BEOBACHTET
Wovor uns unsere Eltern in Frauenfeld immer gewarnt haben: Selbstanbringung im Rathaus und Pädagogik für Anfänger

Die Sprache treibt bisweilen seltsame Blüten. In der Thurgauer Kantonshauptstadt ist das nicht anders. Sei es aus der Hand von programmatischen Graffitikünstlern oder hochoffiziell am Rathausplatz.

Mathias Frei
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«Keine Selbstanbringung» beim Infoschalter im Rathaus.

«Keine Selbstanbringung» beim Infoschalter im Rathaus.

Bild: PD

Diese cheibe Substantivitis. «Keine Selbstanbringung» heisst es da an der Plakatwand neben dem Infoschalter im Rathauseingangsbereich. Noch schlimmer sind nur noch das Koppeln mittels Bindestrich und der sogenannte Deppenleerschlag. «Keine Selbstanbringung» bedeutet wohl, dass es verboten ist, eigenhändig etwaige Plakate anzubringen. Das liesse sich auch anders ausdrücken als mit «Keine Selbstanbringung». Eben zum Beispiel folgendermassen: «Bitte geben Sie Plakate für den Aushang am Infoschalter ab.» Oder auch:

«Wir hacken Ihnen nicht grad den Kopf ab. Denn das ist irgendwie blöd. Aber fragen Sie doch zuerst beim Infoschalter nach, bevor Sie ein Plakat aufhängen.»
Das Rathaus Frauenfeld.

Das Rathaus Frauenfeld.

Bild: Donato Caspari

Auf jeden Fall liest sich Selbstanbringung irgendwie anzüglich. Ein bisschen wie Selbstbefriedigung. Zufriedenes Personal ist natürlich ein wichtiges Kapital, nicht zuletzt in der öffentlichen Verwaltung. Aber Selbstbefriedigung am Arbeitsplatz muss ja nicht unbedingt sein. Wer sich schon gegen Covid-19 impfen lassen konnte, weiss, dass die entsprechende Anmeldung auf Selbstdeklaration beruht. Man gibt an, ob man an einer chronischen Krankheit leidet. Dann gibt es noch die Selbstkasteiung. In «Körper und Frömmigkeit in der mittelalterlichen Mentalitätsgeschichte» (Peter Dinzelbacher, 2007) ist von fünf zentralen Formen der Selbstkasteiung im Christentum die Rede: Fasten, Kniebeugen, Selbstgeisselung, Wachbleiben und sexuelle Enthaltsamkeit. Kann man machen, muss man aber nicht.

Heimwerkertum und Johann Wolfgang von Goethe

Dann gäbe es auch die Selbstanzeige, etwa bei Steuerhinterziehung. Das städtische Steueramt ist aber gar nicht im Rathaus daheim, sondern an der Freie Strasse 3. Bleibt dann noch: Selbst ist die Frau oder auch der Mann. Ein Schelm ist, wer an Selbstbefriedigung denkt. Pfui. Oder wie wäre es mit Do-it-yourself und Heimwerkertum? Auf jeden Fall verwendete schon Johann Wolfgang von Goethe diese Formel im «Faust II» von 1832.

Schriftzug am alten Werkhof an der Schlossmühlestrasse.

Schriftzug am alten Werkhof an der Schlossmühlestrasse.

Bild: Mathias Frei

Jetzt denkt man sich wohl: Gibt es keine grösseren Probleme in dieser Welt als «Keine Selbstanbringung»? Doch, gibt es. Aber bleiben wir beim Tüpflischeissertum. Da gibt es nämlich eine Sprayerei an der Schlossmühlestrasse beim Rank Richtung St.Gallerstrasse an der Mauer des alten städtischen Werkhofs, wo jetzt die kantonale Archäologie daheim ist. Zu lesen ist:

«Was wünscht ihr für eure Kinder?»

Das Fragezeichen ist zwar nur schwach erkennbar, doch es ist da. Aber, Heilandzack, das Verb wünschen ist doch reflexiv. Es müsste doch heissen: sich wünschen. Was wünscht ihr euch für eure Kinder? Gopferteli. Zum Glück hat der anonyme Verfasser dieser Frage nicht auch noch grad die Antwort mitgeliefert. Weltverbesserische Pädagogik für Anfänger muss nämlich auch nicht sein, vergleichbar mit Selbstkasteiung und Selbstbefriedigung im Büro.