Bauern und Naturschützer ärgern sich über das Abpumpen von Grundwasser im Thurtal

Bauern fürchten eine Wassernot. Das Amt für Umwelt bestätigt: Wegen einer Baustelle in Felben sinkt der Grundwasserpegel
bis zu 40 Zentimeter.

Thomas Wunderlin
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Den Amphibien im Räckholderbüel in Felben geht das Wasser aus.

Den Amphibien im Räckholderbüel in Felben geht das Wasser aus. 

PD/Daniel Jung
  • 20'000 Liter Grundwasser werden aus einer Baugrube pro Minute abgepumpt.
  • Die Auswirkungen sind bis zu 1000 Meter im Umkreis messbar.
  • Prognosen über Wasserstände im Frühling sind schwierig.

Daniel Jung sorgt sich um Molche und Kröten. Der Präsident der Naturschutzgruppe Felben-Wellhausen hat beim Räckholderbüel, einem geschützten Amphibienweiher, «eine markante, noch nie festgestellte Absenkung des Grundwasserspiegels beobachtet», wie er dem Gemeindepräsidenten schrieb. Laut Jung könnte das fehlende Wasser auch Bäume beeinträchtigen sowie die Landwirtschaft, die bereits einen trockenen Sommer hinter sich hat.

Naturschützer Daniel Jung.

Naturschützer Daniel Jung.

Nana Do Carmo

Obstbauer braucht Wasser als Frostschutz im Frühling

Beat Lehner fürchtet um die nächste Obsternte. Der Pegel in seiner Grundwasserfassung sei tiefer gefallen als im Hitzesommer 2003, wenn er sich richtig erinnere. Der Inhaber einer Baumschule hat in Wellhausen auf 30 Hektaren Apfel-, Birnen- und Kirschbäume angepflanzt. Als Schutz gegen den nächtlichen Frühlingsfrost beregnet Lehner die Blüten:

«Wenn das Wasser stoppt, geht die ganze Ernte kaputt.»

Hugo Hofer wundert sich über den Pegel, der «einen Meter unter normal» stehe: «Wir hatten an sich einen nassen Herbst.» Der Hüttlinger Bauer möchte nicht, dass er und seine Standesgenossen zu Sündenböcken gemacht werden, wenn sie im Sommer wieder Wasser brauchen, um Nahrungsmittel zu produzieren.

Gemeindepräsident Werner Künzler.

Gemeindepräsident Werner Künzler.

TZ

Der Naturschützer und die Bauern sind aufgebracht wegen der Grossbaustelle einer Wohnüberbauung an der Wiesenstrasse in Felben. Aus der Baugrube werden nach Angaben von Gemeindepräsident Werner Künzler pro Minute 20'000 Liter Grundwasser abgepumpt. Sonst könnte gar nicht gearbeitet werden. Zum Vergleich: In der Region Frauenfeld werden pro Person und Jahr durchschnittlich 100'000 Liter verbraucht.

Für Naturschützer Jung ist es offensichtlich, dass der tiefe Grundwasserspiegel mit der Baustelle zusammenhängt. Den Wassermangel auf die geringen Niederschläge zurückzuführen, sei fragwürdig und ein Versuch, das Problem des massiven Abpumpens zu verharmlosen, schreibt er dieser Zeitung:

«Nach unseren Beobachtungen war der Grundwasserstand auch in trockenen Wintern nie so tief.»

Räckholderbüel

Im Juli 2019 fehlte es nicht an Wasser. (Bild: PD/Daniel Jung)

Der Frauenfelder BDP-Kantonsrat Roland A. Huber hat zur Baustelle in Felben eine Einfache Anfrage eingereicht. Er bezeichnet es als «Skandal», dass «kostbarstes Trinkwasser den Bach runtergespült» wird, und bezweifelt die Aussage des Gemeindepräsidenten, dass 15'000 Liter pro Minute ins Grundwasser zurückgeführt werden. Für eine Rückführung einer derart grossen Menge Wasser brauche es eine Versickerungsfläche von mindestens einer Hektare: «Wo befindet sich diese?»

Ein Anruf beim Amt für Umwelt landet bei Dominique Zimmer, Abteilung Gewässerqualität und -nutzung. Das Abpumpen bei der Baustelle in Felben führe im Umkreis von rund 1000 Metern zu einem Absinken des Grundwasserspiegels, teilt er anschliessend per Mail mit. Ausserhalb dieses Radius’ sei es eine Kombination von Absenkung und Trockenheit. Der Pegelstand von 2003 werde gemäss den Messreihen des Amts für Umwelt nicht unterschritten.

Verschiedene Messstellen in der Region zeigen laut Zimmer einen äusserst tiefen Grundwasserstand, beispielsweise in Pfyn, im Pumpwerk Widen 3 und an der Messstelle A1 im Thurvorland. Die Pegelstände seien vergleichbar mit Ende Juli 2019. Eine Ausnahme bilde der Pegel in Gruben – rund 900 Meter östlich der Baustelle, der «verglichen mit dem natürlichen Grundwasserstand» rund 20 Zentimeter tiefer liege. Im Weiher Räckholderbüel betrügen die Auswirkungen 30 bis maximal 40 Zentimeter; diese Differenz decke sich mit der Modellrechnung des Amts für Umwelt.

Mit Schluckbrunnen zurück in den Untergrund gepresst

Das abgepumpte Wasser wird zu rund 80 Prozent wieder dem Grundwasser zugeführt, bestätigt Zimmer die Angaben des Gemeindepräsidenten. Dazu werden sogenannte Schluckbrunnen verwendet. Dabei handelt es sich um bis zu 12 Meter tiefe Schächte, in denen das Wasser unter Druck in den Grundwasserträger gepresst wird. Das Amt für Umwelt wird die Situation noch einmal analysieren und am 6. Februar mit den betroffenen Landwirten besprechen. «Wenn mehrere
 trockene Jahre aufeinander folgen, können Engpässe in der Trink- und Brauchwassernutzung nicht ausgeschlossen werden», erklärt Zimmer. Momentan hab es genügend Wasser für die Trink- und Brauchwassernutzung:

«Die Voraussage für eventuelle Defizite ist schwierig.»
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