Kurzarbeit statt Kündigungen - Thurgauer Wirtschaftsverbände appellieren an Unternehmen

Gegen 2000 Gesuche für Kurzarbeit gingen bereits beim kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit ein. Thurgauer Wirtschaftsverbände appellieren, davon Gebrauch zu machen und auf Kündigungen zu verzichten.

Sebastian Keller
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Jérôme Müggler. Direktor der Industrie- und Handelskammer (IHK) Thurgau.

Jérôme Müggler. Direktor der Industrie- und Handelskammer (IHK) Thurgau.

Reto Martin

Die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus treffen die Thurgauer Wirtschaft hart. Das lässt sich an der Anzahl Kurzarbeitsgesuche ablesen. Gegen 2000 Anträge gingen beim Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) ein. «Alle wurden bewilligt», sagt Amtschef Daniel Wessner.

Damit ist deren Anzahl explodiert. Am 13. März waren es 51. Die Idee von Kurzarbeit: Der Staat springt für eine gewisse Zeit als Lohnzahler in die Bresche. Das soll Arbeitsplätze sichern. Zu kämpfen haben aktuell viele Wirtschaftszweige. «Alle Branchen, die von den Massnahmen des Bundes betroffen sind», sagt Wessner.

Auch Selbstständige bekommen Hilfe

Selbstständige haben keinen Anspruch auf Kurzarbeit. Doch nun greift ihnen der Staat unter die Arme. Er hat auch Sofortmassnahmen für Selbstständigerwerbende beschlossen. Das ist auf einem Merkblatt zu lesen, welches das Sozialversicherungszentrum Thurgau publiziert hat. Das bedeutet: Auch Personal Trainer, Coiffeure und Beizer können einen Teil des Erwerbsausfalls geltend machen.

Amtschef Wessner appelliert an die Unternehmer:

«Wichtig ist, dass die Arbeitgeber auf die Unterstützung des Bundes und des Kantons zur Überbrückung der anspruchsvollen Zeit vertrauen, diese in Anspruch nehmen und keine Kündigungen aussprechen.»

Diesen Appell unterschreiben der Thurgauer Gewerbeverband und die Industrie und Handelskammer (IHK) Thurgau. IHK-Direktor Jérôme Müggler erklärt: Entlässt man heute jemanden, entlaste dies erst nach Ablauf der Kündigungsfrist die Kasse. Kurzarbeit sei sofort wirksam. «Das gibt etwas Luft.» Zudem gehe er davon aus, dass der jetzige Zustande nicht ewig dauert. «Damit die Wirtschaft nach der Krise wieder Fahrt aufnimmt, braucht es Personal.»

Fast alle Unternehmen irgendwie betroffen

Wie ist die Stimmung bei den Unternehmern? «Es ist für fast alle eine schwierige Situation», sagt Müggler. Viele mussten vorübergehend schliessen. Doch auch Firmen, die weiter arbeiten dürfen, spüren die Krise. So etwa Thurgauer Zulieferbetriebe für die deutsche Autoindustrie. Autos rollen keine mehr vom Förderband. Müggler sagt:

«Das spüren die Zulieferer eins zu eins.»

Auch die unterbrochenen Lieferketten hemmen Industrie und Gewerbe.

Der Bund hat ein milliardenschweres Hilfspaket geschnürt. So ist es ab Donnerstag möglich, leichter Kredite zu erhalten. Damit sollen Unternehmen mit Geld versorgt werden. Jérôme Müggler sagt: «Auch gesunde Unternehmen können meist nicht mehrere Monate ohne Geschäftstätigkeit überleben.»

«Wir sind zurückhaltend bei der Forderung nach dem Giesskannenprinzip», sagt der IHK-Direktor auf weitere kantonale Hilfe angesprochen. Man sei aber im Gespräch, welche unterstützenden kantonalen Massnahmen ergriffen werden könnten. Müggler schwebt etwa die Stundung von Steuerschulden vor. Andere Kantone hätten auch bereits mehr Zeit für die Steuererklärung eingeräumt. «Oder der Kanton bezahlt private Lieferanten sofort», nennt Müggler eine weitere Idee. Kreativität und unbürokratisches Handeln seien gefragt.

Am Freitag gab die Thurgauer Regierung bekannt, 70 Millionen Franken – der Ertragsüberschuss 2019 des Kantons – für die Krisenbewältigung auf die Seite zu legen. Mit 20 Millionen Franken werden Coronarückstellungen gebildet, 24 Millionen Franken fliessen in den Arbeitsmarktfonds. Dieser ist per Ende 2019 mit 28,9 Millionen Franken gefüllt.

Daniel Wessner vom AWA erklärt: «Aus dem Arbeitsmarktfonds können beschäftigungspolitische Massnahmen finanziert werden.» Eine vom Regierungsrat einberufene Arbeitsgruppe prüfe verschiedene mögliche Optionen.

Die Rezession kommt bestimmt

Für SGKB-Investment-Chef Thomas Stucki ist eine Rezession unausweichlich. Es bestehen aber Chancen auf eine schnelle Erholung.
Kaspar Enz