Belebung
«Es gibt verschiedene Aktivitäten, aber es braucht auch Zeit und Verständnis»: Frauenfeld will der Krise trotzen und das Zentrum attraktiver gestalten

Die Coronapandemie beschleunigt den Strukturwandel beim Gewerbe in der Frauenfelder Innenstadt. Die Stadt wirkt dagegen, mit verschiedenen Aktivitäten wie etwa einer Partnervermittlung oder einer erweiterten Realität.

Samuel Koch
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Vor den grossen Räumungsaktionen liegen noch Unmengen Neuschnee in der Altstadt.

Vor den grossen Räumungsaktionen liegen noch Unmengen Neuschnee in der Altstadt.

Bild: Andrea Stalder (Frauenfeld,
15. Januar 2021)

Verändert hat der grosse Schnee wenig. Immer schon unterlag die Frauenfelder Innenstadt einem Strukturwandel. Leerstände wurden durch neue Geschäfte aufgehoben. Und umgekehrt ergaben sich immer wieder neue Leerstände. So stehen die Räume des ehemaligen Finnshops im Haus zum Schwert an der Freiestrasse nach dessen Schliessung immer noch leer. Im Schaufenster hängt ein Zettel einer Immobilienfirma mit der «Gewerberäume zu vermieten». Im «Cittadella» kocht neu ein Grieche, nachdem das im Asylwesen tätige Betreuungsunternehmen ORS seine Geschäftsidee nicht mehr weiterführte. «Das ist freie Marktwirtschaft», sagt Peter Koch, seit Anfang September Leiter des städtischen Amtes für Wirtschaftsförderung und Kommunikation (AKW).

Nun aber akzentuiert Corona den Strukturwandel zusätzlich, wie die jüngsten Wechsel zeigen. Die Räume des «Café Figaro» an der Zürcherstrasse sind seit kurzem verwaist. Ebenso jene von Roman Scheiwiller, der sein gleichnamiges Reiseunternehmen an der Freiestrasse nach mehreren Jahren wieder aus der Altstadt zurückzieht. Den Gewerbetreibenden fehlt Umsatz, und die verlängerten Schutzmassnahmen verschärfen die Situation zusätzlich.

Seit dieser Woche dürfen nur noch Läden öffnen, die Güter des täglichen Bedarfs anbieten. Und auch in der Gastrobranche müssen die Lokalitäten mindestens bis Ende Februar geschlossen bleiben. Deshalb endet etwa die Zeit vom Bistro «La Trouvaille» von Brigitte Bianchi ohne kulinarische Verabschiedung für ihre Stammgäste. Am Schaufenster hängt ein Zettel, wonach «das kleine Reich geschlossen bleibt». Bianchi schreibt weiter: «Es tut mir im Herzen weh, aber im Moment muss es so sein.»

Übergangsphase nach interner Bereinigung

Was kann die Stadt gegen den Strukturwandel und die beschleunigte Fluktuation tun? In Verhandlungen zwischen Mietern und Vermietern will sie jedenfalls keine aktive Rolle spielen, wie Peter Koch sagt. «Das regeln sie untereinander.» Im Rahmen der angestossenen Aktion «Miteinander Frauenfeld gestalten» (MFG) innerhalb des Projekts «Neue Regionalpolitik» (NRP) erhoffen sich die IG Fit und die Stadt zur Attraktivierung der Innenstadt aber schon mehr Mitwirkung, wie der Stadtrat unter anderem in seiner Beantwortung zur Einfachen Anfrage von Gemeinderat Romeo Küng (SVP) offenbart hat.

Peter Koch, Leiter Amt für Wirtschaftsförderung und Kommunikation.

Peter Koch, Leiter Amt für Wirtschaftsförderung und Kommunikation.

Bild: PD
«Es gibt verschiedene Aktivitäten, aber es braucht auch Zeit und Verständnis, damit alle Beteiligten zusammen die Innenstadt attraktiver gestalten können.»

