Berliner interessieren sich für Berliner Erfindung in Frauenfeld

Mehr Bläue für eine Säule: Die letzten Litfasssäulen in der Stadt Frauenfeld sind Antithesen der Digitalisierung. Nun gestalten zwei Künstler die verwitterten Betonzylinder neu. Einer von ihnen ist der Berliner Michael Holzwarth.

Stefan Hilzinger
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Der Berliner Künstler Michael Holzwarth hält ein Farbmuster an die Litfasssäule am Murgplatz. (Bild: Andrea Stalder)

Der Berliner Künstler Michael Holzwarth hält ein Farbmuster an die Litfasssäule am Murgplatz. (Bild: Andrea Stalder)

Ob das Datum des nächsten Besuchs des Wanderzirkus’, die Parolen für eine Volksabstimmung oder die neuesten Limonaden-Geschmacksrichtungen: während Jahrzehnten verbreiteten Litfasssäulen Botschaften.

Doch die Digitalisierung hat die Betonzylinder arbeitslos gemacht. Auf grossen Lettern ist ringsherum zwar weiterhin «Allgemeine Plakatgesellschaft» zu entziffern, doch die APG hat für die meisten Säulen keine Verwendung mehr.

40 Prozent der Vorschläge aus deutscher Hauptstadt

In Frauenfeld werden nun zwei der drei noch existierenden Litfasssäulen künstlerisch umgewidmet. Das Amt für Kultur hatte Ende vergangenen Jahres einen Wettbewerb ausgeschrieben. Zum Zuge kommt laut dem Entscheid der Jury von Ende Februar einmal der gebürtige Frauenfelder Architekturfotograf Lucas Peters. Er gestaltet die Säule an der Gaswerkstrasse. Die zweite Säule geht an den Berliner Künstler Michael Holzwarth.

Zur Überraschung der Jury stammte nicht weniger als die Hälfte der 40 Vorschläge zur Säulengestaltung aus der deutschen Hauptstadt. «Der Berliner Künstlerverein hatte die Ausschreibung verbreitet», sagt Holzwarth. Dass sich gerade Berliner Künstler für den mit 5000 Franken dotierten Wettbewerb interessieren, kommt allerdings nicht von ungefähr. Schliesslich hat der Berliner Verleger Ernst Litfaß die Werbesäule 1855 erfunden, um gegen das wilde Plakatieren anzugehen.

«Shootings» ohne Fotograf und Kamera

Holzwarths Objekt ist die leicht schiefe Säule am Altweg unweit des Kreisels Murgplatz. Vor kurzem weilte der 32-Jährige Philosoph und Kulturwissenschafter für einen Augenschein in Frauenfeld. «Blauschatten» nennt er seine ausgesprochen analoge Kunstform. Holzwarth nimmt den Begriff «Fotografie» wörtlich: «Malen mit Licht.»

Goldfinger an der Gaswerkstrasse

Die zweite der beiden ausgedienten Litfasssäulen in Frauenfeld gestaltet der 42-jährige Architekturfotograf Lucas Peters aus Zürich. Die Säule an der Gabelung Rheinstrasse/Gaswerkstrasse soll künftig golden leuchten. Ihr neuer Glanz soll den Passanten das mittlerweile zwecklose Dasein der Säule in Erinnerung rufen und gleichzeitig für die «goldenen Verheissungen der Werbebranche» stehen, sagt Peters. Er kennt die Säule aus seiner Jugend, denn er ist in Frauenfeld aufgewachsen – und zwar an der Rheinstrasse vis-à-vis der Litfasssäule. «Ich kenne sie gut», sagt er. Ob er die Säule mit Blattgold überzieht oder sie mit goldener Farbe anmalt, sei noch nicht entschieden. Es gäbe weitere Fragen zu klären, unter anderem, wie die Bemalung fixiert werde. (hil)

Doch bei seinen «Shootings» gibt es weder eine Kamera noch einen Fotografen. Holzwarth bestreicht grosse Papierbögen mit einer lichtempfindlichen Emulsion. Im Freien legen sich dann Menschen möglichst nackt oder in Badehosen auf das Papier. Dann wird fünf Minuten belichtet. Wo viel Licht hinfällt, verfärbt sich das Papier dunkelblau, wo wenig Licht hinkommt, heben sich die Umrisse des Porträtierten blassblau ab. Holzwarth sagt:

«Ich will der allgegenwärtigen und doch flüchtigen digitalen Bilderwelt die unmittelbare Sinnlichkeit einer anderen Zeit entgegenstellen.»

Eine ähnliche Emulsion, die Eisensalze enthält, verwendeten die Pioniere der Fotografie, um Kontaktabzüge herzustellen. Nach dem Belichten muss das Papier gewässert werden. Was nicht mit dem UV-Licht reagiert hat, wird dabei ausgeschwemmt. Holzwarth tut dies mit Vorliebe direkt an Ort und Stelle in einem Fluss oder auch am Meer. Die Emulsion ist ungiftig.

Ein Dutzend Freiwillige lassen sich porträtieren

Im Mai will Holzwarth nochmals für fünf Tage nach Frauenfeld kommen, um die «Blauschatten» herzustellen und sie an der Litfasssäule anzubringen. «Es sollte halt möglichst schönes Wetter sein», sagt er. Nebst auf Sonne über Frauenfeld hofft er auf rund ein Dutzend Freiwillige, die sich für eines seiner Kunstwerke zur Verfügung stellen. Für intime blaue Lichtbilder, die Platz für Fantasie lassen.

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