergewöhnliches. In der Schweiz gebe es noch etwa 5000 Kilometer Freileitungen, sagt Adnan Hamidi, der am Stand aus seinem Berufsalltag als Netzelektriker Energie erzählt. Zwar sei das weniger als früher, aber der Beruf sterbe deswegen nicht aus, denn es gebe noch viele weitere ­Tätigkeiten. «Wir kümmern uns zum Beispiel auch um Strassen- und Weihnachtsbeleuchtungen», sagt Hamidi. Zum Arbeitsplatz in luftiger Höhe geht es dann aber nicht mit Steigeisen, sondern mit einer Hebebühne.

Den Traumberuf auf der Messe gefunden

Leandra Gmür, 14 Jahre alt, aus Salmsach.

Leandra Gmür, 14 Jahre alt, aus Salmsach.

Einige Meter weiter riecht es nach Holz. Bohrmaschinen surren. Hier stellen sich die Schreiner vor. An einem Stand verweilt Leandra Gmür. Die 14-Jährige aus Salmsach antwortet kurz und prägnant auf die Frage, wie ihr die Messe gefällt. «Es macht mega Spass», sagt sie und ­gerät ins Schwärmen darüber, dass sie mitten auf dem Messeareal bereits Flammkuchen zubereiten konnte. Berufe erlebbar zu machen, ist ein Ziel der Berufsmesse. Leandra Gmür möchte sich an diesem Tag noch einen Eindruck über das Profil der Gärtnerinnen und Gärtner verschaffen, ihren Favoriten hat sie aber schon gefunden. «Ich möchte einmal eine Lehre als Köchin machen. Für mich ist das ein Traumberuf.»

Berufsmesse: Das grosse Buhlen um den Nachwuchs

Die Schweiz ist stolz auf ihr duales Bildungssystem, doch viele Betriebe haben Mühe, ihre Lehrstellen zu besetzen. Die Folge ist ein Konkurrenzkampf, der an der grössten Schweizer Berufsmesse besonders intensiv tobt.
Dominic Wirth