Denn in dem seit April neu aufgestellten AKW herrschte unter anderem nach der Kündigung von Heinz Egli und dem Wechsel von Robert Scherzinger zum Tiefbauamt organisatorisch lange Personalnotstand, bis Koch im September die Leitung von der interimistisch führenden Sabina Ruff übernommen hat. Nach einer Übergangsphase ist das AKW «organisatorisch bereinigt», wie Koch, langjährige Senior-Projektleiter der Wirtschaftsförderung beim kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit, sagt.

Und das AKW ist bereit für weitere Taten, auch dank der Zustimmung des Gemeinderates im Sommer 2019 für den 470000-Franken-Kredit zur Attraktivierung der Innenstadt, den der Kanton mit weiteren 300000 Franken erhöht hat.

Plattform für Partnervermittlung

Im Wesentlichen fokussiert die Stadt bei der Belebung auf folgende drei Teilprojekte:

  • Stärkung Kundenorientierung und Kundenbindung
  • Digitalisierung und Erreichbarkeit
  • Partizipative Erarbeitung und Umsetzung räumlicher Entwicklungsstrategie

Was abstrakt tönt, erklärt Koch mit einzelnen Beispielen. So führt die Stadt eine Eigentümerliste mit aktuellen Leerständen, quasi eine Partnervermittlung für Mieter und Vermieter. «Das hilft, um mit Parteien ins Gespräch zu kommen, und ermöglicht es Vermietern, schneller wieder etwas Miete zu bekommen», sagt Koch. Die IG Fit und die Stadt erarbeiten dazu eine Lösung zur Aufschaltung einer Pop-Up-Shop-Vermittlung auf der Website der IG Fit. Das Interesse für eine solche Plattform sei vorhanden.

Ein anderes Beispiel brachte bereits Detailhandelsexperte Chalid El Ashker an einem Infoanlass für Gewerbetreibende im Herbst aufs Parkett. So animiert die Stadt das Gewerbe etwa fürs Konzept «Shop in Shop», bei dem sich unterschiedliche Händler für die Nutzung von Synergien zusammentun, etwa eine Bank und eine Bäckerei. «Da gibt es schon einzelne Gespräche, um die Flächen zu beleben», sagt Koch.

Angepasstes Stadtportal und erweiterte Realität

Als weiteren Fortschritt stellt die Stadt ihr Stadtportal mit Hilfe der Firma Guidle neu auf. «Es wird mehr Rubriken geben und Möglichkeiten, seinen Verein, seine Dienstleistungen ohne eigene Website selbst zu bewerben», sagt Koch. Und mit Augmented Reality – erweiterter Realität – will Frauenfeld als erste Schweizer Stadt Ladenbetreibern eine Plattform bieten. Dabei werden Infos auf einem physischen Träger in der App der Firma Xtend mit interaktiven Inhalten ergänzt. «So kann ein Restaurant mit einem Kleber beim Eingang auf einen Willkommensfilm hinweisen, den sich jeder Gast anschauen kann», erklärt Koch.

Nebst technischen Neuerungen wie der Einführung aller heutzutage gängigen Zahlungsmitteln arbeitet die Stadt derzeit an einem neuen Angebot für Heimlieferungen. Koch sagt:

«Wir sind in Gesprächen für ein einheitliches System für Stadt und Region».

Spruchreif sei das zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht. Eine weitere wichtige Rolle bei der Belebung der Innenstadt spielt die räumliche Entwicklung, die extern in Absprache mit Mietern, Eigentümern und Anwohnern aber auch intern im Austausch mit dem Departement für Bau und Verkehr vorwärts gebracht werden soll. Stichwort: Begegnungszone. Peter Koch ist sich bewusst, dass es sich dabei in Frauenfeld um ein heisses Eisen handelt. Aber er sagt: «Das sind die zentralen Fragen, mit denen wir uns beschäftigen müssen.» Hinzu kommt die Ungewissheit durch die Pandemie.