Wilenerin kümmert sich ehrenamtlich um Fledermäuse

Manuela Häusler pflegt verletzte Fledermäuse. Das Überleben wird für die geschützten Tiere jedoch immer schwieriger. Daran will auch die Internationale Nacht der Fledermäuse vom kommenden Wochenende erinnern.

Tobias Bruggmann
Drucken
Teilen
Manuela Häusler darf «Fledi» wegen der Bissgefahr nur mit Handschuhen anfassen. (Bild: Tobias Bruggmann)

Manuela Häusler darf «Fledi» wegen der Bissgefahr nur mit Handschuhen anfassen. (Bild: Tobias Bruggmann)

Vorsichtig öffnet Manuela Häusler den daumengrossen Flügel der verletzten Fledermaus. Zwei grosse Löcher im Flügel werden sichtbar. Von einem Katzenbiss, stellt Häusler rasch fest. Fliegen kann die Fledermaus so nicht.

Manuela Häusler betreibt in Wilen eine von sechs Notpflegestationen für Fledermäuse im Thurgau. Hier werden kranke oder verletzte Fledermäuse aufgenommen. Zuerst werden sie beurteilt: Wenn eine Überlebenschance besteht, werden die Tiere gepflegt, gefüttert und verarztet. Jede Fledermaus in der Station bekommt einen Namen. Die Flügel von «Fledi» werden eingecremt, danach muss sie ruhen.

Fledermäuse sind vom Aussterben bedroht. Von den 30 Arten, welche in der Schweiz existieren, steht die Hälfte auf der roten Liste, weitere sieben Arten sind potenziell gefährdet. Doch die grössten Feinde der Fledermaus sind nicht etwa ihre Fressfeinde wie Katzen, Eulen oder Steinmarder. Der grösste Feind ist der Mensch.

Insektensterben bringt Futtermangel

«Seit den Sechzigerjahren ist die Fledermauspopulation stark zurückgegangen, weil man in der Landwirtschaft viele Pestizide eingesetzt hat. Dadurch starben Insekten, viele Fledermäuse fanden keine Nahrung mehr», sagt Manuela Häusler. Das Insektensterben setzt sich bis heute fort, auch weil sich der Lebensraum verändert. Wenn Menschen mehr bauen, verlieren die Insekten und die Fledermäuse ihre bevorzugte Umwelt. Sie brauchen Bäume, Nischen oder Spalten als Unterschlupf. Fledermäuse fliegen in der Nacht. Die hohe Lichtverschmutzung in der Schweiz verängstigt sie jedoch.

Manuela Häusler mochte Fledermäuse schon als kleines Kind. «Ich war damals keine Freundin von kuscheligen Tieren», sagt sie und lacht. Wenn ihre heutigen Freunde von den Fledermäusen hören, sind die Reaktionen gemischt: «Die einen finden es spannend, andere erinnern sich an das schlechte Image, welches die Fledermaus hat.» Das Image als Blutsauger hat die Fledermaus jedoch zu Unrecht: Sie ist ungefährlich für den Menschen. Manuela Häusler weiss jedoch, woher das schlechte Image kommt: «Fledermäuse sind nachtaktiv, deshalb sieht man sie wenig.» Doch die Fledermäuse erfüllen eine wichtige Aufgabe: Sie fressen Insekten. Dadurch werden die Sommertage für die Menschen angenehmer, es gibt weniger Ernteschäden und die Bauern müssen weniger Pestizide einsetzten. Der Kot der Fledermäuse ist zudem ein guter Dünger auf dem Feld.

«Ich war schon als Kind keine Freundin von kuscheligen Tieren.»

Manuela Häusler, Fledermauspflegerin

In der Notpflegestation füttert Manuela Häusler ihren Patienten «Fledi» mit Mehlwürmern. Mit einer Pinzette pult sie zwei kleine Tiere aus der Dose und legt sie in eine graue Box, die das temporäre Zuhause von «Fledi» ist. Fledermäuse nehmen jeden Tag die Hälfte ihres Körpergewichts als Nahrung zu sich. Je nach Grösse und Art ist eine Fledermaus 4 bis 28 Gramm schwer. In der Box liegt bereits ein kleiner Teller, in der Grösse eines Flaschendeckels, welcher mit Trinkwasser gefüllt ist. Die Grösse einer Fledermaus ist je nach Art unterschiedlich: Die Flügelspannbreite variiert von der Grösse eines Kugelschreibers bis zur Grösse einer Elle. Weltweit gibt es 800 verschiedene Fledermausarten, in den Kantonen Thurgau und St. Gallen leben rund 20 verschiedene Arten. Fledermäuse sind in der Schweiz bundesrechtlich geschützt.

Trotz des Artenschutzes betreibt Manuela Häusler die Notpflegestation ehrenamtlich. Die Box für «Fledi» ist selbst gebaut, Geld bekommt sie für ihre Arbeit keine. Auch die kantonale Koordinationsstelle für Fledermausschutz arbeitet nur mit Spesenentschädigungen und ist auf Spenden angewiesen.

Die Überlebenschance für eine junge Fledermaus im ersten Lebensjahr beträgt 50 Prozent: «Ein junges Tier ist neugierig und fliegt noch etwas langsamer. Da haben Katzen bessere Chancen, die Fledermaus zu erwischen», sagt Manuela Häusler. In ihrer Pflegestation dürften 19 Tiere gleichzeitig sein. Doch so viele waren es noch nie – und zurzeit ist «Fledi» der einzige Patient.

Verletzte Tiere melden

Findet man eine Fledermaus, braucht man keine Angst zu haben. «Man sollte sie aber nicht anfassen, da die Fledermaus sonst zubeissen könnte», rät Manuela Häusler. Ist das Tier verletzt, sollte man sie mit Handschuhen in eine ausgepolsterte Schachtel hineinsetzen, etwas Wasser dazugeben und die Schachtel gut zukleben, damit die Fledermaus nicht entkommen kann, und das Tier bei einer Notpflegestation melden, erklärt Häusler weiter.

Im Schnitt bleibt eine Fledermaus ungefähr eine Woche bei Manuela Häusler. Sobald die Risse von «Fledi» verheilt sind, wird sie ihn genau an der Stelle aussetzen, wo er gefunden wurde. Dann kommt der Lohn für die Arbeit, wenn die Nothelferin zur Fledermaus sagen kann: «Mach es gut. Ich hoffe, wir sehen uns nicht mehr wieder.»

Hinweis Zur Internationalen Nacht der Fledermäuse finden im Thurgau diverse Veranstaltungen statt: www.fledermausschutz-tg.ch.