Beliebte und anspruchsvolle Lehrstellen sind früh weg: Im Thurgau wurden rund zehn Prozent der Lehrverträge vor dem 1.November abgeschlossen

Lehrbetriebe halten sich immer weniger an die Fairplay-Aktion, dass Lehrverträge erst ab dem 1.November abgeschlossen werden. Das ist dem Kanton und einer GP-Kantonsrätin ein Dorn im Auge. Besonders früh werden jeweils KV-Lehrstellen vergeben.

Larissa Flammer
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Jeweils im Herbst können Sekundarschüler an der Berufsmesse Thurgau Informationen sammeln.

Jeweils im Herbst können Sekundarschüler an der Berufsmesse Thurgau Informationen sammeln.

Bild: Mareycke Frehner

«Fairplay 1. November» hiess die Aktion, welche die Schweizer Berufsbildung Ende der 1990er-Jahre lanciert hatte. Mit der Abmachung, vor dem 1. November keine Lehrverträge für den nächsten Sommer zu unterschreiben, wollte man den Jugendlichen den Druck etwas nehmen. «Die Vereinbarung wird meist nicht mehr respektiert», schrieb Kantonsrätin Sandra Reinhart (GP, Amriswil) in einer Einfachen Anfrage.

Sandra Reinhart.

Sandra Reinhart.

Bild: Donato Caspari

Diesen Eindruck teilt der Regierungsrat, wie er in seiner am Freitag veröffentlichten Antwort schreibt. Der Kanton hat als Lehrbetrieb eine Vorbildfunktion. Für den Regierungsrat ist es wichtig, dass bei der Rekrutierung die Berufswahlreife im Fokus steht, weshalb das mit «Fairplay 1. November» verfolgte Ziel erstrebenswert sei.

Die Verwaltung stehe allerdings mit der Privatwirtschaft im Wettbewerb um geeignete Lehrlinge, schreibt der Regierungsrat. Das müsse sie im Rekrutierungsprozess berücksichtigen.

Kanton müsse nicht immer beste Lehrlinge nehmen

Reinhart spricht von einem Hamsterrad. Jeder Betrieb wolle bei den ersten sein und die besten Lehrlinge erhalten. «So wird sich nie etwas ändern», sagt die Kantonsrätin. Ihrer Meinung nach sollte die kantonale Verwaltung auch nicht immer nur die besten Lehrlinge nehmen. Klar müssten die Jugendlichen die Anforderungen erfüllen, aber der Kanton könne auch jemandem mal eine Chance geben.

Reinhart würde sich wünschen, dass dieses Hamsterrad mit immer früher abgeschlossenen Lehrverträgen angehalten wird:

«Ich glaube, man kann es sich leisten, mit der Unterzeichnung des Vertrags zu warten, wenn man ein guter Arbeitgeber ist.»

Die Kantonsrätin stellt sich auch die Frage, wie die Gemeinden dies handhaben.

KV-Lehrverträge werden meist früh abgeschlossen

Zu dieser Frage kann Stefan Curiger etwas sagen. Der Leiter Betriebliche Bildung beim kantonalen Amt für Berufsbildung und Berufsberatung hat nachgesehen, in welchen Branchen Lehrverträge besonders früh abgeschlossen werden: Zeichner, Elektroinstallateure, Polymechaniker, Medizinische Praxisassistenten, Automatiker, Konstrukteure, Automobilfachpersonen.

Stefan Curiger.

Stefan Curiger.

Bild: Reto Martin

«Vor allem aber beim KV halten sich die Betriebe nicht an die Fairplay-Aktion.» Von Gemeinden und Banken erhält seine Abteilung viele Lehrverträge schon sehr früh – zum Teil schon im Juli, also mehr als ein Jahr vor Lehrbeginn. Curiger sagt:

«Da nehmen wir mit den Betrieben auch mal Kontakt auf oder retournieren die Verträge einfach und sagen: Wartet noch zu.»

Sowohl Curiger wie auch Reinhart verweisen auf das Alter der künftigen Lehrlinge. «Die Jugendlichen entwickeln sich noch stark im letzten Schuljahr», sagt der Abteilungsleiter. Die Kantonsrätin schreibt in ihrer Anfrage, dass sich die jungen Leute durch den Vertragsabschluss verpflichten, ohne alle Alternativen zu kennen und die eigenen Vorlieben genau ausgelotet zu haben.

Die Arbeitgeber hätten zu einem frühen Zeitpunkt noch relativ wenig Informationen über die Kandidaten. Reinhart schreibt: «Nicht selten kommt es auch deshalb zu Lehrabbrüchen oder zur Auflösung der Lehrverträge.» Curiger rät: Wenn es für beide Seiten stimmt, kann dem künftigen Lehrling definitiv zugesagt werden, mit dem Lehrabschluss sollte man aber warten.

Wegen Corona kommen die Verträge früher

Etwa zehn Prozent aller zu erwartenden Lehrverträge wurden im Thurgau dieses Jahr schon vor dem 1.November abgeschlossen. «Durch Corona kommen die Verträge eher früher», stellt Curiger fest. Grund sei wohl die gestiegene Unsicherheit. Grundsätzlich seien die anspruchsvollen vierjährigen Lehrstellen eher früh vergeben. Bei den unbeliebteren Lehren dauere es länger.